Technologie

Energiewende: Warum der Kupfermangel das eigentliche Problem der Klimaneutralität ist

Die Verfügbarkeit von Metallen wie Kupfer ist für den Übergang zu einer klimaneutralen Weltwirtschaft unverzichtbar. Doch Prognosen zeigen, dass die derzeitigen Kapazitäten nicht ausreichen, um den zukünftigen Bedarf zu decken.
15.05.2024 13:17
Aktualisiert: 15.05.2024 13:17
Lesezeit: 4 min
Energiewende: Warum der Kupfermangel das eigentliche Problem der Klimaneutralität ist
Kupferknappheit gefährdet das Erreichen der Klimaziele. (Foto: dpa) Foto: Guido Kirchner

Nichts geht mehr ohne Kupfer. Weder bei der Mobilitäts- noch bei der Energiewende. Für die Elektromobilität und den Umbau der Stromerzeugung hin zu erneuerbaren Energien ist das rote Metall aufgrund seiner Reinheit und elektrischen Leitfähigkeit – Kupfer die höchste elektrische Leitfähigkeit aller Metalle – unersetzlich.

E-Mobilität und Windkraft als Kupfertreiber

Rund 53 Kilogramm Kupfer sind nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) allein in einem Elektroauto verbaut. Das Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach geht davon aus, dass im Jahr 2023 weltweit neun Millionen Elektrofahrzeuge verkauft wurden. Gegenüber 2022 mit rund sieben Millionen abgesetzten Einheiten ist das ein Plus von 29 Prozent. Mit Blick auf das für 2035 beschlossene Ende des Verbrennungsmotors dürfte die Nachfrage nach Kupfer in der Automobilindustrie in den kommenden Jahren weiter steigen.

Noch größer ist der Kupferbedarf bei der Herstellung von Windkraftanlagen. Rund 30 Tonnen des roten Metalls sind in einem Windrad verbaut. Im Jahr 2023 betrug die kumulierte weltweite Nennleistung von Windkraftanlagen rund 1.021 Gigawatt, was einem Zuwachs von rund 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Legt man zugrunde, dass die durchschnittliche Nennleistung pro Windkraftanlage drei Megawatt (MW) beträgt, waren 2023 weltweit rund 340.500 Windenergieanlagen installiert, die jeweils 30 Tonnen Kupfer enthalten.

Keine solare Zukunft ohne Kupfer

Auch bei der Speicherung und Verteilung von Solarenergie in Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) ist Kupfer unverzichtbar. Es verbindet die Anlagen beispielsweise mit dem Stromnetz und treibt die Motoren an, die die Solarmodule zur Sonne ausrichten. In einer durchschnittlichen 1-MW-Photovoltaikanlage werden zwischen 3 und 5 Tonnen Kupfer benötigt, um 1 Megawatt Solarstrom zu erzeugen.

Das britische Marktforschungsunternehmen Wood Mackenzie geht davon aus, dass die weltweite PV-Kapazität zwischen 2024 und 2032 durchschnittlich 350 Gigawatt (GW) pro Jahr erreichen wird. Ausgehend von einem durchschnittlichen Kupferverbrauch von vier Tonnen pro MW, beläuft sich der geschätzte zusätzliche jährliche Kupferbedarf im PV-Markt bis 2032 auf 1,4 Millionen Tonnen pro Jahr.

Prognostizierter Kupferbedarf bis 2035

Quelle: iShares.com, S&P Global. “The Future of Copper – Will the looming supply gap short-circuit the energy transition, 14. Juli 2022.

Bevorstehender Kupfer-Boom in Schwellenländern

Auch bei der Herstellung von Haushaltsgeräten und Mobiltelefonen steigt der Bedarf an Kupfer. Nach einer Prognose des amerikanischen Finanzdienstleisters S&P Global werden diese Bereiche bis 2035 rund 58 Prozent des gesamten weltweiten Kupferverbrauchs ausmachen. Da die Einkommen in den Schwellenländern weiter steigen und immer mehr Menschen in die Städte und Ballungszentren ziehen, wird Kupfer immer wichtiger, um den Bedarf der wachsenden Mittelschicht an Elektronik und modernen Gebäuden zu decken.

