Wirtschaft

Dank Sanktionen: Russland hat neuen wichtigsten Handelspartner

China hat sich zum größten Exporteur nach Russland entwickelt, weil der russische Handel mit Europa eingebrochen ist. Dies ist eine Herausforderung für die Infrastruktur.
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12.11.2022 09:08
Aktualisiert: 12.11.2022 09:08
Lesezeit: 3 min
Dank Sanktionen: Russland hat neuen wichtigsten Handelspartner
Hafen in Nanjing in der ostchinesischen Provinz Jiangsu. Der Handel zwischen China und Russland hat massiv zugenommen. (Foto: dpa) Foto: -

Das Frachtaufkommen in einigen der größten Häfen Russlands ist infolge der Wirtschaftssanktionen der Europäischen Union gegen Moskau stark zurückgegangen. So verzeichnete der Hafen von St. Petersburg, Russlands wichtigstem Tor für den Handel mit Europa, in diesem Jahr einen Rückgang des Containerumschlags um 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

"Im ehemals verkehrsreichsten Hafen Russlands kommen kaum noch Container an", so Vincent Stamer, Forscher am Kieler Institut für Weltwirtschaft, gegenüber Bloomberg. Der jüngste Handelsindikator des Kieler Thinktanks zeigt, dass Russland dieses Jahr monatlich 24 Prozent weniger Waren einführt als im Jahr 2021, was eine monatliche Importlücke von etwa 4,5 Milliarden Dollar bedeutet.

Der Einbruch ist vergleichbar mit dem Rückgang des Handels, den viele Länder im April 2020 erlebten, als die Covid-19-Pandemie die Regierungen dazu zwang, ihre Volkswirtschaften abzuschotten. "Der Verlust von einem Viertel der Importe einer Nation ist ziemlich beträchtlich", so Stamer. "Stellen Sie sich vor, jeden Monat einen solchen Importrückgang zu haben."

Handel mit China statt mit Europa

In diesem Sommer exportierte die EU 43 Prozent weniger Waren nach Russland als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Zugleich exportierte China 23 Prozent mehr Waren nach Russland als im Jahr 2021, so der Kieler Bericht. Damit hat China die EU als Russlands wichtigster Handelspartner überholt. Allerdings reichen die chinesischen Exporte nach Russland nicht aus, um den Rückgang der Exporte aus der EU auszugleichen.

"Da Chinas Exporte nicht ausreichen, um den Rückgang des russischen Handels mit der EU auszugleichen, erweisen sich Russlands Bemühungen, die sinkenden Importe aus Europa zu ersetzen, als zunehmend schwierig", wird Stamer in der Financial Times zitiert. "Die vom westlichen Bündnis verhängten Sanktionen treffen die russische Wirtschaft offenbar hart und schränken die Konsummöglichkeiten der Bevölkerung spürbar ein."

Offizielle chinesische Daten, die am Montag veröffentlicht wurden, zeigen, dass der Wert der chinesischen Ein- und Ausfuhren mit Russland im Oktober um eine Jahresrate von 35 Prozent gestiegen ist. Dies war zwar eine geringere Jahresrate als in den drei vorangegangenen Monaten, doch stand der Anstieg in scharfem Kontrast zu Chinas allgemeinem Handelsrückgang.

Rückgang im Welthandel

Die russischen Warenexporte und -importe schrumpften laut IfW Kiel im Oktober um 2,6 Prozent beziegungsweise 0,4 Prozent gegenüber dem Vormonat. Zusammen mit dem schrumpfenden Außenhandel in Deutschland und den USA sank das monatliche Welthandelsvolumen um 0,8 Prozent, so die Kieler Analyse der weltweiten Sendungen.

"Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die nachlassende Nachfrage in den großen Volkswirtschaften den Welthandel belastet", zitiert die Financial Times Leah Fahy, Ökonomin bei der Beratungsfirma Capital Economics. Sie prognostizierte, dass der Welthandel ab dem kommenden Jahr auf Jahresbasis zurückgehen werde, da immer mehr Länder von einer Rezession betroffen seien.

Auf der deutschen Wirtschaft lasten weiterhin die Turbulenzen in den globalen Lieferketten. Die deutschen Importe gingen um 0,9 Prozent zurück und auch die Exporte nahmen im Oktober leicht ab. Dennoch gab es einen gewissen Optimismus, da die Frachtraten auf den Routen zwischen China und Europa seit Jahresanfang um zwei Drittel gesunken sind und die Preise für einen Standardcontainer zum ersten Mal seit zwei Jahren unter 5.000 Dollar liegen.

Der Rückgang im deutschen Außenhandel im Oktober folgte auf einen unerwarteten Anstieg der deutschen Industrieproduktion im September, auch wenn die Produktion bei den energieintensivsten Herstellern gegen den Trend zurückging, da diese Unternehmen auf die massiv steigenden Gas- und Strompreise in Deutschland reagiert haben.

Die Produktion in Deutschlands Fabriken war im September um 0,6 Prozent gestiegen, angetrieben von einer deutlich höheren Automobil- und Pharmaproduktion. Die Produktion in den energieintensivsten Sektoren des Landes, wie Chemie, Metall und Glas, ging jedoch um 0,9 Prozent zurück, sodass sich der Rückgang im Gesamtjahr nun auf fast 10 Prozent beläuft.

Die Auftragseingänge für deutsche Fabriken fielen im September um 4 Prozent, und die Analysten von Goldman Sachs erwarten, dass sich die harten Daten zur deutschen Wirtschaft ab Oktober "deutlich verschlechtern" werden, insbesondere nachdem die chinesischen Exporte in die Europäische Union im Jahresvergleich um 9 Prozent gesunken sind.

Handel auf der Schiene statt per Schiff

Zwei der größten russischen Häfen, Noworossijsk am Schwarzen Meer und Wladiwostok im Osten des Landes, verzeichneten seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine einen Rückgang der eingehenden Fracht. Allerdings haben sich die Ladungen in Wladiwostok laut dem Bericht der Kieler Denkfabrik in letzter Zeit wieder dem üblichen Wert angenähert.

Stamer sagt, dass Chinas Fähigkeit, mehr Waren nach Russland zu verschiffen, anfänglich durch die freiwillige Einstellung der russischen Schiffsdienste durch die großen europäischen Reedereien, Hapag-Lloyd, Maersk und MSC, behindert wurde. "Es ist schwer zu sagen, wie groß dieser Effekt jetzt ist", fügte Stamer hinzu. "Alle Hindernisse im Schifffahrtsnetz werden China nicht daran hindern, mehr nach Russland zu exportieren."

Angesichts der begrenzten Möglichkeiten des Seetransports sieht Russland in der Eisenbahn eine weitere Möglichkeit, den Handel in Gang zu halten, insbesondere in den fernöstlichen Regionen. Laut dem jüngsten Wochenbericht von New Silk Road Intermodal, einem Frachtunternehmen zwischen China und Europa, sind die Bahnverbindungen nach Russland "immer noch heiß, aber im Vergleich zur letzten Woche hat sich die Lage entspannt."

Die durchschnittliche Transitzeit für Züge von Chengdu, Chongqing, Xi'an, Guiyang, Zengcheng, Ganzhou und anderen Bahnhöfen nach Russland beträgt demnach 14 bis 27 Tage. Die Transitzeit zwischen China und Russland auf dem See- und Schienenweg beträgt hingegen mehr als 40 Tage, und die Überlastung in Wladiwostok hat sich noch nicht wesentlich verbessert.

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