Börsenrisiken im September nehmen deutlich zu
Der September birgt erhöhte Risiken für die Finanzmärkte, die Unternehmensfinanzierung und die meisten Unternehmen . Wir haben untersucht, welche Risiken auch für Investoren und Unternehmen relevant sind. Dies sind acht Dinge oder Ereignisse, die sich erheblich auf die Wirtschaft und die Finanzen auswirken können. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
1. Iran-Krieg und Energiepreise: Das größte Risiko für Unternehmen und Verbraucher
Eines der größten wirtschaftlichen Risiken bleibt der Krieg zwischen den USA und Iran. Sollten die Lieferungen durch die Straße von Hormus weiter gestört werden, könnten die Preise für Öl, Gas, Kraftstoffe und Strom hoch bleiben. Ein schnelles Ende des Konflikts ist bislang nicht absehbar. Der slowenische Ökonom Mojmir Mrak rechnet nach eigener Einschätzung frühestens im November mit einem Ende des Krieges. Am 3. November finden in den USA die Zwischenwahlen zum Kongress statt, bei denen der Krieg gegen Iran auch für die Republikaner ein wichtiges politisches Thema ist.
Für Deutschland ist vor allem die Entwicklung an den internationalen Energiemärkten entscheidend. Setzt sich der Krieg fort und bleiben Öl- und Gaslieferungen unsicher, steigen die Energiekosten. Das verteuert Transport, Heizung und Produktion, besonders für energieintensive Unternehmen und die Landwirtschaft. Geben Firmen diese zusätzlichen Kosten an ihre Kunden weiter, steigt der Preisdruck. Die Kaufkraft könnte sinken und das Wirtschaftswachstum zusätzlich gebremst werden.
2. Steigende Zinsen im Euroraum
Die Inflationsrate im Euroraum lag im August bereits bei 3,3 Prozent und damit deutlich oberhalb des Ziels der Europäischen Zentralbank. Sollten die höheren Energiepreise zunehmend auf Dienstleistungen, Löhne und andere Güter übergreifen, wächst das Risiko einer erneuten Zinserhöhung. Der EZB-Rat entscheidet am 10. September über die Geldpolitik.
Höhere Zinsen verteuern Kredite für Unternehmen und private Haushalte. Zugleich steigen die Kosten bestehender Finanzierungen, sofern diese variabel verzinst sind. Banken können dagegen von höheren Zinsen profitieren. Im slowenischen Bankensystem beispielsweise liegen die Einlagen auf Rekordniveau, weshalb dort nur geringer Druck besteht, höhere Einlagenzinsen an die Kunden weiterzugeben. Gleichzeitig können Banken mit Einlagen bei der EZB mehr verdienen.
Für deutsche Anleger und Unternehmen dürfte entscheidend sein, ob eine mögliche Zinserhöhung im September ein einzelner Schritt bleibt oder den Beginn einer längeren Phase geldpolitischer Straffung markiert. Besonders zinssensible Branchen wie Immobilien, Bau und kapitalintensive Industrieunternehmen wären von dauerhaft höheren Finanzierungskosten betroffen.
3. Deutschland und Frankreich: Europas politische Risiken wachsen
Trotz zahlreicher geopolitischer Krisen sind für die europäische Wirtschaft derzeit die politischen Entwicklungen in Deutschland und Frankreich besonders relevant.
Der französische Haushaltsstreit könnte die Renditen französischer Staatsanleihen weiter erhöhen und damit auch andere europäische Anleihemärkte belasten. Steigende Risikoaufschläge verteuern die Finanzierung des Staates und können über Banken und Kapitalmärkte auf Unternehmen durchschlagen.
In Deutschland kommt nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zusätzliche politische Unsicherheit hinzu. Die AfD ging bei der Wahl am 6. September klar als stärkste Partei hervor und verfehlte die absolute Mehrheit nur knapp. Die CDU musste dagegen schwere Verluste hinnehmen. Damit dürfte die Debatte über die politische Stabilität und den wirtschaftspolitischen Kurs Deutschlands weiter an Schärfe gewinnen.
Für die deutsche Wirtschaft ist das besonders relevant, weil politische Unsicherheit Investitionsentscheidungen bremsen kann. Gleichzeitig beobachten auch Unternehmen in anderen europäischen Ländern Deutschland genau. Für Slowenien etwa ist die Bundesrepublik der wichtigste Handelspartner. Besonders abhängig von der deutschen Konjunktur sind dort Automobilzulieferer, Metall- und Elektroindustrie sowie Logistikunternehmen.
