Technologie

Steht die Atomkraft vor einer Renaissance? Teil 2

Lesen Sie den zweiten Teil der Atomkraft-Analyse von Nicolas Dvorak: Die Bundesregierung könnte den Ausstieg aus der Atomkraft rückgängig machen, doch es ist vollkommen unklar, ob dies überhaupt eine reelle Option ist.
15.05.2022 07:39
Lesezeit: 6 min
Steht die Atomkraft vor einer Renaissance? Teil 2
Ein Mitarbeiter steht an einem Kontroll- und Steuerungspult im Leitstand des Kernkraftwerk Brokdorf. Nach knapp 35 Jahren Betriebszeit wurde das Atomkraftwerk von Betreiber "Preussen Elektra" Ende 2021 abgeschaltet. (Foto: dpa)

Und beträchtliche Nachteile...

Gegen eine Renaissance der deutschen Atomkraft sprechen die gesundheitsschädlichen Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf den Menschen, wie sie die damalige Bundesregierung ja auch als Begründung für den endgültigen Ausstieg nach der Reaktor-Katastrophe im japanischen Fukushima im Jahr 2011 vorgebracht hatte. Weder können technisch oder durch menschliches Versagen herbeigeführte Nuklear-Zwischenfälle noch ein gezielter Angriff von Terroristen oder gegnerischer Kriegsparteien auf ein Kernkraftwerk ausgeschlossen werden. Im Fall eines „größten anzunehmenden Unfalls“ (GAU) müssen Millionen Menschen aus riesigen Landstrichen evakuiert und eine Kontaminierung der Umwelt mit radioaktiven Substanzen in Kauf genommen werden.

Schon im Normalbetrieb emittieren Kernkraftwerke permanent Radioaktivität. Das Anti-Atom-Bündnis „Mitwelt am Oberrhein“ schreibt dazu: „In der Propaganda der Atomkonzerne werden Atomkraftwerke häufig als ‚abgasfrei‘ bezeichnet. Doch Atomkraftwerke geben auch im sogenannten Normalbetrieb über den Kamin, das Maschinenhaus und das Abwasser ständig radioaktive Stoffe an die Umwelt ab. Jede noch so geringe radioaktive Strahlung kann Krebs auslösen. In der Umgebung vieler Atomanlagen wurden erhöhte Krebsraten festgestellt. Die Grenzwerte für erlaubte Radioaktivitätsabgabe des (stillgelegten) Atomkraftwerks Fessenheim lagen bei 925 Milliarden Becquerel/Jahr für radioaktives Material und 74.000 Milliarden Becquerel/Jahr für Tritium (laut einer dpa-Meldung). Die erlaubte ‚Entsorgung durch Verdünnung‘, die schleichende Verseuchung über den Kamin und das Abwasser, ist ein Skandal.“

Die in der Kernspaltung schlummernden Energie-Potenziale sind gewaltig: In einem Kernkraftwerk mit 1.000 Megawatt Leistung soll im Laufe eines Jahres ungefähr die kurz- und langlebige Radioaktivität von 1.000 Hiroshima-Bomben entstehen.

Problematisch bleibt die Nutzung der Kernkraft auch nach Ende des Betriebs eines Atomkraftwerks. Eine sichere Endlagerung der ausgebrannten Brennstäbe kann faktisch nicht garantiert werden. Die in Fässern gelagerten Stäbe setzen hunderttausende Jahre lang radioaktive Strahlung frei und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Radioaktivität langsam ins umgebende Gestein oder Grundwasser einsickert. Deutsche Endlager sind vom Gesetzgeber darauf hin ausgerichtet, mindestens eine Million Jahre als sicherer Raum zu funktionieren – an diesen extremen Kalkulationen lässt sich das von der Strahlung ausgehende Risiko und die Langlebigkeit des Problems besonders deutlich ablesen.

Für schwachradioaktive Abfälle existiert hierzulande ein Endlager in Salzgitter, das 2027 in Betrieb genommen werden soll. Für hochradioaktive Abfälle sucht die Bundesgesellschaft für Endlagerung seit 2017 einen geeigneten Standort – bis 2031 soll einer der im Jahr 2020 identifizierten 90 angeblich geeigneten Standorte dafür ausgewählt werden.

Renaissance vorerst verschoben

Selbst wenn die Bundesregierung zum Schluss käme, wieder in die Nutzung der Kernenergie einzusteigen, stellt sich noch immer die Frage, ob und wenn ja, in welchem Zeitraum diese Entscheidung umgesetzt werden könnte.

Theoretisch ist eine Laufzeitverlängerung der zur Stilllegung Ende Dezember 2022 vorgesehenen drei verbliebenen deutschen Kraftwerke möglich. Der Verband Kerntechnik Deutschland – dem neben den Betreibern der AKWs auch wissenschaftliche Einrichtungen angehören – erklärte Anfang März, dass eine Laufzeitverlängerung der Kernkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland „einen wichtigen Beitrag zur Energiesicherheit Deutschlands leisten“ könne, „sowohl im kommenden Winter als auch danach“. Die Anlagen seien „in sicherheitstechnisch hervorragendem Zustand. Einem weiteren Betrieb stehen keine sicherheits-bezogenen Gründe entgegen“, zitierte die Frankfurter Allgemeine aus dem Schreiben des Verbands. Voraussetzung sei jedoch, dass der Bundestag „zeitnah“ die Gesetze ändere, dass die Regulierungsbehörden und Gutachter „rasch“ einbezogen würden. Und dass die politischen Entscheidungen „belastbar“ mit Blick auf die nötigen Investitionen seien.

