Politik

Mobilisierung in Russland könnte Putins größtes innenpolitisches Risiko werden

Russland gehen die Freiwilligen für den Ukrainekrieg aus, doch eine neue Mobilisierung könnte für den Kreml selbst zur Gefahr werden. Putin muss entscheiden, wie lange sich militärischer Personalbedarf, wirtschaftlicher Druck und wachsende Kriegsmüdigkeit noch gleichzeitig beherrschen lassen. Nach der Duma-Wahl könnte eine Entscheidung fallen, deren Folgen weit über das Schlachtfeld hinausreichen.
08.08.2026 13:57
Lesezeit: 7 min
Mobilisierung in Russland könnte Putins größtes innenpolitisches Risiko werden
Russland fehlen Soldaten für den Ukrainekrieg. Nach der Duma-Wahl könnte Putin eine neue Mobilisierung anordnen. (Foto: dpa/Pool Sputnik Kremlin | Vyacheslav Prokofyev) Foto: Vyacheslav Prokofyev

Mobilisierung in Russland: Dem Kreml gehen die Soldaten aus

Russland gerät im Krieg gegen die Ukraine zunehmend unter Druck. Damit stellt sich immer drängender die Frage, ob der russische Staatschef Wladimir Putin eine politisch kostspielige Mobilisierung anordnen wird. Experten gehen davon aus, dass sich die Ziele des Kremls in der Ukraine nicht verändert haben und zumindest eine teilweise Mobilisierung in Russland kaum zu vermeiden sein dürfte. Als vorübergehendes Hindernis gelten vor allem die bevorstehenden Wahlen zur Staatsduma. Das berichten unsere Kollegen von Verslo žinios.

Der Kreml bestreitet offiziell, eine neue Mobilisierungswelle vorzubereiten. Doch wie so oft in Russland unterscheiden sich öffentliche Aussagen und tatsächliche Vorbereitungen erheblich. Für Russland wird es immer schwieriger, freiwillige Soldaten für den Krieg gegen die Ukraine zu gewinnen. Immer weniger Männer sind bereit, das Risiko einzugehen, an die Front geschickt und dort möglicherweise getötet zu werden. Moskau konnte lange Zeit mit hohen Prämien und überdurchschnittlichen Gehältern neue Soldaten anwerben. Doch angesichts internationaler Sanktionen und wachsender wirtschaftlicher Probleme wird es zunehmend schwieriger, diese finanziellen Anreize zu finanzieren. Zugleich verlieren selbst großzügige Zahlungen angesichts der hohen Zahl gefallener Soldaten an Wirkung.

In europäischen Regierungskreisen wird häufig von 30.000 bis 40.000 russischen Verlusten pro Monat gesprochen. Berechnungen zeigen zudem, dass Russland in den vergangenen drei Monaten Teile der illegal besetzten ukrainischen Gebiete verloren hat, auch wenn die territorialen Veränderungen bislang gering ausfallen.

Ein weiteres Anzeichen für die zunehmenden Rekrutierungsprobleme war eine intensive Kampagne, die in diesem Jahr an russischen Universitäten begonnen hat. Studenten wurden unter Druck gesetzt, sich Einheiten anzuschließen, die mit Drohnen arbeiten. Einigen Studenten, die ihre Prüfungen im Winter nicht bestanden hatten, wurden Militärverträge als "Alternative zum Ausschluss von der Universität" angeboten.

Die russischen Behörden legten zudem Rekrutierungsquoten für Universitäten fest. Auf diese Weise sollen möglichst viele Studenten für den Militärdienst gewonnen werden. "Ähnliche Kampagnen richteten sich auch an Migranten, Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten und Obdachlose", sagte Sergej Kriwenko, Leiter der Menschenrechtsorganisation "Citizen. Army. Law.", gegenüber "The Moscow Times". Nach Angaben Kriwenkos lässt sich die Zahl solcher Fälle im gesamten Land weiterhin nur schwer bestimmen. Die Entwicklung zeige jedoch, dass die russischen Rekrutierungsmaßnahmen aggressiver geworden seien.

