Wirtschaft

DNW-Interview: „Grüner Stahl ist kein Luxus, sondern Notwendigkeit“

Grüner Stahl ist der Schlüssel zur Rettung der deutschen Stahlindustrie, sagt der Nachhaltigkeitsforscher Stefan Lechtenböhmer und plädiert im DWN-Interview für eine stärkere Bereitschaft der Märkte, die aus Endkundensicht tragbaren Mehrkosten zu übernehmen.
30.03.2024 10:22
Aktualisiert: 30.03.2024 13:06
Lesezeit: 5 min

DWN: Herr Lechtenböhmer, ist Deutschlands Stahlindustrie noch zukunftsfähig?

Stefan Lechtenböhmer: Die deutsche Stahlindustrie ist dann zukunftsfähig, wenn es ihr gelingt, ihre weltweit führende Position (neben Schweden) bei der Umstellung auf klimaneutral erzeugten Stahl zu behaupten und aktiver Bestandteil eines innovativen Netzwerks mit ihren Verarbeitern in Mitteleuropa zu bleiben. Dies gilt insbesondere für Produkte, die einen hohen Spezialisierungsgrad aufweisen und sehr spezifisch auf die Weiterverarbeitung zum Beispiel zu Maschinen und Fahrzeugen zugeschnitten sind. In diesem Segment ist ein erheblicher Teil der deutschen Stahlproduktion eng mit den Kunden verflochten. Dieses bisher sehr erfolgreiche Wertschöpfungsnetzwerk hat auch weiterhin große Zukunftschancen, wenn es dynamisch, innovativ und klimaneutral bleibt.

DWN: Reicht es dann nicht, klimaneutral hergestellten Eisenschwamm, den Grundstoff für grünen Stahl, dort in Europa zu produzieren, wo es ausreichend günstige grüne Energie gibt und ihn dann zur Weiterverarbeitung nach Deutschland zu transportieren?

Lechtenböhmer: Klimaneutral hergestellter Eisenschwamm ist in der Tat ein interessantes Zwischenprodukt und es ist nicht zwingend notwendig, den gesamten Bedarf in Deutschland zu produzieren. Allerdings ist Deutschland derzeit führend bei Investitionen in Produktionstechnologien. Daher werden wir auch langfristig zumindest einen Teil der entsprechenden Eisenreduktion in Deutschland haben. Zumal uns im Zuge der Energiewende zunehmend sehr kostengünstige erneuerbare Energien zur Verfügung stehen werden.

DWN: Ist das Besondere an „Made in Germany“ vielleicht nicht die Grundstofferzeugung, sondern die Weiterverarbeitung?

Lechtenböhmer: Die hochinnovative und interaktive Integration von Rohstofferzeugung und Weiterverarbeitung ist ein wichtiges Alleinstellungs- und Qualitätsmerkmal der deutschen Industrie. Dieses Merkmal ist natürlich nicht statisch zu sehen, sondern muss sowohl technologisch als auch ökonomisch ständig weiterentwickelt werden. Ich glaube aber nicht, dass es sich auf Dauer ganz ohne Grundstoffproduktion gut entwickeln wird.

DWN: Weltweit werden langfristig weiterhin kohlebasierte Anlagen betrieben, in denen sich Stahl viel günstiger produzieren lässt. Wird grüner und somit teurerer Stahl aus Deutschland genug Abnehmer finden?

Lechtenböhmer: Bereits heute gibt es Kunden, die bereit sind, für grünen Stahl einen Aufpreis zu zahlen. Vor allem in endkundennahen Marktsegmenten. Diese sind natürlich heute noch zu klein und müssen schnell wachsen. Dazu bedarf es auch einer differenzierten politischen Unterstützung, wie sie beispielsweise im Rahmen des von Deutschland und Chile auf der letzten Klimakonferenz gegründeten Klima-Clubs angestrebt wird. Schließlich ist es immens wichtig, dass der Betrieb kohlebasierter Stahlwerke weltweit so schnell wie möglich beendet wird. Im Inland wird zudem der Emissionshandel hoffentlich dafür sorgen, dass klimaneutral erzeugter Stahl bald zumindest in die Nähe der Wettbewerbsfähigkeit gelangen kann.

