Politik

Stunde Null: Verbündeter des gestürzten Präsidenten Morales gewinnt Wahl in Bolivien

Etwa ein Jahr nach dem vom Militär erzwungenen Rücktritt des langjährigen Präsidenten Evo Morales gewinnt dessen Verbündeter Luis Arce die Wahlen in Bolivien.
20.10.2020 14:03
Aktualisiert: 20.10.2020 14:03
Lesezeit: 3 min
Stunde Null: Verbündeter des gestürzten Präsidenten Morales gewinnt Wahl in Bolivien
Boliviens ehemaliger Präsident Evo Morales. (Foto: dpa) Foto: Natacha Pisarenko

Rund ein Jahr nach dem erzwungenen Rücktritt des indigenen Präsidenten Evo Morales und dessen Flucht ins Ausland zeichnet sich bei der Wahl in Bolivien ein Sieg seines früheren Wirtschaftsministers Luis Arce ab. Nach einer Nachwahlbefragung vom späten Sonntagabend führte der Präsidentschaftskandidat der Bewegung zum Sozialismus (MAS), Architekt der äußerst erfolgreichen Wirtschaftspolitik der Partei, mit 52,4 Prozent der Stimmen. Dahinter lag der liberale Kandidat und Ex-Präsident Carlos Mesa mit 31,5 Prozent. Eine zweite Wählernachbefragung kam zu ähnlichen Ergebnissen.

Das Oberste Wahlgericht in Bolivien hatte am Vortag die überraschende Entscheidung getroffen, dass es bei der mit Spannung erwarteten Abstimmung keine Schnellauszählung am Wahltag geben würde. Dies bedeutet, dass die Bolivianer auf die offiziellen Ergebnisse warten müssen - die Auszählung soll mehrere Tage dauern. Beobachter warnten mit Blick auf die ersten Prognosen vor einer größeren Fehlertoleranz. Aber es dürfte schwer sein, dass sich der starke vorläufige Trend ändert.

Ex-Staatschef Evo Morales verfolgte die Ereignisse aus dem Exil in Argentinien, spielte im Wahlkampf aber dennoch eine große Rolle. Die erste Wahl seit seiner Entmachtung wurde von vielen Experten als Abstimmung über sein politisches Erbe gesehen.

Der 57 Jahre alte Morales-Vertraute Arce präsentierte sich bereits als künftiger Staatschef des politisch gespaltenen südamerikanischen Landes. „Wir werden für alle Bolivianer arbeiten und eine Regierung der nationalen Einheit bilden“, versprach er nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur ABI. Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, gratulierte auf Twitter. Der Zweitplatzierte Mesa räumte seine Niederlage ein: „Wir sind dran, die Spitze der Opposition zu sein“, twitterte er.

Mehr als 52 Prozent - so viel hatte Morales damals laut Wahlbehörde auch erreicht, als der frühere Koka-Bauer und Gewerkschafter im Jahr 2005 seine erste Wahl gewann und erster indigener Präsident des Andenstaates wurde. Arce hatte schon in den Umfragen vorne gelegen, bei der MAS-Partei war man von einem Sieg im ersten Wahlgang ausgegangen.

Die Deutlichkeit des Erfolgs übertraf dann jedoch selbst die Erwartungen der Sozialisten, die sich ungewöhnlich nachsichtig und versöhnlich zeigten, und erschütterte die bolivianische Politik. Man könnte fast von einer Revolution sprechen, wenn die Entmachtung des früheren Präsidenten mit der Wahl seines Intimus quasi rückgängig gemacht wird.

Morales und sein Sozialismus des 21. Jahrhunderts

Nach der Präsidentenwahl im Oktober 2019 hatte der damalige Staatschef Morales auf Druck des Militärs zurücktreten müssen. Ihm wurde Wahlbetrug vorgeworfen, auch wenn manche Studien inzwischen zu anderen Ergebnissen kommen. Morales setzte sich ins Ausland ab, eine Interimsregierung mit der erzkonservativen Übergangspräsidentin Jeanine Áñez übernahm. Morales' Anhänger und Verbündete in der Region sprechen von einem Putsch.

Es stellte sich die Frage, wie es weitergehen würde in Bolivien. Die Ungewissheit war groß, auch angesichts einer möglichen Rückkehr von Morales im Falle eines Sieges von Arce. Die Wähler haben zumindest eine Antwort darauf gegeben, wer für sie die Fähigkeit hat, das Land im Aufruhr zu beruhigen, zu vereinen und zu führen. Und was auf den ersten Blick wie eine Wahl arm gegen reich und Sozialstaat gegen Liberalismus aussieht, geht weit darüber hinaus.