Trotz dieser Bemühungen ist die Zahl der neuen Rekruten in Moskau und anderen Teilen Russlands in diesem Jahr gegenüber 2025 um rund ein Drittel gesunken. Das berichteten die unabhängigen russischen Medienportale "Vyorstka" und "IStories". Die Entwicklung verstärkt Spekulationen, dass Russland schließlich eine neue Mobilisierung ausrufen könnte. "Niemand kümmert sich um die Verluste. Das Wichtigste ist, den Ruf Putins selbst zu bewahren. Daher ist das durchaus möglich", sagte ein nicht namentlich genannter russischer General gegenüber "The Moscow Times".

Kreml schafft Voraussetzungen für eine neue Mobilisierungswelle

Menschenrechtsexperten weisen darauf hin, dass Russland bereits die rechtlichen und administrativen Mechanismen geschaffen hat, die für eine weitere Mobilisierungswelle erforderlich wären. Nach russischem Recht kann eine Mobilisierung durch ein Dekret des Präsidenten angeordnet werden. Das von Putin im September 2022 erlassene Dekret zur Einberufung von Reservisten ist zudem rechtlich weiterhin gültig. "Das bedeutet, dass die Behörden lediglich eine gesonderte, möglicherweise geheime Anordnung des Präsidenten erlassen könnten, die das Verteidigungsministerium dazu verpflichtet, eine bestimmte zusätzliche Zahl von Menschen einzuberufen", sagte Kriwenko.

Seit der Mobilisierung von 2022 hat Russland außerdem sein System zur militärischen Registrierung erheblich ausgebaut. Dazu gehören elektronische Datenbanken sowie neue Vorschriften, nach denen Arbeitgeber Informationen über Bürger übermitteln müssen, die für den Militärdienst infrage kommen.

Aus wirtschaftlicher Sicht würde eine deutliche Vergrößerung der Armee allerdings erhebliche zusätzliche Ausgaben verursachen. Mobilisierte Soldaten müssten Gehälter erhalten, die mit den Zahlungen an die 2022 eingezogenen Soldaten vergleichbar wären. Für den Kreml wäre dies eine weitere Belastung, da sowohl der russische Bundeshaushalt als auch regionale Haushalte bereits vor erheblichen finanziellen Herausforderungen stehen. Putin kennt auch die politischen Risiken einer Mobilisierung. Er weiß, dass unzufriedene russische Soldaten eine entscheidende Rolle bei den Unruhen spielten, die 1917 zum Zusammenbruch des zaristischen Russischen Reiches beitrugen.

Putin unter Druck: Warum Russland eine neue Mobilisierung drohen könnte

Julia Davis, Expertin des in Washington ansässigen Center for European Policy Analysis, erklärte, selbst Putins Propagandisten seien sich darüber im Klaren, dass bereits Andeutungen über eine mögliche Mobilisierung Unruhe in der russischen Gesellschaft auslösen könnten. "Die hartnäckige Arbeit russischer Propagandisten wird teilweise durch Mitarbeiter der Wehrersatzbehörden untergraben. Sie nutzen die Gerüchte über eine Mobilisierung, um unentschlossene Bürger dazu zu bewegen, sich jetzt zu melden und eine Prämie für den Eintritt in die Armee zu erhalten. Dabei veröffentlichen sie Aufrufe mit der Botschaft: 'Warum auf die Mobilisierung warten? Diene jetzt gegen Bezahlung'", erklärte Davis.

Da die Zahl freiwilliger Rekruten sinkt und das Reservoir an Gefängnisinsassen weitgehend ausgeschöpft ist, befindet sich Putin in einer schwierigen Lage. Sollte Russland seinen personellen Vorteil auf dem Schlachtfeld nicht aufrechterhalten können, droht sich die Invasion der Ukraine für Moskau zunehmend in einen verlustreichen Abnutzungskrieg zu verwandeln. Gleichzeitig lehnt Putin weiterhin Gespräche über größere Zugeständnisse ab und zeigt keine Bereitschaft, seine politischen Ziele zu reduzieren. Aus Sicht mehrerer Experten deutet deshalb vieles darauf hin, dass der Kreml in den kommenden Monaten zumindest eine teilweise Mobilisierung in Russland erwägen könnte.

