Finanzen

Nvidia-Aktie im KI-Boom: Billig, riskant, unverzichtbar?

Die Nvidia-Aktie ist in zehn Jahren um fast 15.000 Prozent gestiegen und gilt heute als wichtigste Einzelaktie der Welt. Trotzdem nennen einige Profis den Chipgiganten inzwischen überraschend günstig. Doch damit die Rally weitergehen kann, muss Nvidia extrem hohe Erwartungen erfüllen und beweisen, dass der KI-Boom kein Strohfeuer ist.
07.09.2026 11:55
Lesezeit: 11 min
Nvidia-Aktie im KI-Boom: Billig, riskant, unverzichtbar?
Nvidia treibt den KI-Boom. Analysten sehen weiteres Kurspotenzial für die Nvidia-Aktie, doch es gibt auch erhebliche Risiken. (Bild: dpa) Foto: Sven Hoppe

Nvidia-Aktie nach 15.000 Prozent Plus: Geht da noch mehr?

Die Nvidia-Aktie hat jene Anleger reich gemacht, die früh eingestiegen sind. Umsatz, Gewinn und Aktienkurs des Unternehmens steigen explosionsartig. Doch was muss passieren, damit die Aktiengeschichte von hier aus weitergehen kann? Investor-Redakteur Simon Kirketerp und Wirtschaftskommentator Jesper Kongskov vom Finanzportal Borsen sehen sich den Fall hier genauer an!

Halten Sie sich gut fest: Die Nvidia-Aktie ist die wichtigste Aktie der Welt. Steigt oder fällt der Kurs von Nvidia, ist das ein globales Finanzereignis. Mit einer Rendite von fast 15.000 Prozent in zehn Jahren ist Nvidia die weltweit wertvollste Aktie. Der US-Chipkonzern hat sich geschäftlich als Epizentrum der technologischen Revolution erwiesen, die künstliche Intelligenz derzeit über Finanzmärkte, Wirtschaft und Unternehmen ausrollt. „Ich verfolge, investiere und berichte über den Aktienmarkt seit mehr als 20 Jahren“, sagt Simon Kirketerp. „Meine langjährige Erfahrung im Finanzsektor reicht jedoch nicht aus, um etwas so Wildes gesehen zu haben wie das, was sich bei Nvidia auf nahezu allen Ebenen entfaltet.“

Der Börsenwert beträgt annähernd 5,5 Billionen US-Dollar. Das ist ein so großer Betrag, dass er kaum noch greifbar ist. Auch für Privatanleger ist die Nvidia-Aktie zu einem entscheidenden Faktor geworden. Die Kombination, nun der größte Börsengigant der Welt zu sein und gleichzeitig enorme Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn zu liefern, ist selbstverständlich einzigartig.

Nvidia ist ein Chipgigant: Das Unternehmen liefert, die Anleger zögern

Der jüngste Quartalsbericht, der am späten Abend des 26. August auf den Markt traf, zeigte einen Anstieg des Umsatzes des Chipproduzenten um 106 Prozent gegenüber dem entsprechenden Zeitraum des vorherigen Geschäftsjahres. Nun steuert das Unternehmen auf einen erwarteten Umsatz von 406 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr zu. 2021 waren es 16,7 Milliarden US-Dollar.

Quartal für Quartal kommt eine neue Schicht zur wilden Geschichte von Nvidia hinzu. Das Unternehmen hat seine Aktionäre beim Wachstum keineswegs enttäuscht. Dafür beginnt der Aktienmarkt, beim Kaufinteresse an der Aktie nachzulassen. Denn der Kurs ist ins Stocken geraten. Zwar stieg die Nvidia-Aktie nach den Zahlen um mehr als acht Prozent. Doch im vergangenen Jahr ist sie, für Nvidia-Anleger fast ungewohnt, nur um 22 Prozent gestiegen. Für die meisten Aktien wäre das normalerweise akzeptabel. Bei Nvidia sind Anleger deutlich mehr gewohnt.

Tatsächlich lag die durchschnittliche jährliche Rendite in den vergangenen zehn Jahren bei 65 Prozent. Die Aktie erreichte im Mai einen Höchststand bei 235 US-Dollar. Nun wird sie bei 228 US-Dollar gehandelt. Während der Kurs gebremst wurde, steigen Umsatz und Gewinn weiter.

Aktienchef nennt die Nvidia-Aktie billig

„Vor den Zahlen las ich einen Kommentar von Philip Jagd, der Eindruck auf mich machte“, so Kirketerp weiter. Er nennt die weltgrößte Aktie billig. Als Aktienchef von Sampension gehört er zu den professionellen Investoren, die groß in Anteile des Chipgiganten eingekauft haben. In dem Aktienportfolio, das er steuert, hat keine Aktie mehr Platz erhalten als Nvidia.

