Politik

Marine Le Pen: Stille Profiteurin von Frankreichs Rentenstreit

Der Streit um die Rentenreform in Frankreich erhitzt seit Monaten die Gemüter. Die Hauptakteure: Linke, Regierung und Macron. Le Pens Rechtsnationale hingegen scheinen nur eine Nebenrolle zu spielen. Doch das punktet. Auf Dauer?
13.04.2023 14:03
Aktualisiert: 13.04.2023 14:03
Lesezeit: 3 min

Kein Mitlaufen bei den Rentendemos, keine Führungsrolle in der Parlamentsdebatte, und doch Pluspunkte in den Umfragen: Marine Le Pen und ihr rechtsnationales Rassemblement National (RN) profitieren von dem seit Monaten andauernden Streit um die Rentenreform in Frankreich und der grassierenden Unzufriedenheit im Land, der am Donnerstag mit neuen Streiks und Protesten abermals Ausdruck verliehen wird. Wie haben sie das geschafft, und was heißt das für die nächsten Wahlen?

Rentenreform führte zu Protestwelle gegen Macron

Kleine Rückschau: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und die Mitte-Regierung wollen mit der Rentenreform ein drohendes Loch in der Rentenkasse verhindern. Dazu wollen sie das Renteneintrittsalter schrittweise von 62 auf 64 Jahre anheben. Die Einzahldauer für eine volle Rente soll schneller steigen. Mittlerweile ist die Reform, gegen die seit Monaten protestiert wird, beschlossen. Am Freitag entscheidet der Verfassungsrat über ihre Verfassungsmäßigkeit.

Macron hat die Rentenreform reichlich Groll eingebracht. Laut einer Auswertung verschiedener Umfragen durch die Sonntagszeitung „Journal du Dimanche“ befindet er sich am Tiefpunkt seiner Beliebtheit, seit er vor knapp einem Jahr als Präsident wiedergewählt wurde. Sein Lager verliert wichtige Wählergruppen und hält sich nur bei Beamten und Rentnern stabil, wie Politikwissenschaftler Antoine Bristielle von der Fondation Jean-Jaurès beobachtet.

Marine Le Pen legt in Umfragen deutlich zu

Das rechtsnationale RN hingegen liegt in einer Umfrage des renommierten Ifop-Instituts mittlerweile sieben Prozentpunkte über seinem Ergebnis bei der Parlamentswahl im Juni. Le Pen ginge mehreren Umfragen zufolge derzeit zumindest in der ersten Runde der Präsidentschaftswahl als Siegerin hervor. Bristielle sieht ihre Partei als „große Gewinnerin“. Sie baue ihre Unterstützung aus – „so sehr, dass sie mehr und mehr einer Regierungspartei ähneln“.

Dass die Regierung und Macron sich mit der Reform, ihrer teils unglücklichen und teils stur wirkenden Kommunikation und ihrem als aggressiv wahrgenommenen Verhalten im Parlament unbeliebt gemacht haben, steht außer Frage.

Doch die linke Tageszeitung „Libération“ ist überzeugt: „Emmanuel Macron ist nicht der einzige Verantwortliche für die gute Gesundheit des RN. Die Linke trägt eindeutig Schuld.“ Denn sie habe die Gunst der Arbeiterklasse verloren. Und obwohl die Linke in der Rentendebatte omnipräsent war und aktiv an den Protesten teilnahm, kann sie nicht wirklich punkten. Zu aggressiv, zu viel Blockadehaltung, moniert die Bevölkerung Bristielle zufolge.

RN setzt auf Zurückhaltung im Rentenstreit

Fraktionschefin Le Pen hat ihren Rechtsnationalen einen anderen Kurs diktiert. Die Devise lautet, möglichst seriös und staatstragend zu wirken und aggressive Angriffe zu vermeiden. Es ist die Fortführung ihres Kurses der „Entteufelung“ der Partei, der sie in den vergangenen Jahren bis in die bürgerliche Mitte hinein wählbar gemacht hat.