DWN: Wie wichtig sind die großen Förderbescheide für Salzgitter und Thyssenkrupp? Ist das jetzt der Startschuss für die grüne Transformation?

Lechtenböhmer: Die Förderbescheide für Salzgitter und Thyssenkrupp sowie die Unterstützung von ArcelorMittal ermöglichen es den großen deutschen Primärstahlherstellern, in naher Zukunft erste kohlebetriebene Hochöfen zu schließen und durch Direktreduktionsanlagen in Kombination mit Elektrolichtbogenöfen oder Elektroschmelzöfen zu ersetzen. Damit werden sie in der Lage sein, deutlich emissionsärmeren Primärstahl zu produzieren. Dies ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur grünen Transformation, denn damit werden die deutschen Standorte zu den ersten weltweit gehören, die in großem Stil auf die neuen Technologien umstellen. Dieser Schritt wird auch weltweit wahrgenommen. Die Stahlindustrie stellt sich bereits global auf den Trend zu immer mehr klimaneutralem Stahl ein. Deutschland kann hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

DWN: Gehen die Kunden der Stahlhersteller, also beispielsweise Autohersteller, diesen Weg mit?

Lechtenböhmer: Die Automobilhersteller sind immer stärker an der Beschaffung von grünem Stahl interessiert, da Stahl (nach dem Antrieb) den größten Anteil am Emissions-Fußabdruck eines Autos hat. Allerdings sind die Automobilhersteller offenbar noch nicht bereit, die notwendigen Mehrkosten vollständig und für alle Modelle zu tragen. Sie engagieren sich aber bereits sehr konkret. Dies geht so weit, dass zum Beispiel Mercedes in Schweden in die wasserstoffbasierte Primärstahlerzeugung investiert hat.

DWN: Kommen wir noch einmal auf den grünen Wasserstoff zurück. Wird die deutsche Stahlindustrie in Zukunft ausreichend grünen Wasserstoff zur Verfügung haben?

Lechtenböhmer: Die Bundesregierung arbeitet sehr aktiv daran, sowohl die heimische Produktion als auch den Import von grünem Wasserstoff sowie die notwendige Infrastruktur zügig auszubauen. Darüber hinaus wird die Stahlindustrie ein wichtiger Absatzmarkt für grünen Wasserstoff sein. Insofern kann beides nur gemeinsam entwickelt werden. Ob der Aufbau einer grünen Wasserstoffwirtschaft am Ende erfolgreich sein wird, ist aus heutiger Sicht schwer zu beurteilen. Aus meiner Sicht sind die Weichen richtiggestellt, aber es bleibt noch viel zu tun. Kritisch wird am Ende weniger die verfügbare Menge als der Preis sein.

DWN: Inwieweit beeinflusst denn die Umstellung auf die Produktion von grünem Stahl die Kosten im Vergleich zu herkömmlichen Methoden?

Lechtenböhmer: Die Produktion von grünem Stahl ist kurzfristig teurer, da die neuen Produktionstechnologien noch nicht am Markt eingeführt sind und oft mit bestehenden, abgeschriebenen Anlagen konkurrieren müssen. Außerdem ist grüner Wasserstoff teurer als Kohle. Allerdings wird ein Teil dieser Differenz durch die CO2-Preise im Emissionshandel ausgeglichen. Längerfristig wird grüner Stahl wettbewerbsfähig werden. Wann dies der Fall sein wird, hängt stark von einer entschlossenen internationalen Politik ab. Immerhin ist die Stahlproduktion für rund 8% der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Es gibt also keinen Bereich, in dem eine solche Politik wirksamer wäre, um den globalen CO2-Ausstoß zu reduzieren.

DWN: Können die deutschen Stahlhersteller gegen die weltweite Konkurrenz preislich mithalten – gerade, wenn die Konkurrenten nicht grün produzieren?