„Es ist beinahe absurd, das über das größte Unternehmen der Welt zu sagen, aber gemessen am Gewinn ist es tatsächlich ein billiges Unternehmen. Wenn Nvidia die Profitabilität aufrechterhalten kann und wenn das Gewinnwachstum dem Umsatzwachstum folgt, dann ist es ein billiges Unternehmen“, sagte Philip Jagd und fuhr fort: „Solche Aktien steigen oft in Schüben und laufen dann eine Zeit lang seitwärts, während die Leute fragen, ob das Wachstum wirklich weitergehen kann. Dann kann Nvidia einen neuen Kurssprung machen, und ein Anstieg von 30 Prozent oder mehr würde die Aktie weiterhin nicht teuer machen.“

Bislang hat Nvidia auf die Frage, ob das Wachstum weitergehen kann, nur eine Antwort geliefert. Und diese Antwort wurde mit dem jüngsten Bericht erneut bestätigt. Nvidia ist eine donnernde Wachstumsmaschine, die derzeit unglaublich gut von der nahezu unstillbaren Nachfrage nach den zentralen Mikrochips lebt, die für den Ausbau und die Entwicklung künstlicher Intelligenz gebraucht werden.

Nvidia-Aktie überraschend günstig: 80 von 83 Analysten raten zum Kauf

Der in Dänemark ansässige Aktienchef steht mit seiner Sicht auf die Nvidia-Aktie bei Weitem nicht allein. Von den 83 Aktienanalysten, die Nvidia international beobachten, sagen 80: kaufen. Zwei meinen, man solle entweder halten, was man hat, oder fernbleiben. Nur ein einziger Aktienanalyst wagt es, eine Verkaufsempfehlung für die Aktie abzugeben. Das zeigen Daten von Bloomberg.

Insgesamt liegt das durchschnittliche Kursziel für die Nvidia-Aktie in den kommenden zwölf Monaten 42 Prozent über dem aktuellen Aktienkurs. Das bringt uns zur Bewertung der Nvidia-Aktie. An der Börse werden Kurse von Aktien nach den Gewinnerwartungen für die Zukunft gebildet. Je höher die Erwartungen, desto höher die Bewertung, normalerweise. Die gängigste Kennzahl dafür ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, also der Preis für eine Einheit Gewinn.

Mit einem aktuellen KGV von 24,60 auf Basis des erwarteten Gewinns im laufenden Geschäftsjahr liegt Philip Jagd richtig. Die Nvidia-Aktie ist tatsächlich überraschend billig.

Nvidia-Aktie: Bewertet wie eine Bankaktie

Doch Nvidia ist alles andere als nur stabil. In den kommenden Geschäftsjahren wird erwartet, dass der Umsatz von 407 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr weiter auf 670 Milliarden US-Dollar im nächsten Jahr steigt und im folgenden Geschäftsjahr 863 Milliarden US-Dollar erreicht.

Gemessen am Gewinn je Aktie, EPS, ergäbe das eine nahezu explosive Entwicklung, die bereits läuft. 2021 verdiente Nvidia 0,25 US-Dollar je Aktie. Im vergangenen Jahr erreichte der EPS-Wert 4,77 US-Dollar. Im laufenden Jahr steuert das Unternehmen auf 9,25 US-Dollar je Aktie zu. Hält die Fortschreibung, wird der Gewinn je Aktie in ein paar Jahren knapp 20 US-Dollar erreichen. Allerdings hat das Unternehmen inzwischen eine Größe erreicht, die es schwer macht zu glauben, dass ein so wildes Wachstum wirklich Realität werden kann. Jede Diskussion über eine mögliche KI-Blase am Aktienmarkt ist, ebenso wie der KI-Boom selbst, auf Nvidia ausgerichtet.

Eine Sache darf nicht enttäuschen, wenn der wildeste und wichtigste Aktienfall der Welt weiterlaufen soll: die extrem hohen Wachstumsraten.

Jesper Kongskov aus der Sicht der Wirtschaftsperspektive

Unglaublich viel hat sich bei Nvidia verändert, seit wir zuletzt in der Aktienbriefing-Serie genauer auf das Unternehmen geschaut haben. Nvidia steht heute an einem deutlich anderen Punkt als noch vor einem Jahr. Eines hat sich jedoch nicht geändert: Nvidia ist weiterhin vielleicht der größte Gewinner der globalen Welle rund um künstliche Intelligenz.

Das Unternehmen hat seinen Umsatz in einem Jahr fast verdoppelt und den Gewinn mehr als verdoppelt. Vielleicht noch interessanter ist, dass Nvidia gerade eine neue Rolle in der boomenden KI-Industrie einnimmt. Nvidia verkauft nämlich längst nicht mehr nur jene Mikrochips, die künstliche Intelligenz ermöglichen. Das Unternehmen hat auch begonnen, den enormen Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur mitzufinanzieren, der am Ende die Nachfrage nach Nvidias eigenen Produkten schafft.