Konkret bedeutet das, dass die Abgeordneten eher durch Zurückhaltung geglänzt haben. „Libération“ taufte sie daher kürzlich „Könige der Stille“. Doch Le Pen geht das zu weit. Dass man im Rentenstreit nicht viel getan habe, sei eine Lüge, sagte sie im Sender BFMTV. „Ich erlaube Ihnen nicht, das zu sagen!“

Fest steht aber, dass Le Pen und ihre Partei Nutznießer des Duells zwischen Regierung und Linken waren. „Libération“ zufolge wurden durch den Fokus auf die beiden Kontrahenten sogar einige Patzer der Rechtsnationalen im Parlament übersehen. Und weil sie sich nicht aktiv bei den Protesten engagieren, können die Rechtsnationalen sich leicht von gewaltsamen Ausschreitungen dort distanzieren.

„Wir werden keine Autos (...) zerstören, sondern den Franzosen sagen, dass sie bewirken können, dass diese Reform zu einer schlechten Erinnerung wird, indem sie für den RN stimmen“, sagte Le Pen.

Aber wird es so weit wirklich kommen? Die Präsidentschaftswahlen in Frankreich stehen erst 2027 an. Im kommenden Jahr ist Europawahl, aber kann die frankreichinterne Rentendebatte sie prägen? Für Bristielle ist die Antwort eindeutig.

„Sobald eine größere Krise das Land erschüttert und sich zu diesem Zeitpunkt Wahldynamiken beobachten lassen, halten diese an oder verstärken sich gar und zeigen sich bei den kommenden Wahlen an der Urne.“ So hätte sich etwa die Gelbwesten-Krise auf die Europawahl 2019 ausgewirkt. „Wenn Volatilität bei Wahlen auch immer mehr zur Realität in unserem Land wird, sind es doch diese Phasen der großen Politisierung, die die Wahldynamiken für die kommenden Jahre in Gang setzen.“ (DWN/dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Putin: "Nato bereitet sich auf Krieg mit uns vor"
23.06.2026

Wladimir Putin wirft der Nato offen Kriegsvorbereitungen gegen Russland vor und kritisiert die steigenden Militärausgaben im Westen. Seine...

DWN
Finanzen
Finanzen Urlaubseuro 2026: In diesen Ländern bekommen Sie am meisten Urlaub für Ihr Geld
23.06.2026

100 Euro klingen nach 100 Euro, doch im Urlaub entscheidet das Reiseziel über ihren wahren Wert. Eine neue Analyse zeigt, wo Reisende 2026...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Warum wird in deutschen Geschäften so brutal viel geklaut?
23.06.2026

Der Einzelhandel klagt über steigende Verluste durch Diebstahl. Welche Produkte besonders begehrt sind, wie sich Händler dagegen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kleinunternehmer kürzen Gehalt statt Kredit aufzunehmen
23.06.2026

Fast jeder zweite Selbstständige in Europa verzichtet auf Lohn, um unabhängig zu bleiben. Was steckt hinter dem Stolz, auf Kredite zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Minijob 2026: Rückkehr in die Rentenversicherung möglich – was zu beachten ist
23.06.2026

Wer sich als Minijobber von der Versicherungspflicht befreien ließ und bislang keinen Eigenanteil für die Rentenversicherung zahlt, kann...

DWN
Politik
Politik Rentenreform trifft fast alle Deutschen
23.06.2026

Die Rentenkommission hat 33 Empfehlungen erarbeitet – und die Regierung will das Konzept vollständig umsetzen. Was kommt damit auf die...

DWN
Politik
Politik "Nichtstun ist keine Option": Merz will alle Renten-Pläne der Kommission umsetzen
23.06.2026

33 Vorschläge hat eine 13-köpfige Kommission für eine große Rentenreform vorgelegt. Der Kanzler stellt sich zu 100 Prozent hinter die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschlands Insolvenzwelle rollt weiter
23.06.2026

Die deutsche Wirtschaft kommt nicht aus der Krise: So viele Unternehmen wie seit 2013 nicht mehr rutschen in die Insolvenz. Experten warnen...