Zum einen hatte Morales bei seinem «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» eine revolutionäre Rhetorik gepflegt und gegen Imperialismus und Kapitalismus gewettert. Tatsächlich war er allerdings auch pragmatisch und kompromissbereit. Doch vor allem spielt seine Politik für die lange vernachlässigte indigene Bevölkerung Boliviens eine große Rolle.

Einige Analysten deuten den vorläufigen Wahlausgang denn auch als historische Wiedererlangung und Bestätigung all dessen, was Morales' MAS-Partei für diese bedeutet hat. Mehr als 60 Prozent der Bolivianer sind Indigene, die das weiße Establishment lange Zeit ignoriert hat. Morales mit seinem bescheidenen Ursprung aus einer Aymara-Familie vertrat den Anspruch, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen.

„Evo Morales hat das Land bezüglich der Anerkennung indigener Rechte und ihrer gesellschaftlichen und politischen Beteiligung deutlich vorangebracht“, sagt Juliana Miyazaki von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Nun konnte eine indigene Hausangestellte plötzlich auch Nachbarin sein. Dank der Einnahmen aus dem verstaatlichten Gasgeschäft verringerte Morales die Armut und verbesserte die Lebenssituation der Indigenen

Der bolivianische Anwalt Diego Azero sagt, der MAS sei es während des vergangenen Jahres gelungen, sich weiter als die Partei darzustellen, die den Wohlstand bringt. Das Wirtschaftswachstum hatte sich von einem Durchschnitt von jährlich drei Prozent zwischen 1985 und 2005 nach Morales' Amtsübernahme 2006 auf durchschnittlich fünf Prozent beschleunigt. Aber Kritiker werfen ihm und der MAS-Partei auch einen Ausverkauf an China und einen autoritären Stil vor.

Außer dem gesellschaftlichen Ausgleich, vor allem falls Evo Morales aus dem Exil in sein Heimatland zurückkehren sollte, dürfte die Ankurbelung der Wirtschaft eine der größten Herausforderungen einer möglichen Arce-Regierung sein. „Bolivien geht in seiner schlechtesten wirtschaftlichen Situation in Jahrzehnten an die Urnen“, hatte die bolivianische Zeitung El Deber geschrieben. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit, verschuldete Unternehmen und ein Rückgang des Konsums plagen das Land, das lange als Armenhaus Südamerikas galt.

Lesen Sie dazu auch:

Bolivien: Morales verhinderte kurz vor seinem Sturz direkten Zugriff deutscher Firmen auf Lithium-Vorkommen des Landes

Ein Jahr „Gelbwesten“: Auf dem Globus tobt eine gewaltsame Protestwelle

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

DWN
Finanzen
Finanzen Pest-Verdacht in Russland treibt meine Aktie plötzlich zweistellig nach oben
06.10.2026

Die Aktie, die ich vergangene Woche noch als obskur bezeichnet hatte, ist um fast 13 Prozent gestiegen.

DWN
Technologie
Technologie Deutsche Bahn: Per 5-Jahres-Plan endlich pünktlich ans Ziel?
06.10.2026

Marode Gleise und unpünktliche Züge belasten den Bahnverkehr in Deutschland. Ein neuer Infraplan soll verbindliche Ziele setzen und die...

DWN
Politik
Politik Staatshaushalt: Finanzierungsdefizit im ersten Halbjahr 2026 von fast 99 Milliarden Euro
06.10.2026

Der deutsche Staat gibt deutlich mehr aus, als er einnimmt: Die öffentlichen Haushalte verzeichnen im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Eine Anlage, der ich keinen Erfolg wünsche
06.10.2026

Alpha Pro Tech ist klein, langweilig und an der Börse meist nahezu unsichtbar. Doch sobald eine Gesundheitskrise ausbricht, können Umsatz...

DWN
Finanzen
Finanzen Frankreichs Schulden treiben den Euro in die Krise
06.10.2026

Der Euro fällt auf den tiefsten Stand seit 17 Monaten, während Frankreichs Schuldenkrise die Finanzmärkte verunsichert. Warum Experten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
06.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Technologie
Technologie Warum Fernwärme nicht überall funktioniert
06.10.2026

Fernwärme soll ein wichtiger Baustein der Wärmewende werden – doch nicht jedes neue Netz ist wirtschaftlich sinnvoll. Entscheidend sind...

DWN
Politik
Politik Nicht nur das BSW verhilft AfD-Mann zum Posten des Landtagspräsidenten
06.10.2026

Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit fast 44 Prozent der Stimmen gewonnen und wird mit Tobias Rausch nun auch den...