Finanzen

Cum-Ex-Steuerskandal: Wieso hinken die Behörden bei den Ermittlungen hinterher?

Die Bürgerbewegung Finanzwende kritisiert, dass die Behörden bei der Aufklärung der Cum-Cum-Deals untätig bleiben. Der Steuerbetrug hätte den Fiskus geschätzt 28 Milliarden Euro gekostet! Es gebe immer noch keinen Überblick über die Akteure und Steuerschäden. Hessen setzt jetzt spezielle Ermittlungsgruppen ein. Doch wieso ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen die frühere Cum-Ex-Chefaufklärerin Brorhilker?
21.05.2025 09:48
Lesezeit: 2 min
Cum-Ex-Steuerskandal: Wieso hinken die Behörden bei den Ermittlungen hinterher?
Die frühere Cum-Ex-Chef-Ermittlerin Anne Brorhilker war bis vergangenes Jahr noch als Oberstaatsanwältin in Köln mit der Aufklärung des Steuerskandals betraut. (Foto: dpa) Foto: Carsten Koall

Staatsanwaltschaft Aachen prüft Ermittlungen gegen frühere Cum-Ex-Chefaufklärerin Brorhilker

Die einstige Cum-Ex-Chefermittlerin Anne Brorhilker ist selbst ins Visier der Behörden gerückt. Nach Informationen von Business Insider/WELT prüft die Staatsanwaltschaft in Aachen die Aufnahme von Ermittlungen gegen sie wegen des Verdachts der Verletzung von Dienstgeheimnissen (Paragraf 353b Strafgesetzbuch). Die Behörde hat ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Köln zur weiteren Prüfung zugeleitet. Hintergrund sind Aussagen des Cum-Ex-Kronzeugen Kai-Uwe Steck vor dem Landgericht Bonn im vergangenen Dezember. Dort läuft aktuell ein Strafprozess gegen ihn wegen besonders schwerer Steuerhinterziehung.

Steck beschuldigte Brorhilker, Interna weitergegeben zu haben

Stecks Aussagen zufolge soll die ehemalige Oberstaatsanwältin Anne Brorhilker am 10. März 2021 Interna der Staatsanwaltschaft Köln bei einem persönlichen Treffen an Alfred Dierlamm weitergegeben haben – zu diesem Zeitpunkt Verteidiger des Cum-Ex-Kronzeugen Steck.

Brorhilker galt über Jahre als Chefermitttlerin im Cum-Ex-Skandal und hatte als Staatsanwältin wesentlich dazu beigetragen, dass der größte Steuerbetrug in der Geschichte der Bundesrepublik in großen Teilen aufgeklärt werden konnte. Vor rund einem Jahr schmiss sie überraschend ihren Job bei der Staatsanwaltschaft Köln hin, wechselte als Geschäftsführerin zum Verein „Finanzwende“. Im Zuge ihres Abgangs hatte sie noch die Arbeit der Justiz in Sachen Wirtschaftskriminalität kritisiert.

Ermittlergruppen fahnden nach Cum-Cum-Aktiendeals

Im Steuerskandal um Cum-Cum-Aktiengeschäfte setzt Hessen auf spezielle Ermittlungsgruppen. „Durch verjährungshemmende Maßnahmen in offenen Verdachtsfällen wird zudem sichergestellt, dass Steueransprüche nicht verloren gehen“, teilte das Finanzministerium in Wiesbaden der DPA mit.

Steuerverwaltung und Staatsanwaltschaft arbeiteten dabei eng zusammen. Zum Stand der Untersuchungen sowie zur Zahl der eingesetzten Steuerfahnder und Betriebsprüfer könne aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft gegeben werden.

Finanzwende Recherche: Kein Überblick über Akteure und Schäden

Finanzwende Recherche, eine gemeinnützige Tochtergesellschaft der Bürgerbewegung Finanzwende, hatte kürzlich kritisiert, die Behörden in Deutschland hinkten bei der Aufklärung der Cum-Cum-Deals hinterher. Diese hätten den Fiskus bundesweit geschätzt mindestens 28 Milliarden Euro gekostet. Es gebe keinen Überblick über die Akteure und Steuerschäden.

