Unternehmen

Uni-Start-ups: Warum Deutschland im Vergleich hinterherhinkt

Eine neue Untersuchung zeigt: Aus deutschen Hochschulen entstehen im europäischen Vergleich relativ wenig erfolgreiche Start-ups. Woran liegt das – und was könnte sich ändern?
28.05.2026 07:13
Lesezeit: 3 min
Uni-Start-ups: Warum Deutschland im Vergleich hinterherhinkt
Deutschland hinkt bei der Gründung erfolgreicher Uni-Start-ups hinterher und landet im europäischen Vergleich im unteren Mittelfeld. (Foto: iStock/Credit:gorodenkoff) Foto: gorodenkoff

Uni-Start-ups: Warum Deutschland im Vergleich hinterherhinkt

Über Unternehmensgründungen könnten Universitäten und Forschungseinrichtungen einer aktuellen Untersuchung zufolge deutlich mehr Arbeitsplätze schaffen als bislang. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der Denkfabrik AlpMomentum, des Wagniskapitalgebers Redstone, der Technischen Universität München und der Universität Trier, die der DPA vorliegt.

Große Unterschiede zwischen Einrichtungen

Die Autoren haben ermittelt, wie viele erfolgreiche Gründungen in einem Verlauf von zehn bis zwölf Monaten im vergangenen Jahr auf 1.000 europäische Universitäten und 50 öffentliche Forschungseinrichtungen entfallen. Dabei stellen sie große Unterschiede fest. Pro 100 Millionen Euro Budget variiert die Zahl gegründeter Start-ups demnach zwischen 1 und 80.

Besonders gut schneiden, nicht ganz überraschend, Business Schools ab, die viele angehende Unternehmer für die Ausbildung wählen dürften. Danach gilt: "Je größer die Einrichtungen werden, desto ineffizienter wird es", wie Redstone-Gründer Michael Brehm erklärt. Relativ schlecht schneiden öffentliche Forschungseinrichtungen ab.

Deutschland im unteren Mittelfeld

Deutschland landet bei dieser Wertung unter 36 untersuchten Ländern und Regionen (Großbritannien wird in Landesteile wie Wales und England aufgeteilt) im unteren Mittelfeld. In der Bundesrepublik entfallen auf 100 Millionen Euro Budget 9,7 Gründungen. Ganz oben liegt Andorra (52,2 Gründungen) mit allerdings nur einer einzigen Einrichtung vor den baltischen Staaten und Frankreich. Aus Deutschland wurden 143 Hochschulen und 9 Forschungseinrichtungen ausgewertet.

"An Frühphasenkapital kommt man in Deutschland über staatliche Stipendien schon ganz gut", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Jörn Block von der Universität Trier, der an der Untersuchung beteiligt war. "Schwieriger wird es, wenn man wachsen will." Das sei für die Fragestellung der Untersuchung zwar zunächst nachrangig, könne aber doch eine Rolle spielen. "Wenn ich weiß, dass ich hier nicht wachsen kann, verzichte ich vielleicht auf die Gründung oder gehe gleich woanders hin. Gerade im Bereich Biotech wandern viele in die USA ab."

Im relativ erfolgreichen England dürfe man leichter an Wagniskapital kommen, meint Block. Und: "Anders als in Deutschland gibt es in Großbritannien weniger ganz große Forschungsverbünde wie die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft oder die Max-Planck-Gesellschaft. Technologische Forschung ist dort stärker in die Ökosysteme der Unis integriert, und damit ist auch der Weg zu Studenten als möglichen Gründern kürzer." Gute Beispiele seien die Universitäten in Oxford und Cambridge.

Autoren sehen wirtschaftliches Potenzial durch mehr Gründungen

Mehr Gründungen hätten dem Redstone University Startup Index zufolge große wirtschaftliche Vorteile. Wie groß, das beziffern die Autoren anhand einer Hochrechnung, bei der sie annehmen, dass alle Universitäten und Forschungseinrichtungen so gut abschneiden würden wie die obersten 10 Prozent, die sich ihrerseits noch leicht verbessern. Das sagt allerdings nichts aus über die tatsächlichen Voraussetzungen der untersuchten Forschungseinrichtungen und unterschiedliche Forschungs- und Lehrschwerpunkte.