Experten gehen allerdings davon aus, dass Putin mindestens bis zum 20. September keine Entscheidung bekannt geben dürfte, die unmittelbar mit einer Mobilisierung verbunden ist. An diesem Datum endet die mehrtägige Abstimmung zur russischen Staatsduma. Überraschungen beim Ergebnis werden kaum erwartet. Dennoch handelt es sich für den Kreml um ein politisches Ereignis, in dessen Umfeld zusätzliche gesellschaftliche Unzufriedenheit oder öffentliche Proteste vermieden werden sollen. "Er wird versuchen, keinen Anlass dafür zu geben, die Wahlen in eine Revolution zu verwandeln. Stellen wir uns vor, Menschen weigern sich zu wählen, machen ihre Stimmzettel ungültig und gehen auf die Straße. Das Regime kann sicherlich mit einigen Tausend Menschen fertigwerden, aber einige Hunderttausend wären bereits ein enormes Problem.

Obwohl der Staat über einen außergewöhnlich großen Sicherheitsapparat verfügt, liegt die Schwelle, an der die Situation nur noch schwer kontrollierbar werden könnte, dennoch relativ nahe", sagte Gabrielius Landsbergis, ehemaliger Außenminister Litauens, in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung "Verslo žinios". Obwohl die Abstimmung streng kontrolliert wird, will der Kreml weiterhin gesellschaftliche Passivität, die Loyalität der Eliten und administrative Handlungsfähigkeit demonstrieren. Daraus ergibt sich eine klare politische Logik für unpopuläre Entscheidungen. Sie könnten auf die Zeit nach der Abstimmung verschoben werden.

Der ukrainische Militärgeheimdienstler Andrij Tschernjak erklärte, die russische Regierung unterdrücke öffentliche Debatten über eine mögliche Mobilisierung derzeit aktiv. "Der Kreml wird jetzt versuchen, das Thema Mobilisierung so weit wie möglich zu vermeiden und behaupten, dass es keine geben wird, da er sich auf die Wahlen vorbereitet", sagte Tschernjak gegenüber der "Kyiv Post". Nach seiner Einschätzung bleibt die Wahrscheinlichkeit einer Mobilisierung nach der Wahl hoch.

Russland verfüge auch über die notwendige Infrastruktur, um einen starken Zustrom neuer Soldaten bewältigen zu können. "Sie haben genügend Ausbildungszentren und genügend bestehende Übungsplätze. Die Mobilisierung wird benötigt, um jene Bereiche zu verstärken, die bereits existieren", sagte Tschernjak. Um die politischen Folgen zu begrenzen, könnte Russland auf eine öffentlich angekündigte groß angelegte Mobilisierung verzichten und stattdessen gezielt Menschen aus bestimmten Regionen oder Wirtschaftszweigen einziehen. Experten betonen jedoch, dass die Entscheidung über eine weitere Mobilisierung letztlich allein bei Putin liegt.

Mobilisierung in Russland: Militärischer Nutzen bleibt fraglich

Nach Einschätzung des US-amerikanischen Institute for the Study of War deuten jüngste Gesetzesänderungen zusammen mit geplanten Erweiterungen der Befugnisse russischer Sicherheitsbehörden darauf hin, dass Moskau nicht nur eine stärkere Rekrutierung für den Militärdienst vorbereitet. Der Kreml könnte zugleich Vorkehrungen treffen, um mögliche Unruhen im Inneren nach einer weiteren Mobilisierung kontrollieren zu können.

Das in Washington ansässige Analyseinstitut verwies darauf, dass die russische Staatsduma am 22. Juli eine Gesetzesänderung behandelte, die es bestimmten Personen mit bestehenden Verurteilungen ermöglichen soll, während einer offiziellen Mobilisierung Verträge mit dem russischen Verteidigungsministerium abzuschließen. Dazu können auch Personen gehören, die wegen schwerer Delikte verurteilt wurden. "Putin wird versuchen, die Situation zu eskalieren. Sollte das keinen Erfolg bringen, wird er zu einer schrittweisen oder teilweisen Mobilisierung übergehen. Eine vollständige Mobilisierung bleibt weiterhin wenig wahrscheinlich. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. In diesem Fall müssten die Soldaten ausgebildet und ausgerüstet sowie im gesamten Land das Kriegsrecht eingeführt werden. Sollte er schließlich eine weitere Einberufung durchführen, wäre das ein Eingeständnis, dass ballistische Raketen, verdeckte Rekrutierung und Drohungen gegenüber dem Westen nicht ausgereicht haben", erklärte Stuart Dowell, Analyst des polnischen Senders "TVP World".

