Politik

Verzweiflung in Gaza vor Bodenoffensive

Im Gazastreifen wird die Lage vor Israels erwarteter Bodenoffensive immer dramatischer. Das Leid der Zivilbevölkerung sorgt für Zorn in der muslimischen Welt.
15.10.2023 20:29
Aktualisiert: 15.10.2023 20:29
Lesezeit: 4 min

Der schlimmste Terrorangriff in der Geschichte Israels mit mehr als 1300 Toten durch die im Gazastreifen herrschende Hamas droht die Region ins Chaos zu stürzen. Seit dem Überfall am Samstag vor einer Woche bombardiert die israelische Armee das dicht besiedelte Gebiet. Bisher starben dabei nach palästinensischen Angaben rund 2450 Menschen. Weitere 9200 wurden demnach verletzt. Das waren binnen einer Woche schon mehr als bei dem letzten großen Gaza-Krieg von 2014, der 50 Tage dauerte.

Die Lage der von Versorgungsgütern abgeschnittenen mehr als zwei Millionen Bewohner des Gazastreifens wurde unterdessen immer dramatischer. Das Leiden könnte bei einer Bodenoffensive Israels noch viel schlimmer werden und Gegner Israels auf den Plan rufen. Die USA und andere Länder versuchten, das Schlimmste zu verhindern.

Lage an Grenze zu Libanon immer brenzliger

Schon vor der Bodenoffensive aber spitzte sich die Lage an Israels zweiter Front im Norden an der Grenze zum Libanon immer weiter zu. Neun Raketen wurden nach israelischen Militärangaben am Sonntag vom Libanon aus auf Israel abgefeuert. Die Raketenabwehr habe fünf der Geschosse abgefangen. Die israelische Armee erwidere das Feuer und greife die Abschussorte im Libanon an, hieß es in der Mitteilung.

Schon in den vergangenen Tagen hatte es auf beiden Seiten Tote bei kleineren Gefechten der israelischen Armee mit der pro-iranischen Hisbollah-Miliz gegeben. Am Sonntag starb in Israel mindestens ein Mensch durch Hisbollah-Beschuss. Die vom Iran finanzierte Miliz gilt als wesentlich schlagkräftiger als die Hamas. Israelischen Schätzungen zufolge verfügt sie über rund 100 000 Raketen.

USA verlegen weitere Kriegsschiffe nach Nahost

Die USA verlegen weitere Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer, unter anderem den Flugzeugträger «USS Dwight D. Eisenhower», den Lenkwaffenkreuzer «USS Philippine Sea» und zwei Zerstörer. Sie sollen sich den bereits in die Region verlegten Schiffen anschließen, wie das Verteidigungsministerium in Washington mitteilte. Die Kriegsschiffe sollen sich demnach nicht an Kampfhandlungen beteiligen, sondern der Abschreckung dienen. Das Weiße Haus betonte auch, dass man nicht plane, Bodentruppen nach Israel zu schicken.

US-Außenminister Blinken trifft saudischen Kronprinz

US-Außenministers Antony Blinken setzte derweil seine Krisendiplomatie im Nahen Osten fort. Am Sonntag traf er sich in Riad mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Saudi-Arabien strebe eine Deeskalation in dem Konflikt an, sagte der faktische Herrscher des Landes nach Angaben von Staatsmedien bei dem Treffen.

Aus dem US-Außenministerium hieß es, Blinken habe betont, dass sich die USA «unermüdlich dafür einsetzen, die Terroranschläge der Hamas zu stoppen, die Freilassung aller Geiseln sicherzustellen und eine Ausweitung des Konflikts zu verhindern».

Bereits am Samstag hatte sich Blinken mit seinem saudischen Kollegen Faisal bin Farhan Al Saud in Riad getroffen. Er war außerdem bereits in Israel, Jordanien und Katar. Nach einem Besuch in den Vereinigten Arabischen Emiraten kehrte er am Sonntag zurück nach Saudi-Arabien, traf den Kronprinz und flog von dort nach Ägypten und wollte nach Presseberichten am Montag wieder zum Anfang seiner Reise nach Israel.

China schickt Sondergesandten in den Nahen Osten

China schickt nach der jüngsten Eskalation der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern seinen Sondergesandten für den Nahen Osten kommende Woche zu Gesprächen in die Region. Er werde sich für den Schutz von Zivilisten, einen Waffenstillstand und Friedensgespräche einsetzen, kündigte der Diplomat Zhai Jun am Sonntag im chinesischen Staatssenders CCTV an. Zhai hatte bereits in den vergangenen Tagen Telefongespräche mit hochrangigen Vertretern Israels und der Palästinenser geführt.

Irans Außenminister: Jeder hat «Hand am Abzug»

Der iranischen Außenminister Hussein Amirabdollahian forderte Israel in einem Interview mit dem Sender Al-Dschasira auf, nicht weiter gegen den Gazastreifen vorzugehen. «Wenn die Aggression gegen Gaza nicht beendet wird, sind weitere Fronten in diesem Krieg nicht auszuschließen», sagte er. Der Iran könne in dieser Situation nicht als Zuschauer am Rande stehen. Am Freitag war der Minister mit dem Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, zusammengekommen. «Jeder hat Szenarien entworfen, und jeder hat die Hand am Abzug», warnte der Minister.