Innerhalb der nächsten zehn Jahre könnten so mehr als 445.000 zusätzliche Start-ups entstehen, mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze, mehr als 5 Billionen Euro extra Wirtschaftsleistung und mehr als 9 Billionen Euro zusätzlicher Unternehmenswert sowie mehr als 1,5 Billionen Euro Steuereinnahmen.

Was untersucht wurde

Für ihre Untersuchung haben die Autoren Profile auf dem berufsorientierten Netzwerk LinkedIn ausgewertet sowie Informationen der Website Dealroom, einer Datenbank zu Gründungen und Innovation. Dabei unterscheiden sie zwischen einerseits Gründungen aus Universitäten und öffentlichen Forschungsinstituten heraus, inklusive Gründungen von aktuellen und früheren Forschern und Lehrkräften, und andererseits Gründungen von aktuellen und ehemaligen Studenten.

Der Löwenanteil der knapp 50.000 untersuchten Firmengründungen entfällt dabei auf den zweiten Bereich, nur knapp 2.000 entfallen auf den ersten. Davon entwickle sich knapp die Hälfte, nämlich rund 23.000, zu wirtschaftlich tragfähigen Start-ups, so die Schätzung.

Gibt es Erfolgsrezepte?

Auf die Frage, was Gründungen wahrscheinlicher macht, verweist Forscher Block auf die TU München, die unter den großen Universitäten einen der vorderen Ränge belegt. "Da gibt es Geld, Kontakt zu Vorbildern und Ausbildungsstrukturen, außerdem hat die Uni damit geworben." Häufig habe die Uni-Welt wenig mit der Wirtschaft zu tun. "Das könnte man ändern. Bei uns an der Uni Trier kann man zum Beispiel in jedem Studiengang das Fach Gründung belegen."

Investor Brehm glaubt, es gehe weniger um Geld als einen Mentalitätswandel. "Wir brauchen im Studium und an den Universitäten mehr unternehmerisches Denken", argumentiert er. Das werde immer wichtiger, auch wenn man gar keine Firma gründen wolle. "Auch Studiengänge wie Philosophie werden aus Gründungssicht auf einmal hochrelevant, wenn es um Fragen des Zusammenspiels von Mensch und Maschine geht", sagt Brehm voraus.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Trumps Vereinbarung mit Putin dreht sich um weit mehr als Diesel
14.10.2026

Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Wladimir Putin wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: US-Gesetze begrenzen russische...

DWN
Technologie
Technologie Starlink in der Ukraine: Streit um neue Geschwindigkeitsgrenze
14.10.2026

In der Ukraine wächst der Ärger über eine offenbar neue Einschränkung beim Satelliteninternet Starlink. Nach Angaben aus dem Umfeld von...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer beschlossen: Kabinett bringt Extra-Steuer auf den Weg
14.10.2026

Zwischendurch hatte das Kanzleramt sie gestoppt, das Finanzministerium musste nacharbeiten - jetzt ist die Zuckersteuer in der...

DWN
Politik
Politik Grüngasquote für private Haushalte ab 2028 sorgt für Kritik
14.10.2026

Die schwarz-rote Koalition hatte sich bei der Einigung auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz - als Nachfolger des...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose: Warum die nächsten Tage alles verändern könnten
14.10.2026

Bitcoin steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Nach massiven Kapitalabflüssen aus Bitcoin-ETFs und einem Kursrutsch auf nahezu...

DWN
Finanzen
Finanzen Sollte ich US-Banken kaufen? Warum ich Citigroup und Wells Fargo genauer prüfe
14.10.2026

Nach der starken Rally ist bei US-Bankaktien Ernüchterung eingekehrt. Gleichzeitig steigen die Gewinne vieler Institute weiter. Für mich...

DWN
Technologie
Technologie Kühlschränke im Auftaumodus: Cyberangriff stört Kühlanlagen französischer Handelsketten
14.10.2026

Eine Cyberattacke störte die Funktion von Kühlschränken mehrerer französischer Handelsketten. Lebensmittel müssen weggeworfen werden -...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung liegt auf Eis: Schwerdtner bedauert Gesprächspause in Berlin
14.10.2026

Die Gespräche über eine rot-grün-rote Regierung in Berlin liegen auf Eis. Linken-Chefin Ines Schwerdtner hält die Erklärung ihrer...