Zinsen, KI und US-Schulden belasten die Finanzmärkte
4. US-Zinsen, Arbeitsmarkt und Dollar
Die am 4. September veröffentlichten US-Arbeitsmarktdaten haben die Sorgen vor weiteren Zinserhöhungen verstärkt. Im August entstanden 162.000 neue Stellen außerhalb der Landwirtschaft, die Arbeitslosenquote blieb bei 4,1 Prozent. Der robuste Arbeitsmarkt trifft auf eine weiterhin zu hohe Inflation.
Die US-Notenbank Fed entscheidet am 16. September über die Zinsen, eine Woche nach der EZB. Die Frage ist, ob die Notenbank angesichts der Inflationsrisiken die Geldpolitik erneut verschärft.
Die Renditen amerikanischer und japanischer Staatsanleihen sind bereits stark gestiegen. Damit nimmt zugleich das Risiko von Kursverlusten an den Aktienmärkten zu, vor allem bei hoch bewerteten Technologieunternehmen.
Hinzu kommt das Wechselkursrisiko zwischen Euro und Dollar. Es ist insbesondere bei Rohstoffen und Energie entscheidend, weil diese überwiegend in Dollar gehandelt werden. Deutsche Unternehmen, die Rohstoffe oder andere Waren in Dollar einkaufen, müssen bei einem schwächeren Euro mehr bezahlen. Exporteure in den Dollarraum können dagegen profitieren.
5. Der KI-Boom an der Börse steht vor einem Belastungstest
Die jüngsten Quartalszahlen des Halbleiterkonzerns Broadcom und die Spekulationen über einen möglichen Börsengang des KI-Unternehmens Anthropic zeigen, wie hoch die Erwartungen der Anleger inzwischen sind. Entscheidend ist, wie viel Investoren weiterhin für das Versprechen künftigen Wachstums durch künstliche Intelligenz zu zahlen bereit sind.
Broadcom hatte seine Erwartungen für das KI-Geschäft angehoben. Im dritten Geschäftsquartal stieg der Umsatz auf 29,6 Milliarden Dollar. Die Erlöse mit KI-Chips erreichten 16,7 Milliarden Dollar. Trotzdem reagierten Anleger zeitweise enttäuscht auf den Ausblick.
Eine breitere Abkühlung der KI-Euphorie würde nicht nur mögliche Börsenkandidaten wie Anthropic treffen. Auch Nvidia, Microsoft, Halbleiterkonzerne und Fonds mit einer hohen Gewichtung amerikanischer Technologieunternehmen könnten unter Druck geraten.
Das betrifft auch deutsche Privatanleger. Viele globale Aktienfonds und ETFs bilden Indizes ab, in denen die großen amerikanischen Technologiekonzerne inzwischen einen erheblichen Anteil haben. Selbst vermeintlich breit gestreute Portfolios reagieren deshalb stark auf Kursbewegungen weniger großer Unternehmen.
6. US-Staatsschulden könnten Gold und Bitcoin antreiben
Die Staatsverschuldung der USA hat die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Beim EZB-Referenzkurs vom 4. September entspricht das rund 34,42 Billionen Euro. Gleichzeitig versucht der amerikanische Staat unter anderem mit Anleiherückkäufen, die Funktionsfähigkeit des Marktes zu verbessern und Finanzierungskosten einzudämmen.
Sollten Investoren solche Eingriffe zunehmend als Gefahr für den Dollar oder als politische Einflussnahme auf die Zinsbildung betrachten, könnten alternative Anlagen an Attraktivität gewinnen. Gold, Bitcoin und andere Vermögenswerte würden davon möglicherweise profitieren, während Dollar und US-Staatsanleihen stärkeren Schwankungen ausgesetzt sein könnten.
Für Kryptoanleger richtet sich der Blick zudem auf den 15. September. Dann soll der US-Senat verfahrensrechtlich über den Clarity Act abstimmen, der den amerikanischen Kryptomarkt umfassender regulieren soll. Erhält der Vorschlag die erforderlichen 60 Stimmen, könnten klarere und kryptofreundlichere Regeln Bitcoin, Ether und Aktien von Kryptounternehmen unterstützen.
Ein Scheitern könnte die Verabschiedung angesichts der näher rückenden US-Wahlen dagegen für längere Zeit verzögern und die Kurse von Kryptowährungen belasten.
