Politik

Richterstreit: Kommt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe der Politik erneut zu Hilfe?

Der aktuelle Richterstreit blockiert wichtige Personalentscheidungen am Bundesverfassungsgericht. Drei Wochen nach der gescheiterten Wahl stehen sich Union und SPD unversöhnlich gegenüber. Doch Karlsruhe könnte bald wieder zum Taktgeber werden. Wird das Gericht erneut zum Schlichter im politischen Machtpoker?
03.08.2025 14:11
Lesezeit: 2 min
Richterstreit: Kommt das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe der Politik erneut zu Hilfe?
Frauke Brosius-Gersdorf, Juristin: Darf sie noch Verfassungsrichterin werden? (Foto: dpa) Foto: Britta Pedersen

Richterstreit: Kommt Karlsruhe der Politik zu Hilfe?

Schon einmal hat das Bundesverfassungsgericht der Politik bei der Richterbesetzung den Weg gewiesen. Könnte Karlsruhe im aktuellen Richterstreit wieder eine richtungsweisende Rolle spielen?

Drei Wochen nach dem Scheitern der Richterwahl im Bundestag ist der politische Richterstreit um drei Positionen am Bundesverfassungsgericht festgefahren. Ein Ausweg zwischen Union und SPD ist nicht erkennbar. Sollte sich daran auch zum Ende der Sommerpause nichts ändern, wird das Bundesverfassungsgericht möglicherweise selbst aktiv. Ende August soll der Wahlausschuss des Bundestags das Gericht auffordern, einen Vorschlag für die Stelle einzureichen, für die die in der Union umstrittene Staatsrechtlerin Frauke Brosius-Gersdorf nominiert ist.

Das ergibt sich aus Paragraf 7a des Bundesverfassungsgerichtsgesetzes. Brosius-Gersdorf wurde von der SPD als Nachfolgerin von Verfassungsrichterin Doris König vorgeschlagen, deren Amtszeit Ende Juni endete. Falls der Bundestag zwei Monate später noch keine Entscheidung getroffen hat, ist das älteste Mitglied des Wahlausschusses gesetzlich verpflichtet, das Verfassungsgericht "unverzüglich" um einen Vorschlag zu bitten.

Korbach kündigt fristgerechtes Handeln an

In dem zwölfköpfigen Ausschuss fällt diese Aufgabe dem 67-jährigen CDU-Abgeordneten Stefan Korbach zu, der sich darauf bereits vorbereitet hat. "Dieser Verpflichtung werde ich fristgerecht nachkommen", erklärte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Dass der Bundestag noch vorab zu einer Lösung kommt, gilt als unwahrscheinlich. Die nächste reguläre Sitzung ist erst für den 10. September anberaumt. Eine außerplanmäßige Sitzung zur Richterwahl wurde von den Koalitionsfraktionen abgelehnt.

Richterstreit: Karlsruhe bot im Mai schon eine Lösung

Bereits im Mai hatte das Bundesverfassungsgericht der Politik bei einem anderen Richterstreit geholfen. Für die Nachfolge von Verfassungsrichter Josef Christ wollte die Union eigentlich Robert Seegmüller, den Vizepräsidenten des Berliner Verfassungsgerichts, vorschlagen. Doch die Grünen verweigerten ihre Zustimmung – für die notwendige Zweidrittelmehrheit waren sie jedoch erforderlich.

Es folgte eine Hängepartie. Nach Ablauf der zweimonatigen Frist bat der Wahlausschuss kurz vor der Bundestagswahl das Bundesverfassungsgericht um eigene Vorschläge zur Nachfolge von Christ. Drei Monate später, nach Konstituierung des neuen Bundestags und Bildung der Regierung, legten die Richter drei Namen vor. Einstimmig setzte sich Günter Spinner, Bundesarbeitsrichter, an die Spitze der Liste. Die Union übernahm den Vorschlag und nominierte Spinner offiziell im Wahlausschuss. Er gehört gemeinsam mit den SPD-Kandidatinnen Brosius-Gersdorf und der Staatsrechtlerin Ann-Katrin Kaufhold zu den drei Personen, die ursprünglich am 11. Juli im Bundestag gewählt werden sollten.

