Politik

Rohstoffe und freie Handelswege locken: Griff nach der Arktis

In der 16. Folge der großen geopolitischen DWN-Serie analysiert Moritz Enders einen Teil unseres Globus´, der bislang kaum eine Rolle spielte, sich jedoch anschickt, in wenigen Jahrzehnten zur umkämpftesten Region der Welt zu werden. Die große Frage wird sein: Entscheidet das Recht - oder die Macht?
06.06.2021 16:40
Aktualisiert: 06.06.2021 16:40
Lesezeit: 3 min
Rohstoffe und freie Handelswege locken: Griff nach der Arktis
Vor noch wenigen Jahren spielte die Arktis in der Weltpolitik überhaupt keine Rolle. In wenigen Dekaden wird sie sich jedoch zum geopolitischen Brennpunkt entwickeln. (Quelle: U.S. State Department)

Das Kernland des Königreichs Dänemark, zwischen Nord- und Ostsee gelegen, umfasst eine Fläche von knapp 43.000 Quadratkilometern. Grönland, das ein Bestandteil dieses Königreichs ist, verfügt über eine fast exakt 50-mal so große Fläche. Der Besitz von Grönland, der größten Insel der Erde, macht Dänemark – neben Norwegen, Russland, Kanada und den USA - zu einer arktischen Nation. Doch wenn es um die Frage geht, welches Land den Nordpol für sich beanspruchen könnte, bleiben aus geographischen Gründen nur drei Staaten übrig: Dänemark, Russland und Kanada. Dies macht diese drei Länder zu potentiellen Rivalen – und doch könnten sie alle profitieren, wenn ein Abschmelzen des arktischen Eises neue Handelsrouten eröffnen und sich ein Großteil des Welthandels weiter nach Norden verlagern sollte. Eine Analyse.

Auf dem Land stellen Gebirge in der Regel natürliche Barrieren gegen militärische Angriffe dar. Die riesigen Gesteins-Formationen können sich aber auch als so genannte Unterwasser-Gebirge unter der Oberfläche der Ozeane befinden. An einigen Stellen ragen ihre Spitzen in Form von Inseln aus den Tiefen der See hervor. Wie etwa, um nur ein Beispiel zu nennen, die Inselgruppe der Azoren, deren Fundament der Mittelatlantische Rücken bildet und deren höchster Gipfel, der Vulkan Ponta do Pico, sich noch bis zu einer Höhe von 2.351 Metern in den Himmel türmt.

Entscheidet das Recht?

Unter dem teilweise meterdicken Eis des Arktischen Ozeans liegt eine weitere unterseeische Gebirgskette verborgen: Der Lomonossow-Rücken, der unter anderem genau unterhalb des geografischen Nordpols verläuft. Noch ist mit Hilfe geologischer Untersuchungen endgültig zu klären, ob der Lomonossow-Rücken als ein Teil des sibirischen (also russischen), grönländischen (also dänischen) oder kanadischen Festlandssockels zu betrachten ist. Ist dies geschehen, greift das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Es regelt die Hoheitsbefugnisse von Küstenstaaten, und zwar sowohl über ihre Zwölf-Meilen-Zone, ihre ausschließlichen Wirtschaftszonen, die sich bis zu 370 Kilometer weit ins offene Meer erstrecken können, und über die jeweiligen Kontinentalsockel. Für die Bezeichnung Kontinentalsockel ist dabei nicht entscheidend, wie tief dieser sich unter der Wasseroberfläche befindet, sondern ob die Gesteine, aus denen er besteht, der Kontinentalkruste zuzurechnen sind - und nicht der ozeanischen Erdkruste, die sich unter anderem durch eine höhere Dichte auszeichnet.