Die Bundesregierung hatte daraufhin Laufzeitverlängerungen aber abgelehnt – der Ausstieg soll also am 31. Dezember mit der Abschaltung von Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland vollzogen werden.

Zuvor hatten schon mehrere Energiekonzerne einem Weiterbetrieb eine Absage erteilt. In einem Interview mit dem Sender n-tv sagte der Vorstandsvorsitzende von RWE, Markus Krebber: „Die Bundesregierung hat die Option, die Kraftwerke länger zu betreiben, ja vor kurzem vom Tisch genommen. Ich halte das für eine sehr nachvollziehbare Entscheidung. Man muss zwei Fristen sich angucken: Wie viel könnte eigentlich eine Verlängerung der Kernenergie für die Entspannung der Versorgungssicherheit im nächsten Winter beitragen? Das ist sehr, sehr überschaubar, weil dazu die Vorlauffrist einfach zu kurz ist. Und wenn man sich einen längerfristigen sicheren Betrieb der Anlagen anguckt, dann sind die Hürden schon relativ hoch, die zu überwinden sind. Weil, man muss sich vor Augen führen: Wir betreiben diese Anlagen seit elf Jahren mit dem klaren Ziel, sie Ende diesen Jahres abzuschalten. Das heißt, die Vorlaufzeit, diese Entscheidung zu ändern, ist einfach jetzt zu kurz.“

Krebber ging auch auf die konkreten technischen und juristischen Herausforderungen ein, die Laufzeitverlängerungen oder sogar eine Reaktivierung von Meilern mit sich bringen: „Erstmal müssen Sie die Versorgung mit Brennelementen angucken, das ist nicht über Nacht machbar, das hat Vorlaufzeiten von eher 15 Monaten und länger. Und das Zweite ist: Die Anlagen müssen dem neuesten Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen. Die letzte Überprüfung hat 2009 stattgefunden. Die 2019er – weil alle zehn Jahre muss diese Prüfung stattfinden – hat nicht stattgefunden mit dem Enddatum 2022. Diese Prüfung müsste stattfinden und dann müssten Nachrüstungen erfolgen. Das heißt, Sie sehen schon, wir sind zeitlich in einem Zeitfenster, wo es eigentlich für die aktuelle Krise gar nicht mehr hilft, darüber nachzudenken.“

Wie Krebber hatten sich auch Sprecher des Energieversorgers EnBW (betreibt das Kraftwerk Neckarwestheim 2) und PreussenElektra (betreibt den Standort Isar 2) ablehnend geäußert.

Komplizierter als eine Laufzeitverlängerung wäre das Wiederhochfahren bereits stillgelegter Meiler, weil neben dem politischen Willen dafür auch materielle und technisch bedingte Restriktionen überwunden werden müssten.

Der Atomausstieg hat dazu geführt, dass hunderte Spezialisten sich in den vergangenen Jahren nach einer Beschäftigung in anderen Branchen umgeschaut haben. Es fehlt heute demnach ein Reservoir technisch geschulter Arbeitskräfte für den erneuten Betrieb von Kernkraftwerken. Erschwerend kommt hinzu, dass im Zuge des Ausstiegs auch beträchtliche Teile der nuklearen Forschung und Weiterentwicklung aus Deutschland gedrängt wurden. Es mangelt inzwischen schlichtweg an Knowhow und den einschlägigen Aus- oder Weiterbildungsstrukturen für Beschäftigte im Atomsektor.

Eine hohe Hürde stellt zudem der gesicherte Bezug von Brennstäben dar. Von der Auftragsvergabe bis zum Erhalt der Stäbe vergehen rund eineinhalb Jahre, wie RWE-Chef Krebber andeutete. Das landesweite Wiederanfahren von AKWs würde den Bedarf vervielfachen. Angesichts der Verwerfungen auf den Rohstoffmärkten und des starken Anstiegs der Weltmarktpreise für den Grundstoff Uran ist derzeit nicht absehbar, in welchem Zeitraum ein gesicherter Bezug in dieser Größenordnung möglich wäre.

Noch unwahrscheinlicher als das Reaktivieren stillgelegter Reaktoren gilt der Bau neuer Kernkraftwerke. Deren Planung und Bau benötigt realistischen Schätzungen zufolge etwa 10 Jahre und ist mit Investitionen in Milliardenhöhe verbunden. Zudem existieren enorme Marktrisiken, da die Strompreise – und damit die Renditepotenziale der Betreiber und Eigentümer – über den langjährigen Planungs- und Betriebszeitraum kaum oder gar nicht zu kalkulieren sind.

Fazit

Die Nutzung der Nuklearenergie kann angesichts einer wachsenden Nachfrage nach Elektrizität einen bedeutenden Beitrag zu einer verlässlichen Energieversorgung Deutschlands leisten. Aber nicht nur der Betrieb von Kernkraftwerken birgt bedeutende Risiken für Mensch und Umwelt, auch das Problem einer gesicherten Endlagerung der Brennstäbe ist letzten Endes bislang nicht zufriedenstellen gelöst worden. Ein Weiterbetrieb noch aktiver AKWs sowie ein Wiederhochfahren stillgelegter Anlagen ist technisch möglich, angesichts hoher Kosten sowie materieller und politischer Hürden aber unwahrscheinlich.

Lesen Sie hier den ersten Teil der Analyse:

deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/518532/Steht-die-Atomkraft-vor-einer-Renaissance-Teil-1

  • Warum der deutsche Atom-Ausstieg wackelt
  • Ob Berlin an der Energiewende festhalten wird
  • Wie Atomkraftwerke funktionieren und was ihre Vorteile sind

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