Haushalte und September-Effekt werden zum letzten Risikofaktor
7. Nationale und europäische Haushalte verändern Geschäftspläne
Auch die staatliche Finanzpolitik kann Investitionsentscheidungen von Unternehmen beeinflussen. In Slowenien muss die Regierung im Herbst ihre Haushaltsunterlagen fertigstellen und bis Ende September dem Parlament vorlegen. Dann dürfte erstmals klarer werden, wie Wahlversprechen, höhere Verteidigungsausgaben, Löhne, Renten, Gesundheitswesen, Infrastruktur und mögliche weitere Energiehilfen finanziert werden sollen.
Das entscheidende Risiko besteht nicht allein in einem höheren Defizit. Ebenso wichtig ist die Frage, wer die zusätzlichen Kosten trägt. Möglich sind neue oder höhere Steuern für Unternehmen, zusätzliche Belastungen der Bevölkerung, eine höhere Staatsverschuldung oder Ausgabenkürzungen.
Die Haushaltsverhandlungen können für Unternehmen deshalb wirtschaftlich wichtiger sein als viele politische Aussagen vor und nach Wahlen.
Parallel laufen die Verhandlungen über den EU-Haushalt weiter. Der Rat der Europäischen Union befasst sich mit seiner Position zum Haushalt 2027. Gleichzeitig verschärfen sich die Gespräche über einen EU-Finanzrahmen von knapp zwei Billionen Euro für die Jahre 2028 bis 2034.
Für Europa ist entscheidend, wie viel Geld künftig für Kohäsion und Landwirtschaft zur Verfügung steht und welchen Anteil an neuen europäischen Einnahmen die Staaten und Unternehmen tragen müssen. Der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, besucht derzeit mehrere Mitgliedstaaten.
Für Deutschland sind diese Verhandlungen von erheblicher Bedeutung. Als größte Volkswirtschaft der Europäischen Union trägt die Bundesrepublik einen wesentlichen Teil zur Finanzierung des EU-Haushalts bei. Änderungen bei gemeinsamen Einnahmen, Verteidigungsausgaben, Strukturförderung oder Agrarmitteln können daher unmittelbar die deutschen Staatsfinanzen und mittelbar die Belastung von Unternehmen beeinflussen. Dieser Deutschland-Bezug ist eine thematische Einordnung; aus den slowenischen Haushaltsplänen selbst lässt sich kein direkter Effekt auf deutsche Unternehmen ableiten.
8. Keine Panik: Der September ist an der Börse traditionell schwach
Historisch betrachtet gilt der September an vielen entwickelten Aktienmärkten als besonders schwieriger Börsenmonat.
Der S&P 500 hat seit 1928 im September durchschnittlich rund 1,1 Prozent verloren und den Monat nur in etwa 45 Prozent der Fälle mit einem Gewinn beendet. Andere Berechnungen kommen für den durchschnittlichen Septemberverlust auf rund 0,8 Prozent.
Auch beim deutschen DAX fällt die Bilanz schwach aus. Seit Einführung des Index im Jahr 1988 verlor er im September durchschnittlich rund zwei Prozent. Nur in 39 Prozent der Jahre stiegen die Kurse. Damit ist auch für den DAX der September historisch der schwächste Monat.
Beim europäischen STOXX Europe 600 lag die Septemberrendite im vergangenen Jahrzehnt im Durchschnitt bei rund minus 0,5 Prozent. Seit 2007 beendete der Index den September elfmal mit Gewinnen und elfmal mit Verlusten.
Ein ähnliches Muster zeigt der slowenische Leitindex SBI TOP. Auch er schloss den September innerhalb der vergangenen zehn Jahre häufiger im Minus. Selbst wenn das außergewöhnlich schwache Jahr 2022 herausgerechnet wird, als der Index auf dem Höhepunkt der Energie-, Inflations- und Zinskrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine innerhalb eines Monats 14,9 Prozent verlor, bleibt die Septemberbilanz negativ. Ohne dieses Ausnahmejahr lag die durchschnittliche Septemberrendite an der Börse in Ljubljana bei minus 0,2 Prozent.
Grund zur Panik liefert die Statistik dennoch nicht. Historisch entwickelten sich die Aktienmärkte im Oktober, November und Dezember im Durchschnitt deutlich freundlicher. Saisonale Börsenregeln können Risiken sichtbar machen, sagen aber wenig darüber aus, wie sich ein einzelner September tatsächlich entwickeln wird. Für Anleger dürften deshalb Energiepreise, Zinsentscheidungen, Staatsfinanzen und die Entwicklung der hoch bewerteten Technologieaktien wichtiger sein als der Kalender allein.
