Deutschland

Energie-Krise: Erster Stahlkonzern muss Werke in Deutschland herunterfahren

In Deutschland muss der erste große Stahlkonzern seine Werke herunterfahren. Hierzulande könne nicht mehr wirtschaftlich produziert werden, so der Weltkonzern.
06.09.2022 10:35
Aktualisiert: 06.09.2022 10:35
Lesezeit: 2 min
Energie-Krise: Erster Stahlkonzern muss Werke in Deutschland herunterfahren
Die ersten Industrie-Konzerne müssen die Produktion angesichts der Energie-Krise herunterfahren. (Foto: dpa) Foto: Rolf Vennenbernd

Angesichts massiv steigender Kosten für Elektrizität und wichtige Rohstoffe stoppt Europas größter Stahlkonzern Arcelormittal zwei Produktionsanlagen in Norddeutschland. „Ab Ende September wird der Konzern bis auf weiteres einen der beiden Hochöfen am Flachstahlstandort Bremen stilllegen“, teilte das Unternehmen am vergangenen Freitag mit.

„Im Hamburger Langstahlwerk, in dem Arcelormittal Qualitätswalzdraht produziert, wird ebenfalls ab dem vierten Quartal die Direktreduktionsanlage auf Grund der aktuellen Situation und der negativen Aussichten außer Betrieb genommen werden.“ Die bereits in beiden Werken bestehende Kurzarbeit werde deswegen ausgeweitet.

„Die exorbitant gestiegenen Energiepreise beeinträchtigen die Wettbewerbsfähigkeit der Stahlherstellung massiv“, heißt es in der Mitteilung. Hinzu kämen eine schwache Marktnachfrage, ein negativer Wirtschaftsausblick sowie anhaltend hohe CO2-Kosten in der Stahlproduktion. „Arcelormittal zieht in Deutschland die Konsequenzen, da nicht mehr alle Anlagen wirtschaftlich betrieben werden können.“

Klima-Steuern, Krieg und Sanktionen

Mehrere Faktoren haben dazu geführt, dass die Preise für Energieprodukte und Strom hierzulande in den vergangenen Jahren geradezu explodiert sind.

Zunächst muss festgestellt werden, dass die Politik auf nationaler und europäischer Ebene fossile Energiequellen bewusst verteuert, um den Umstieg auf alternative Quellen zu forcieren. Zu den Instrumenten die dafür eingesetzt werden, gehört beispielsweise der Handel mit CO2-Emissionsrechten und die Anfang 2021 von der Bundesregierung eingeführte Sondersteuer auf CO2, die bereits zu einer massiven Verteuerung von Energie im Vorjahr geführt hatte.

Lesen Sie dazu: Stahlbranche schlägt Alarm: Kosten für „Klimapolitik“ laufen aus dem Ruder - Habeck bereitet nächste Sonderabgabe vor

Deutlich verschärft wurde der Preisauftrieb schließlich von Russlands Krieg gegen die Ukraine, genauer gesagt durch die von den EU-Staaten erlassenen Sanktionen gegen russische Energieprodukte wie Erdöl und Kohle. Diese haben Verknappungen, Lieferengpässe und Preisexplosionen ausgelöst, weil in der Kürze der Zeit nicht genug alternative Lieferanten gefunden werden konnten beziehungsweise weil gleichwertige Energieprodukte auf dem Weltmarkt teuer auf den Spotmärkten eingekauft werden mussten.

Acelormittal: Strompreise haben sich verzehnfacht

„Die hohen Kosten für Gas und Strom belasten unsere Wettbewerbsfähigkeit stark. Dazu kommt ab Oktober die geplante Gasumlage der Bundesregierung, die uns weiter belasten wird“, sagte der Chef von Arcelormittal Deutschland, Reiner Blaschek, laut Mitteilung. „Mit einer Verzehnfachung der Gas- und Strompreise, die wir innerhalb weniger Monate hinzunehmen hatten, sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig in einem Markt, der zu 25 Prozent aus Importen versorgt wird.“

In der Hamburger Direktreduktionsanlage, wo das Vorprodukt Eisenschwamm entsteht, ist nach den Worten des dortigen Werkschefs Uwe Braun der Gasverbrauch bereits stark reduziert worden, indem Eisenschwamm extern aus Amerika zugekauft worden sei. „Die Anlage hat den Betrieb bereits um rund 80 Prozent reduziert“, sagte Braun. Nun werde Eisenschwamm „mit höherem CO2-Fußabdruck“ vollständig importiert, „um zumindest weiter produzieren zu können.“

Der Bezug von Eisenschwamm mit „höherem CO2-Fußabdruck“ wirkt selbstverständlich dem politisch erklärten Ziel des Klimaschutzes entgegen – ein Phänomen, das auch im Bereich Erdgas auftritt. Dort sind Deutschland und andere Länder Europas angesichts der selbst verhängten Sanktionen gezwungen, LNG-Flüssiggas zu kaufen, welches nicht nur um ein Vielfaches teurer als russisches Pipelinegas ist, sondern auch viel energieintensiver und klimaschädlicher produziert und transportiert wird.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Von Titan bis Neodym: So abhängig ist Europas Rüstungsindustrie von Russland und China
06.09.2026

Flugzeugstrukturen, Triebwerke und Raketenkörper brauchen hochreinen Titanschwamm, und die Hälfte davon stammt aus China und Russland....

DWN
Finanzen
Finanzen Die serbische Börse ist die rentabelste der Welt? Das muss ein Fehler sein
06.09.2026

Der serbische Aktienindex Belex15 soll laut Bloomberg seit Jahresbeginn mehr als 515.000 Prozent Gesamtrendite erzielt haben. Doch ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Warum Projekte scheitern – und wie Sie den Kollaps verhindern
06.09.2026

Stuttgart 21 als Warnung für den Mittelstand: Atreus-Experte Thomas Gläßer erklärt, warum Projekte scheitern, welche Ursachen...

DWN
Politik
Politik Dexit: Was von Europa ohne Deutschland bliebe
06.09.2026

Ein Dexit galt lange als politisches Randthema. Doch wenn die AfD weiter zulegt, wird der Austritt Deutschlands aus EU, Euro und Schengen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ratan Tata im Porträt: Das Auto war zu billig, um ein Erfolg zu werden
06.09.2026

Ratan Tata wollte indischen Familien ein sicheres und bezahlbares Auto geben. Der Tata Nano wurde als billigstes Auto der Welt gefeiert,...

DWN
Technologie
Technologie Elektroschrott in Europa: Milliardenwerte bleiben ungenutzt
06.09.2026

Europas Elektroschrott enthält Rohstoffe im Wert von Milliarden Euro, doch ein Großteil bleibt ungenutzt. Eine neue Studie zeigt, wie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billigimporte aus China: Die EU zieht die Zollmauer hoch
06.09.2026

Die EU verschärft ihre Zollregeln gegen die Flut kleiner Pakete aus China. Nach dem festen Drei-Euro-Zoll kommt ab November eine...

DWN
Finanzen
Finanzen Shein an der Börse: Wer bei Fast Fashion jetzt vorn liegt
05.09.2026

Der chinesische Konzern Shein hat sich an der Börse den größten Namen der Fast Fashion angeschlossen. Doch wie läuft es bei seinen...