Eine Mobilisierung ist jedoch nicht die einzige Möglichkeit, die dem russischen Staatschef derzeit bleibt. "Alternativen wie ein Angriff auf die NATO oder eine andere unkonventionelle Eskalation wären vermutlich noch riskanter. Jetzt, da seiner Invasion die sehr reale Gefahr eines Scheiterns droht, kann Putin es sich vor allem nicht mehr leisten, Entscheidungen immer weiter aufzuschieben", erklärte Mykola Bielieskov, Experte des US-amerikanischen Atlantic Council und wissenschaftlicher Mitarbeiter des National Institute for Strategic Studies.

Kaum Zweifel bestehen daran, dass eine Massenmobilisierung in Russland äußerst unpopulär wäre. Die Reaktion vieler Russen auf Putins Entscheidung zur Teilmobilisierung im September 2022 fiel ausgesprochen negativ aus. Bis zu eine Million Männer im wehrfähigen Alter verließen damals das Land. In einer Situation, in der die Kriegsmüdigkeit innerhalb Russlands bereits zunimmt, dürfte eine weitere Mobilisierung auf erhebliche Kritik und Widerstand stoßen.

"Keine dieser Ursachen wird ausreichen, um Putin abzuschrecken. Der russische Diktator hat sein gesamtes politisches Vermächtnis mit der Invasion der Ukraine verknüpft und bleibt entschlossen, die ukrainische Staatlichkeit vollständig zu zerstören. Diese kompromisslose Haltung hat er unterstrichen, indem er Vorschläge für einen ausgehandelten Friedensschluss wiederholt zurückgewiesen hat, selbst wenn die von US-Präsident Donald Trump angebotenen Bedingungen für den Kreml günstig waren", erklärte Bielieskov.

Nach Einschätzung des Experten muss jedoch selbst Putin erkennen, dass eine bloße Verstärkung der russischen Invasionstruppen durch zusätzliche Soldaten nicht ausreichen dürfte, um die Initiative dauerhaft zurückzugewinnen. "Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist technologisch betrachtet die fortschrittlichste militärische Auseinandersetzung der Geschichte. Das Schlachtfeld wird zunehmend von Drohnen und Robotern dominiert. Dieser Krieg lässt sich nicht gewinnen, indem einfach immer mehr Menschen in den Fleischwolf geschickt werden. Tatsächlich laufen alle Russen, die in den kommenden Monaten für Putins Invasion mobilisiert werden, Gefahr, zu Kanonenfutter für ukrainische Drohnen zu werden. Eine Massenmobilisierung wird mehr Tote und mehr Leid verursachen, aber den Ausgang des Krieges wahrscheinlich nicht entscheiden", erklärte Atlantic Council Analyst Bielieskov.

Die Signale aus dem Umfeld des Kremls sprechen somit dafür, dass Russland vor einem politisch schwierigen Herbst steht. Nach den Wahlen im September dürfte Putin erneut vor der Frage stehen, wie sich der hohe Personalbedarf seiner Streitkräfte mit den politischen und wirtschaftlichen Risiken einer neuen Einberufungswelle vereinbaren lässt.

Die entscheidende politische Frage lautet deshalb nicht nur, ob Putin nach der Duma-Wahl eine neue Mobilisierung anordnet. Ebenso wichtig ist, ob der Kreml weiterhin bereit ist, hohe wirtschaftliche Belastungen und zunehmende gesellschaftliche Unzufriedenheit zu akzeptieren, um seine unveränderten Ziele in der Ukraine weiterzuverfolgen.

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Agne Škultinaite

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Agnė Škultinaitė ist Korrespondentin für internationale Themen und Wirtschaftsumfeld bei Verslo žinios. Sie hat Journalismus sowie internationale Beziehungen und Politikwissenschaft in Vilnius studiert und war vor ihrer Tätigkeit bei Verslo žinios unter anderem für litauische Nachrichtendienste, regionale Medien, ein Ministerium sowie als Auslandsnachrichtenredakteurin bei Delfi tätig.

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