Für Dänemark, Russland und Kanada steht im Fall des Lomonossow-Rückens viel auf dem Spiel: Ein positives Veto der Vereinten Nationen würde demjenigen Staat, dem es zugesprochen wird, die Meeresbergbaurechte unterhalb großer Teile des Arktischen Ozeans sichern. Und es wird geschätzt, dass dort allein circa 22 Prozent der weltweiten Öl- und Gasreserven zu finden sind, weiterhin Seltene Erden, Platin, Diamanten, Zink und Kupfer. Da ist es nicht verwunderlich, dass das Wettrennen um die Arktis inzwischen eröffnet worden ist. Bereits im Jahr 2007 erreichte ein dreiköpfiges Team aus Russland mit einem Mini-U-Boot den Meeresboden unterhalb des Nordpols und fixierte dort eine russische Flagge aus Titan in 4.261 Meter Tiefe. Die dänischen Ansprüche gehen allerdings noch über den Nordpol hinaus. Seit dem Jahr 2014 argumentiert das Land, dass sich die kontinentale Kruste Grönlands unterseeisch bis zur - der sibirischen Küste vorgelagerten - russischen exklusiven Wirtschaftszone erstreckt.

Oder die Macht?

Ein dänisch-russischer Antagonismus scheint also vorgezeichnet, zumal der Abbau von Ressourcen in der Arktis aufgrund immer schneller schmelzender Eismassen zunehmend machbar erscheint – wenn er auch auf absehbare Zeit eine technische Herausforderung und ein großes Risiko für die maritime Umwelt darstellen wird. Darüber hinaus eröffnet das Abtauen des Meereises aber auch die Möglichkeit, die maritimen Handelswege zwischen Europa und Asien beträchtlich zu verkürzen. Auf der Grundlage von Berechnungen gehen Experten davon aus, dass die Schifffahrt durch die nördlich des amerikanischen Kontinents gelegene Nordwestpassage wie auch entlang der Nordküste Sibiriens ab der Mitte des 21. Jahrhunderts zumindest über einige Monate im Jahr problemlos möglich sein wird. China, das als Handelsriese von dieser Entwicklung besonders profitieren dürfte, spricht im Zusammenhang mit der nördlich von Sibirien verlaufenden Route bereits von einer „Arktischen Neuen Seidenstraße“ – und bringt sich selbst als ein sogenannter „Near Arctic State“ (Staat nahe der Arktis) ins Spiel, eine Bezeichnung, die beispielsweise die USA entschieden ablehnen. Diese Entwicklung zeigt, wie sehr die Arktis inzwischen zu einem Brennpunkt der internationalen Politik geworden ist. Wobei der „Faktor“ Geografie hier eine entscheidende Rolle spielt. Nur sind es in diesem Fall keine Berge, Flüsse oder Küsten, die weitgehend unveränderliche Konstanten der einzelnen Länder bilden. Es ist das klimabedingte Abschmelzen des Eises, was festen Untergrund in schiffbare Seewege verwandelt.

Gewinner und Verlierer

In den nächsten Jahrzehnten dürfte die Kontrolle über die nördlichen Handelswege von größerer geostrategischer Bedeutung sein als der – technisch enorm anspruchsvolle – Zugriff auf die Ressourcen, die unter dem Arktischen Ozean schlummern (zumindest solange die Weltmarktpreise für Öl und Gas nicht extrem in die Höhe schnellen, erst dann wäre ihre Förderung in dieser unwirtlichen Region finanziell lohnend). Dass sich ein Großteil des Welthandels weiter nach Norden verlagern dürfte, hat weitreichende Folgen. So würde es die Bedeutung sowohl des Suezkanals als auch des Panamakanals verringern, im Gegenzug aber die Bedeutung der nordeuropäischen Hafenstädte als künftige Drehscheiben des asiatisch-europäischen Handels stärken. Und je mehr die Arktis international an Bedeutung gewinnt, desto mehr dürften dies auch die angrenzenden Nationen tun. So dürfte sich die Arktis in den nächsten Jahrzehnten zu einem äußerst wichtigen Schauplatz des Weltgeschehens entwickeln.