Lechtenböhmer: Wir dürfen die Stahlproduktion in Deutschland nicht isoliert betrachten. Wenn es uns gelingt, unsere Stahl- und stahlverarbeitende Industrie zu einem klimaneutralen und hochinnovativen industriellen Produktionsverbund weiterzuentwickeln, werden wir in vielen Segmenten auch preislich wettbewerbsfähig sein. Außerdem erwarte ich, dass wir in naher Zukunft auch in Deutschland - wahrscheinlich in kleinerem Umfang als heute - klimafreundlichen Stahl wettbewerbsfähig herstellen können.

DWN: Warum zögern die Stahlproduzenten aus Ihrer Sicht bislang noch, ihre Prozesse umzustellen und welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, um diese Prozesse anzustoßen und die Ziele dahinter zu erreichen?

Lechtenböhmer: Nach meiner Wahrnehmung haben die deutschen Stahlhersteller ganz klar begonnen, ihre Prozesse umzustellen. Wichtig dafür waren die jetzt bewilligten Investitionszuschüsse und vermutlich auch die Aussicht auf Zuschüsse aus den jetzt anlaufenden Klimaschutzverträgen. Entscheidend ist nun, dass die Märkte zunehmend bereit sind, die - aus Sicht der Endkunden tragbaren - Mehrkosten zu übernehmen und dass der Ausbau der erneuerbaren Energien und der entsprechenden Infrastruktur beschleunigt und möglichst ohne politisches Störfeuer vorangetrieben wird. Wenn weitere wichtige global Player aktiv eine ähnliche Richtung einschlagen, wird dies den Trend zusätzlich verstärken.

DWN: Angesichts der Umstellungsbemühungen in der Branche: Wie sehen Sie den Weg von Georgsmarienhütte zur Nutzung von 100 Prozent regenerativem Strom und grünem Wasserstoff für eine nahezu klimaneutrale Stahlproduktion?

Lechtenböhmer: Georgsmarienhütte stellt Sekundärstahl her. Das bedeutet, dass Schrott im Elektrolichtbogenofen eingeschmolzen wird. Als Energie wird vor allem Strom eingesetzt, aber auch Erdgas zum Vorwärmen des Schrotts. Schon heute ist Sekundärstahl vor allem aufgrund des Einsatzes von Schrott anstelle von Eisenerz ressourcenschonender, benötigt massiv weniger Energie und stößt weniger Emissionen aus. Würde hier 100 Prozent regenerativer Strom eingesetzt und Erdgas zum Beispiel durch grünen Wasserstoff ersetzt, wäre dieser Stahl weitgehend klimaneutral, und das ohne große Änderungen an den eingesetzten Anlagen.

DWN: Können Sie erläutern, ab welchem Punkt Stahlproduktion als „grün“ eingestuft werden kann?

Lechtenböhmer: Derzeit arbeitet unter anderem die Internationale Energieagentur an einer klaren Definition von grünem Stahl, um entsprechende Märkte zu ermöglichen. Denn diese entstehen erst dann, wenn die Unternehmen auch sicher deklarieren können, dass sie Stahl mit deutlich reduzierten Treibhausgasemissionen einsetzen. Während es kurzfristig sinnvoll sein kann, verschiedene „Grüntöne“ zuzulassen und auch Stahl zu fördern, der beispielsweise 60 Prozent weniger Emissionen aufweist als konventioneller Stahl, muss es langfristig das Ziel sein, dass die Produktion von grünem Stahl nahezu keine direkten und indirekten Treibhausgasemissionen verursacht.

DWN: Herr Lechtenböhmer, vielen Dank für das Gespräch.

***Zur Person: Stefan Lechtenböhmer, Jahrgang 1965, zählt zu den renommiertesten Nachhaltigkeits- und Energiesystemforschern Deutschlands. Seit September 2023 bekleidet er die Professur für Nachhaltiges Technologiedesign im neu gegründeten Nachhaltigkeitszentrum der Universität Kassel. Zuvor war Lechtenböhmer fast drei Jahrzehnte lang am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig, wo er zuletzt die Abteilung 'Zukünftige Industriesysteme' leitete. Darüber hinaus ist er seit 2015 Adjunct Professor für Future Sustainable Energy Systems an der Universität Lund in Schweden und Mitglied der Steuerungsgruppe des G7 Low Carbon Society Research Network.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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