Anthropic-IPO: Starkes Wachstum allein macht noch keine gute Anthropic-Aktie
Beim Entwickler der Künstlichen Intelligenz Claude, Anthropic, lassen sich zwei Fragen leicht miteinander verwechseln: Ist das Unternehmen technologisch beeindruckend und wäre seine Aktie nach einem Börsengang eine gute Investition?
Börsengänge finden gewöhnlich dann statt, wenn das Marktfenster günstig ist. In heißen Phasen kommen besonders viele Unternehmen an die Börse. Rückblickend erweisen sich solche Zeitpunkte für Anleger häufig nicht als die besten Kaufgelegenheiten. Der Dotcom-Boom ist das bekannteste Beispiel. Das bedeutet nicht, dass Anthropic das nächste Pets.com wird, das noch Jahrzehnte später als warnendes Beispiel dient. Es zeigt aber, dass Verkäufer den Zeitpunkt eines Börsengangs meist dann wählen, wenn sich ihre Geschichte besonders gut vermarkten lässt. Und die Geschichte rund um Künstliche Intelligenz besitzt aufgrund ihres Potenzials zweifellos enorme Strahlkraft.
Mit Anthropic wird Anlegern eines der am schnellsten wachsenden Technologieunternehmen der Welt präsentiert. Gleichzeitig warnt das Unternehmen in seinen Unterlagen zum Börsengang sehr deutlich vor schwerwiegenden und sogar existenziellen Risiken der Künstlichen Intelligenz.
Das Wachstum selbst ist beeindruckend. Laut den Reuters vorliegenden Unterlagen zum Anthropic-Börsengang stieg der Umsatz des Unternehmens im Jahr 2025 von rund 400 Millionen Dollar auf 4,6 Milliarden Dollar.
Bis Ende Juli 2026 lag die annualisierte Umsatzrate des Unternehmens Reuters zufolge bereits bei mehr als 65 Milliarden Dollar. Das ist allerdings nicht dasselbe wie ein tatsächlich innerhalb eines Jahres erzielter Umsatz. Ein derart hohes Wachstum einfach linear in die Zukunft fortzuschreiben, wäre riskant.
Hinzu kommt, dass sich das Geschäftsmodell noch nicht dauerhaft bewährt hat.
Im Jahr 2025 verbuchte Anthropic einen operativen Verlust von mehr als acht Milliarden Dollar. Für Rechenleistung und Infrastruktur gab das Unternehmen 7,33 Milliarden Dollar aus und damit mehr, als es im selben Jahr an Umsatz erwirtschaftete.
Von dem in Schlagzeilen genannten Nettoverlust von fast 42 Milliarden Dollar entfielen rund 34 Milliarden Dollar auf eine nicht zahlungswirksame buchhalterische Neubewertung. Diese Zahl sollte deshalb nicht überinterpretiert werden. Die in den Unterlagen beschriebenen künftigen Verpflichtungen für Cloud-Dienste, Rechenleistung und Infrastruktur von rund 518 Milliarden Dollar zeigen jedoch, wie kapitalintensiv dieser Wettlauf ist.
Anthropic kämpft mit niedrigen Wechselkosten und starker Konkurrenz
Eine weitere entscheidende Frage betrifft den Wettbewerbsvorteil.
Die Wechselkosten zwischen verschiedenen Anwendungen Künstlicher Intelligenz sind derzeit vergleichsweise gering. Das gilt insbesondere für Sprachmodelle wie ChatGPT oder Claude. Wird Claude morgen schlechter oder bietet ein Konkurrenzmodell eine bessere Leistung zu niedrigeren Preisen, können viele Nutzer mit relativ geringem Aufwand wechseln. Welches Modell bei der Qualität führt, kann sich schnell ändern.
Das unterscheidet Anthropic deutlich von Softwareunternehmen, deren Anwendungen so tief in die Abläufe ihrer Kunden eingebaut sind, dass ein Austausch Jahre dauern könnte.
Allerdings ist der gesamte Markt für Künstliche Intelligenz noch jung und die Unternehmen entwickeln ihre Produkte laufend weiter.
Claude Code, Programmierschnittstellen und die zunehmende Integration von Anthropic-Produkten in die Arbeitsabläufe von Unternehmen und Privatpersonen könnten die Wechselkosten mit der Zeit tatsächlich erhöhen. Ein unangenehmer Punkt in den Unterlagen zum Börsengang bleibt jedoch: Die zwei größten direkten Kunden standen 2025 zusammen für fast ein Viertel des Umsatzes. Zudem besitzen viele Kunden keine langfristigen Verträge.
Das sieht bislang nicht nach einem Geschäft aus, in dem Kunden dauerhaft stark gebunden sind. Gleichzeitig setzen Unternehmen zunehmend auch auf günstigere, offen verfügbare Modelle. Für Anthropic dürfte es dadurch schwieriger werden, hohe Preise durchzusetzen und dauerhaft Gewinne zu erwirtschaften.
Bewertung von Anthropic: Anleger bezahlen bereits für enormes Wachstum
Eine separate Frage ist der Preis, den Investoren für das Unternehmen zahlen sollen.
Im Mai sammelte Anthropic 65 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar ein. Im Zusammenhang mit einem Börsengang wurde bereits über eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar gesprochen.
Wer alle anderen Faktoren ausblendet und diese Bewertung lediglich mit der annualisierten Umsatzrate von 65 Milliarden Dollar im Juli vergleicht, kommt auf ein Umsatzvielfaches von ungefähr 30. Gleichzeitig sind die langfristige Profitabilität und der künftige Kapitalbedarf des Unternehmens weiterhin offen. Um eine derart hohe Bewertung zu rechtfertigen, müsste Anthropic außerordentlich stark wachsen und zugleich wesentlich profitabler werden.
Claude könnte sich durchaus als eines der wichtigsten Produkte dieser technologischen Epoche erweisen. Auch Anthropic könnte langfristig in eine Größenordnung aufsteigen, in der heute Konzerne wie Alphabet, Microsoft und Apple stehen. Für eine Investitionsentscheidung sind derzeit allerdings mehrere zentrale Faktoren gleichzeitig noch nicht bewiesen.
Offen bleibt ohnehin, wann Anthropic tatsächlich an die Börse geht. Das Anthropic-IPO könnte noch gegen Ende 2026 erfolgen oder sich in das Jahr 2027 verschieben.