Nvidias neue Rolle im KI-Boom

Das hat Kritiker dazu veranlasst, von sogenanntem Circular Financing zu sprechen, also zirkulärer Finanzierung. Gemeint ist ein Modell, bei dem der Produzent indirekt dabei hilft, seine eigenen Kunden und damit seine eigene Nachfrage zu finanzieren. Für Kritiker vernebelt das den Blick auf die tatsächliche Nachfrage. Wenn Nvidia sowohl die Ausrüstung liefert, in Teile des Ökosystems investiert als auch hilft, die Finanzierung neuer Rechenzentren zu sichern, wird es schwieriger, zwischen Nachfrage zu unterscheiden, die völlig unabhängig entsteht, und Nachfrage, die Nvidia selbst mit anstößt.

Der US-Chipgigant selbst sieht die Entwicklung anders und weist entschieden zurück, dass die Strategie problematisch sei. Vor wenigen Wochen kündigte Nvidia neue Kooperationen mit den Finanzinvestoren Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield, Goldman Sachs und KKR über Finanzierungsplattformen an, die im Laufe der Zeit mehr als 500 Milliarden US-Dollar für KI-Infrastruktur mobilisieren sollen. Das ist ein markanter und untypischer Schritt für ein Technologieunternehmen. Das Ausmaß ist schwindelerregend. Doch Nvidia sieht es als entscheidend an, um an jener KI-Welle teilzuhaben, die das Unternehmen selbst mit angestoßen hat.

Wenn die These hinter Nvidias Strategie hält, ist es naheliegend, dass Finanzinvestoren, Banken und Anleger Rechenzentren und KI-Systeme ähnlich finanzieren werden wie andere kritische Infrastruktur. Wenn das Wachstum eines Tages deutlich bremst oder, schlimmer noch, wenn es sich tatsächlich um eine KI-Blase handelt, wie manche kritischen Stimmen befürchten, kann sich der untypische finanzielle Vorstoß umgekehrt als großes Risiko für Nvidia erweisen.

Die Geschichte von Nvidia

Nvidia wurde 1993 in Kalifornien gegründet, unter anderem vom heute weltberühmten Vorstandschef Jensen Huang. Ursprünglich entwickelte das Unternehmen Grafikprozessoren, GPUs, für die Spieleindustrie und wuchs mit PC-Gaming und Spielkonsolen. War zu Beginn die Spieleindustrie der Wachstumstreiber, ist es heute künstliche Intelligenz. Nvidia ist zu einem der wichtigsten Lieferanten jener Infrastruktur geworden, mit der die größten Technologieunternehmen der Welt künstliche Intelligenz bauen und betreiben.

Nvidias Stärke liegt auch nicht mehr allein im Mikrochip. Das Unternehmen versucht zunehmend, das Gesamtpaket zu liefern: Grafikprozessoren, Netzwerkausrüstung, Software und komplette Systeme für große Rechenzentren. Ein wichtiges Element ist die Softwareplattform CUDA. Sie ermöglicht es Entwicklern, Nvidias Grafikprozessoren für weit mehr als Grafik zu programmieren.

Kunden kaufen deshalb nicht nur einen schnellen Chip. Sie kaufen sich in ein technologisches Ökosystem ein, auf dem Unternehmen und Entwickler über viele Jahre Programme und KI-Modelle aufgebaut haben. Das macht einen Anbieterwechsel schwieriger.

Die Strategie hinter der Nvidia-Aktie

Nvidia arbeitet eng mit einigen der größten Technologieunternehmen der Welt zusammen, darunter Amazon, Microsoft und Google. Doch die Beziehung ist doppelt. Diese Konzerne gehören zu Nvidias wichtigsten Kunden. Mehrere von ihnen entwickeln gleichzeitig eigene spezialisierte Chips für künstliche Intelligenz.

Das gibt Nvidia eine besondere Position. Das Unternehmen verdient enorme Summen an den KI-Investitionen seiner Kunden. Gleichzeitig haben diese Kunden ein klares wirtschaftliches Interesse daran, ihre Abhängigkeit von Nvidia im Laufe der Zeit zu verringern. Bislang gibt es in den Bilanzen jedoch wenig, was darauf hindeutet, dass die Nachfrage zu sinken beginnt.

Die größten Risiken für die Nvidia-Aktie

Nvidia steht zugleich vor klassischen Risiken. AMD versucht, das Unternehmen direkt herauszufordern, während Amazon, Google und andere Großkunden eigene Beschleuniger entwickeln.

Nvidia ist außerdem auf externe Hersteller wie das taiwanische Unternehmen TSMC für die fortgeschrittene Chipproduktion angewiesen. Gerade die große Bedeutung von TSMC bringt für Nvidia auch ein geopolitisches Risiko mit sich, falls die Spannungen zwischen China und Taiwan eines Tages zu einem größeren militärischen Konflikt führen.

Doch das interessanteste Risiko ist vielleicht durch Nvidias eigenen Erfolg entstanden. Je stärker sich das Unternehmen daran beteiligt, den weltweiten KI-Ausbau möglich zu machen, desto stärker wird Nvidia auch davon abhängig, dass die Investitionswelle weiterläuft. Nvidia ist deshalb nicht mehr nur der Lieferant der wichtigsten Schaufeln im KI-Goldrausch. Das Unternehmen hat auch begonnen, jene mitzufinanzieren, die graben.

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