Bislang wurden laut Hessens Finanzministerium „bereits über zwei Milliarden Euro Kapitalertragsteuern in (steuerrechtlich) noch nicht bestandskräftigen hessischen Fällen gekürzt. Rund eine Milliarde Euro Anrechnungsbeträge wurde bereits an das Land zurückgezahlt.“

Auch Kölner Ermittler involviert

Der Großteil der hiervon betroffenen Steuerfälle in Hessen betreffe Steuerpflichtige, gegen die derzeit bei der Staatsanwaltschaft Köln steuerstrafrechtliche Ermittlungsverfahren laufen, hieß es weiter. „Dort liegt die Verfahrensherrschaft.“

Die hessische Steuerverwaltung prüfe regelmäßig, ob vor Ablauf der Festsetzung- oder Zahlungsverjährungsfrist in den bislang identifizierten Cum-Cum-Verdachtsfällen Sicherungsmaßnahmen zu ergreifen sind. Dem Ministerium zufolge geht es dabei etwa um die Änderungen von Steuerbescheiden oder Anrechnungsverfügungen und damit die tatsächliche Kürzung von Kapitalertragsteuerbeträgen.

Ministerium: Hessen ist Deutschlands Bankenstandort Nummer eins

Das Land Hessen ist sich nach den Angaben bei der Aufarbeitung der Cum-Cum-Deals „seiner herausragenden Rolle als Deutschlands Bankenstandort Nummer eins wie auch seiner Verantwortung für mehr Steuergerechtigkeit bewusst“.

Cum-Cum-Geschäfte gelten als großer Bruder der Cum-Ex-Deals, mit denen Banken den Fiskus geschätzt um einen zweistelligen Milliardenbetrag prellten. Während es bei Cum-Ex um die Erstattung gar nicht gezahlter Steuern ging, generierten Banken bei Cum-Cum-Deals Steuervorteile für ausländische Inhaber deutscher Aktien.

Wie funktionierten Cum-Cum-Deals?

Ziel war, das deutsche Steuerrecht zu umgehen: Aktien wurden kurz vor dem Dividendenstichtag zeitweise an inländische Banken oder Fonds übertragen, die sich – anders als ausländische Anleger – die fällige Kapitalertragsteuer erstatten lassen konnten. Das Geld teilten die Beteiligten auf.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Verpackungsverordnung macht EU-Versand für kleine Händler zum Verlustgeschäft
23.08.2026

Europa verspricht kleinen Unternehmen einen grenzenlosen Binnenmarkt, doch neue Verpackungsregeln bewirken zunehmend das Gegenteil....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Herbert Wertheim macht aus Geduld Milliarden und aus 35 Millionen Euro einen Ferrari
23.08.2026

35 Millionen Euro für einen elektrischen Ferrari wirken selbst unter Milliardären außergewöhnlich. Für Herbert Wertheim folgt der...

DWN
Technologie
Technologie Roboter rücken in den Supermarkt vor: Beginnt der Wandel am Arbeitsmarkt?
23.08.2026

In Dänemark sollen humanoide Roboter nachts Supermarktregale auffüllen. Gesteuert werden sie zunächst von Menschen mit VR-Headset, doch...

DWN
Technologie
Technologie KI-Sicherheitsrisiken außer Kontrolle? Wenn Maschinen selbstständig angreifen
23.08.2026

KI-Systeme finden selbstständig Sicherheitslücken, führen Cyberangriffe aus und können sogar neue Viren entwerfen. Die technologische...

DWN
Finanzen
Finanzen ETF-Risiken: Die gefährliche Macht der großen Indexfonds
23.08.2026

ETF gelten als günstig, bequem und vergleichsweise sicher. Doch je mehr Kapital automatisch in dieselben Aktien fließt, desto stärker...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft China-Handel: Deutschland wird zum größten Warnsignal für Europa
23.08.2026

Chinas Exportoffensive trifft Europas Industrie immer härter, besonders Deutschland gerät unter Druck. Brüssel sucht nach...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Echt oder Kopie? Billige Labordiamanten erobern den Markt
22.08.2026

Labordiamanten kosten nur einen Bruchteil natürlicher Steine und erobern den wichtigsten Diamantenmarkt der Welt. Für Juweliere,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutsche Bahn: Vandalismusschäden in Höhe von 34 Millionen Euro
22.08.2026

Graffitis an Bahnhofswänden, Kabeldiebstahl, zerkratzte Scheiben in Zügen - die Deutsche Bahn ist ständig mit Vandalismus konfrontiert....