Mehr als 30 Prozent des Kupferverbrauchs aus Recycling

Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 des United States Geological Survey (USGS), einer wissenschaftlichen Behörde der US-Regierung, belaufen sich die weltweiten Kupferreserven auf 720 Millionen Tonnen. Die geschätzten globalen Kupferressourcen, die neben den Reserven auch bereits entdeckte Lagerstätten sowie Prognosen für unentdeckte Lagerstätten umfassen, taxieren die Forscher des USGS gar auf über 5.000 Millionen Tonnen.

Entscheidend für die Verfügbarkeit von Kupfer ist auch das Recycling. Im Gegensatz zu anderen Rohstoffen verbraucht sich Kupfer nicht. Es ist einer der wenigen Rohstoffe, die ohne Leistungsverlust immer wieder recycelt werden können. Das heißt, das Primärkupfer von heute ist das recycelte Kupfer von morgen, das so genannte Sekundärkupfer. Derzeit werden jährlich rund 10 Millionen Tonnen Kupfer aus dem Recycling von Altkupfer gewonnen. Dazu gehört Kupfer, das in gebrauchten Produkten enthalten ist, aber auch Schrott, der bei Produktions- und Herstellungsprozessen anfällt. Derzeit stammen mehr als 30 Prozent des jährlichen weltweiten Kupferverbrauchs aus Sekundärkupfer.

Die Energiewende in der Kupfer-Klemme?

Um die zukünftige Nachfrage nach Kupfer in der PV-Industrie und anderen erneuerbaren Sektoren zu decken, wird daher weiterhin eine Kombination aus Primärkupfer aus Kupferminen sowie recyceltem Sekundärkupfer erforderlich sein. Doch aktuelle Zahlen der Internationalen Energieagentur (IEA) zeigen, dass auch das nicht ausreicht: Die IEA-Experten erwarten, dass der Kupferbedarf von derzeit jährlich 25 Millionen Tonnen auf 53 Millionen Tonnen im Jahr 2050 ansteigen wird.

Zugleich geht die IEA-Prognose davon aus, dass bis dahin weniger Kupfer gefördert und recycelt wird als benötigt. Dass das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage real ist, zeigt der Supply and Demand Forecast von Goldman Sachs, der mittel- bis langfristig einen Engpass bei Kupfer prognostiziert. Ähnliches erwartet die US-Großbank für Seltene Erden.

Prognostiziertes Angebotsdefizit für Kupfer bis 2040

Quelle: iShares.com, BloombergNEF, „Surging copper demand will complicate the clean energy boom”, 01. September 2022.

Glencore will Kupfergeschäft ausbauen

Bereits im Dezember 2022 warnte Gary Nagle, CEO des amerikanisch-schweizerischen Bergbaukonzerns Glencore, einem der weltweit größten Kupferproduzenten, in einem Interview mit Bloomberg, dass die Kupferknappheit das Erreichen der Klimaneutralität bis 2050 gefährde. In den Ausbau der eigenen Produktion wollte Nagle zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht investieren. Das Argument des Glencore-Chefs: "Es gibt ein riesiges Kupferdefizit, doch der Preis spiegelt das noch nicht wider.“ Damals lag Preis für eine Tonne Kupfer bei 8.375 US-Dollar. Im März 2024, notiert er bei fast 8.700 US-Dollar pro Tonne. Das hat den Glencore-Chef offenbar zu Investitionen motiviert. Bei der Präsentation der Jahreszahlen für 2023 Ende März erklärte er, dass von den bis 2026 geplanten Investitionen von jährlich rund 5,7 Milliarden US-Dollar etwa die Hälfte in das Kupfergeschäft fließen soll.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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