Wirtschaft

EU-Kommission schraubt BIP-Prognosen herunter

Die Volkswirtschaften der EU verlieren zunehmend Schwung. Von Deutschland als neuem "kranken Mann Europas" will man in Brüssel öffentlich aber noch nicht sprechen.
11.09.2023 14:02
Aktualisiert: 11.09.2023 14:02
Lesezeit: 2 min

Die hohe Inflation und maue Weltwirtschaft treiben Deutschland laut Prognose der EU-Kommisson in die Rezession und drücken das Wachstum der Euro-Zone. Erst 2024 ist bei nachlassendem Preisdruck und wieder erwachender Konsumlaune der Verbraucher mit einem zarten Aufschwung rechnen, wie aus der am Montag vorgelegten Sommerprognose hervorgeht.

Brüssel erwartet für die Staaten der Währungsunion 2023 nur noch ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,8 Prozent, nach 1,1 Prozent in der Frühjahrsprognose. EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni spricht mit Blick auf die Folgen des Ukraine-Krieges, steigender Zinsen und hoher Inflation von "mehrfachem Gegenwind". Dieser treffe besonders Deutschland: Das BIP dürfte hierzulande demnach um 0,4 Prozent schrumpfen.

Kein "kranker Mann Europas"

Damit traut Brüssel ebenso wie viele deutsche Forschungsinstitute der hiesigen Wirtschaft kein Wachstum mehr zu, nachdem die EU-Kommission im Frühjahr noch ein kleines Plus von 0,2 Prozent veranschlagt hatte. Gentiloni sagte, auch wenn es nun leicht in den negativen Bereich gehe, mache sich Brüssel das in manchen Medien gezeichnete Bild der deutschen Wirtschaft als kranker Mann Europas nicht zu eigen:

"Wir wissen, dass es sich um eine starke Volkswirtschaft handelt, die die Werkzeuge und die Möglichkeit zur Erholung hat." So könne sich bereits in den kommenden Monaten beim Binnenkonsum und der Kaufkraft Besserung einstellen. Dies würde den Weg dafür ebnen, wieder auf den Wachstumspfad zurückzukehren. Die deutsche Wirtschaft ist drei Quartale in Folge nicht mehr gewachsen. Eine Trendwende ist nach Ansicht vieler Ökonomen vorerst nicht zu erwarten.

Der exportorientierte Industriestandort zwischen Rhein und Oder leidet besonders unter den hohen Energiekosten und dem mauen weltwirtschaftlichen Umfeld. Das von einem Touristenboom profitierende Spanien dürfte diese Widrigkeiten laut EU-Kommission besser wegstecken und dieses Jahr ein BIP-Wachstum von 2,2 Prozent hinlegen. Frankreich wird ein Plus von 1,0 Prozent zugetraut und Italien, das lange Zeit als wirtschaftlicher Nachzügler galt, ein Zuwachs von 0,9 Prozent.

"Nahe am Zinsgipfel"

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Valdis Dombrovskis, erwartet, dass sich nach einer Phase der Schwäche nächstes Jahr ein milder Aufschwung entwickeln wird, "gestützt auf einen starken Arbeitsmarkt, rekordniedrige Erwerbslosigkeit und nachlassenden Preisdruck".

Die EU-Kommission veranschlagt in ihren Prognosen einen nicht mehr ganz so hohen Preisdruck wie noch im Frühjahr angenommen. Sie erwartet 2023 für Deutschland eine für den europäischen Vergleich berechnete Teuerungsrate (HVPI) von 6,4 Prozent, im Mai hatte sie noch 6,8 Prozent vorhergesagt. Für die Euro-Zone prognostiziert sie nun eine Inflation von 5,6 Prozent, nach 5,8 Prozent in der Frühjahrsprognose.

Auch nächstes Jahr dürften die Teuerungsraten demnach in Deutschland mit 2,8 Prozent und in der Euro-Zone mit 2,9 Prozent über dem Zielwert der Europäischen Zentralbank von 2,0 Prozent liegen, der für die Konjunktur als ideal gilt. Im Frühjahr hatte die Kommission die beiden Inflationswerte noch einen Tick niedriger angesetzt.

Die EZB entscheidet am Donnerstag wieder über den Leitzins: Nach neun Anhebungen in Folge beraten die Währungshüter um EZB-Chefin Christine Lagarde darüber, ob die Serie weitergeht oder eine Pause eingelegt wird. Der derzeit maßgebliche Leitzins liegt inzwischen bei 3,75 Prozent. An den Börsen wird überwiegend damit gerechnet, dass die EZB die Füße stillhalten wird. Doch gilt die Abstimmung im EZB-Rat als enges Rennen.

Gentiloni betonte, die EZB entscheide autonom über die Leitzinsen. Seine Aufgabe sei es, Prognosen zu erläutern und keine Empfehlungen zu geben: "Doch basierend auf den kurzfristigen Zinsprojektionen schätzen wir, dass wir in jedem Fall nahe am Zinsgipfel in der EU sind."

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik CDU und SPD vor Koalitionsgesprächen in Rheinland-Pfalz – Schweitzer und Schnieder starten Verhandlungen
23.03.2026

Nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz stehen CDU und SPD vor entscheidenden Gesprächen über eine mögliche Regierungsbildung. Doch...

DWN
Finanzen
Finanzen Imperial Brands-Aktie: Schließung von Reemtsma-Werk – 600 Jobs betroffen
23.03.2026

Nach monatelangen Verhandlungen ohne Ergebnis steht fest: Ein bedeutendes Reemtsma-Werk wird geschlossen. Die Entscheidung von Imperial...

DWN
Finanzen
Finanzen Ein weiteres systemisches Risiko: Fed schlägt Senkung der Kapitalanforderungen für Banken vor
23.03.2026

Milliarden Dollar könnten für Kredite, Dividenden und Aktienrückkäufe freigesetzt werden. Kritiker warnen jedoch, dass niedrigere...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eli Lilly-Aktie: Dieser Wirkstoff könnte den Milliardenmarkt neu ordnen
23.03.2026

Ein neuer Wirkstoff von Eli Lilly sorgt für Unruhe im globalen Pharmamarkt. Retatrutid liefert Ergebnisse, die bisherige Medikamente klar...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Energiepreise: Weltwirtschaft steuert auf Rezession zu
23.03.2026

Die zunehmenden Verwerfungen im Energiesektor infolge des Iran-Kriegs belasten bereits Unternehmen, Verbraucher und Finanzmärkte und...

DWN
Politik
Politik SPD in der Krise: Führung bleibt – Merz bremst Reformen
23.03.2026

Die SPD kämpft nach Rückschlägen um Stabilität, während Kanzler Merz vor übereilten Entscheidungen warnt. Reformen stehen an, doch...

DWN
Politik
Politik Trump will gigantischen Milliardenbetrag für den Krieg in Iran fordern
23.03.2026

Die Kosten für den Krieg gegen Iran steigen rasant. Nun will Donald Trump weitere 200 Milliarden Dollar vom Kongress fordern. Die Debatte...

DWN
Finanzen
Finanzen Volatile Siemens Energy-Aktie: Kurssprung nach schwachem Start – was Anleger jetzt wissen müssen
23.03.2026

Ein turbulenter Handelstag bringt die Siemens Energy-Aktie erneut in den Fokus. Zwischen Kursverlusten und kräftiger Erholung schwankt der...