In unserer großen geopolitischen Serie sind bisher erschienen:

Russland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505453/Russlands-rote-Linie-Wie-seine-geografische-Lage-die-Machtpolitik-des-Riesenreiches-bestimmt

China:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/505910/In-der-Mitte-umzingelt-Wie-Chinas-Geografie-seinen-Aufstieg-zur-Weltmacht-erschwert

Deutschland:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506014/Zwischen-West-und-Ost-Wie-Deutschlands-Geografie-eine-ausbalancierte-Sicherheitspolitik-erfordert

USA:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506374/Immer-noch-unangreifbar-aber-nicht-mehr-Zentrum-der-Welt-Die-USA-werden-ihr-Imperium-aufgeben-muessen

Großbritannien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/506643/Großbritannien-Wiedergeburt-eines-Empires

Türkei:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507181/Ordnungsmacht-oder-Aggressor-Wie-ihre-geografische-Lage-die-Tuerkei-in-ein-politisches-Dilemma-zwingt

Japan:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/507805/Japans-Dilemma-Heikler-Balanceakt-zwischen-zwei-Supermaechten

Saudi-Arabien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508354/Saudi-Arabien-Ein-Koenigreich-ringt-um-die-regionale-Vorherrschaft-und-ums-Ueberleben

Frankreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/508862/Zwischen-Grandeur-und-Bedeutungslosigkeit-Frankreichs-Hoffnung-liegt-in-Afrika

Zentralasien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/509203/Zentralasien-Das-Zentrum-des-Schachbretts

Italien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/510003/Italien-Ein-Land-kann-seinen-groessten-Trumpf-nicht-nutzen

Österreich:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511103/OEsterreich-Im-Westen-verankert-den-Blick-nach-Osten

Iran:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511575/Iran-Supermacht-der-Antike-und-noch-immer-fast-unbezwingbar

Indien:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511886/Indien-Von-Gebirgen-geschuetzt-auf-dem-Meer-herausgefordert

Nord- und Südkorea:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/512196/Korea-Kaum-jemand-will-die-Wiedervereinigung-vor-allem-nicht-die-Grossmaechte

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Kerosinpreise: Europäische Fluggesellschaften reduzieren Verbindungen
26.04.2026

Steigende Kerosinpreise setzen den europäischen Luftverkehr zunehmend unter Druck und zwingen Airlines zu Anpassungen bei Angebot und...

DWN
Politik
Politik Größte Fregatte der Welt: Warum die F126 die Deutsche Marine in der Milliardenfalle hält
26.04.2026

Die Bundeswehr wartet auf ihre neuen U-Boot-Jäger. Und wartet, und wartet. Sechs Fregatten der Klasse F126, einst als größte ihrer Art...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Azubi gesucht, kein Student: Welche Benefits für Auszubildende attraktiv sind
26.04.2026

Der berufliche Ausbildungsmarkt steht unter erheblichem Druck, die Hochschulen nicht: Seit 2002 schrumpfte die Zahl der Azubis um 24,5...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Europas Strategie zunehmend zerfällt
26.04.2026

Die Energiepreise steigen weiter und Europas Regierungen reagieren mit Milliardenhilfen, Steuererleichterungen und Notmaßnahmen. Doch...

DWN
Panorama
Panorama Leben nach Tschernobyl: Schicksal eines Liquidators zwischen Atomkatastrophe und Krieg in Kiew
26.04.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kämpft ein ehemaliger Liquidator noch immer mit den Folgen. Inmitten...

DWN
Finanzen
Finanzen Kevin Warsh vor Fed-Spitze: Politischer Druck auf die US-Notenbank wächst
26.04.2026

Die Entscheidung über die künftige Führung der US-Notenbank rückt näher und bringt politische Spannungen rund um den Fed-Vorsitz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neues EU-Grenzsystem EES belastet Flughäfen: Branche warnt vor Verzögerungen
26.04.2026

Das neue EU-Grenzsystem EES sorgt an europäischen Flughäfen für wachsende Unsicherheit im Reiseverkehr und stellt Abläufe zunehmend auf...

DWN
Technologie
Technologie Telekom testet Quantentechnologie: Glasfasernetz in Berlin im Praxiseinsatz
25.04.2026

Ein Berliner Experiment bringt Quanten-Teleportation erstmals über ein Telekom-Glasfasernetz in eine reale Infrastruktur und markiert...