Beginn der Bodenoffensive unklar

Wann die erwartete Bodenoffensive beginnen würde, blieb weiter unklar. Israel will die im Gazastreifen herrschende islamistische Hamas zerstören, die bei dem beispiellosen Terrorüberfall auf Israel seit Samstag vergangener Woche mehr als 1300 Menschen getötet und über 3600 Menschen verletzt hat. Mehr als 150 Menschen wurden in den Gazastreifen entführt, darunter acht Fälle deutscher Staatsangehöriger. Die Armee hatte mehr als eine Million Bewohner des nördlichen Gazastreifens aufgefordert, sich in den Süden zu begeben. Viele Menschen setzten sich daraufhin in den Süden ab, obwohl es dort kaum Unterkünfte für so viele Menschen gab.

Die Vereinten Nationen hatten die Evakuierungsanordnung für undurchführbar erklärt und deren Rücknahme gefordert. Zudem müsse Israel sofort die Versorgung der Menschen in dem abgeriegelten Gebiet mit Nahrung, Wasser, Medikamenten und Treibstoff zulassen.

Auch Arbeiter aus Thailand unter den Opfern des Hamas-Überfalls

Bei dem Hamas-Überfall auf Israel wurden auch mindestens 24 Thais umgebracht. Mehr als ein Dutzend soll in den Gazastreifen entführt worden sein. Etwa 30 000 Thais leben Medienangaben zufolge als Arbeiter in Israel, davon 5000 in der Region am Gazastreifen. Thailand flog am Sonntag bei einem dritten Evakuierungsflug weitere 90 seiner Bürger aus Israel in die Heimat.

Auswärtiges Amt warnt vor Reisen nach Israel

Wegen der Eskalation der Gewalt im Nahen Osten warnt das Auswärtige Amt vor Reisen nach Israel, in die gesamten palästinensischen Gebiete und in den Libanon. Das teilte das Ministerium am Sonntag mit. Deutsche Staatsbürger vor Ort rief das Auswärtige Amt dazu auf, sich in die Krisenvorsorgeliste Elefand einzutragen, über die es zu Ausreisemöglichkeiten informiert.

Mit Sonderflügen der Lufthansa wurden in den vergangenen Tagen rund 2800 Deutsche und Familienangehörige ausgeflogen. Seit Samstag fliegt auch die Bundeswehr Menschen nach Deutschland. Das Auswärtige Amt verwies zudem auf einen Sonderflug der Fluggesellschaft Condor aus Akaba in Jordanien, das direkt an der Südgrenze Israels liegt. (dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Technologie
Technologie Vorwürfe gegen chinesische Konkurrenz: KI-Firma Anthropic spricht von Umleitungs-Tricks
14.09.2026

Günstige KI-Angebote aus China weckten wiederholt Zweifel an den Zukunftsaussichten großer US-Anbieter. Laut dem KI-Entwickler Anthropic...

DWN
Politik
Politik Geld für Regenwaldfonds: Gegenwind in der Unionsfraktion gegen deutsche Finanzzusage
14.09.2026

Beim Schutz des Weltklimas nehmen Regenwälder eine Schlüsselrolle ein, weshalb ein internationaler Fonds zu deren Erhalt beitragen soll....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Verpackungsregeln werden zur Falle für kleine Firmen
14.09.2026

Bei einem kleinen Unternehmen, das in einem Land vielleicht nur wenige Bestellungen pro Jahr hat, können die Fixkosten aus den EU-Regeln...

DWN
Politik
Politik Ukrainische Eisenbahn: Russland eröffnet eine neue Front gegen Kiew
13.09.2026

Russland verändert seine Angriffstaktik und nimmt immer häufiger ausgerechnet jene Infrastruktur ins Visier, die die Ukraine...

DWN
Finanzen
Finanzen AppLovin-Aktie: Ist dieser KI-Titel jetzt viel zu billig?
13.09.2026

Mehr als die Hälfte ihres Wertes hat die AppLovin-Aktie seit Jahresbeginn verloren. Doch während Anleger fliehen, wachsen Umsatz und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Die ältesten Familienunternehmen Deutschlands – von Konzern bis Mittelstand
13.09.2026

Von Merck bis Meindl, von Haniel bis Herder – die 50 ältesten deutschen Familienunternehmen bilden die ganze Vielfalt dieses...

DWN
Technologie
Technologie KI-Cyberangriffe: Banken warnen vor einem neuen Wettrüsten
13.09.2026

Eine vernetzte Kaffeemaschine kann reichen, um Hackern den Weg in eine Bank zu öffnen. Künstliche Intelligenz verändert die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Arbeiten bei 35 Grad: Braucht Deutschland ein Hitzearbeitsrecht?
13.09.2026

Der Sommer 2026 brachte Rekordtemperaturen von über 41 Grad und mehr als 12.000 hitzebedingte Todesfälle. Jeder Hitzetag kostet die...