Bundesverfassungsgericht macht unverbindliche Vorschläge

Die Vorschläge des Bundesverfassungsgerichts sind jedoch rechtlich nicht bindend. Sie dienen lediglich als Ideensammlung. Die Entscheidung verbleibt beim Bundestag. "Das Recht des Wahlorgans, einen nicht vom Bundesverfassungsgericht Vorgeschlagenen zu wählen, bleibt unberührt", heißt es im Gesetz. Beide Seiten wollen bislang ohne Unterstützung von außen eine Einigung finden. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann erklärte in einem Interview mit der dpa auf die Frage, ob Karlsruhe im Richterstreit eine Rolle spielen könne: "Von der Priorität her muss man sagen, Ziel sollte es sein, dass wir das zunächst einmal im Bundestag bewerkstelligen können."

Im gleichen Atemzug schlug Hoffmann ein völlig neues Richterpaket vor. Dieser Vorstoß wurde jedoch sowohl von der SPD als auch von den Grünen umgehend zurückgewiesen. Seitdem gibt es keinen neuen Lösungsansatz mehr. Die SPD hält an Brosius-Gersdorf fest, während die Unionsführung angesichts des Widerstands vieler Abgeordneter ihre Wahl nicht zusichern kann.

Nächste Eskalationsstufe: Der Bundesrat könnte entscheiden

Wie lange das Bundesverfassungsgericht für die Erstellung möglicher Vorschläge brauchen würde, ist unklar. Ein Sprecher des Gerichts wollte sich nicht äußern: "Von Ausführungen zu hypothetischen Vorgängen wird abgesehen", hieß es auf Anfrage.

Ein Vorschlag aus Karlsruhe löst jedoch eine weitere Frist aus: Verstreicht auch dann erneut eine dreimonatige Frist ohne Entscheidung des Bundestags, kann der Bundesrat in das Verfahren eingreifen. Die Koalitionspartner versuchen bislang, dieses Szenario zu vermeiden. Doch auch in der Länderkammer ist eine Zweidrittelmehrheit erforderlich – eine einfache Lösung ist auch dort nicht garantiert.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen VW kündigt Tarifvertrag: Was jetzt auf 100.000 Beschäftigte zukommt – und auf die VW-Aktie
30.09.2026

Volkswagen verschärft seinen Sparkurs und kündigt einen Großteil seiner Haustarifverträge. Nach Angaben der IG Metall sind zehn...

DWN
Politik
Politik Innere Sicherheit: Innenministerkonferenz beschließt nicht mehr einstimmig
30.09.2026

Die Innenministerkonferenz verabschiedet sich vom Einstimmigkeitsprinzip, um zukünftig "Blockaden" zu verhindern. Künftig reichen 13...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Unternehmen, die in China tätig sind, stehen vor einer schwierigen Wahl
30.09.2026

Europäische Unternehmen mit Geschäften in China stehen vor einem Dilemma: gegen EU-Recht verstoßen oder gegen chinesisches Recht. Die...

DWN
Politik
Politik Vestager und Nobelpreisträger schlagen KI-Alarm: Kritisches Zeitfenster schließt sich Monat für Monat
30.09.2026

Europa läuft Gefahr, bei künstlicher Intelligenz dauerhaft von den USA und China abhängig zu werden. Margrethe Vestager, zwei...

DWN
Politik
Politik Teilzeitrepublik: Teilzeit boomt, Vollzeit schrumpft: Arbeiten die Deutschen zu wenig?
30.09.2026

Der Staat klagt über Personalmangel – hat aber selbst die höchste Teilzeitquote unter den Beschäftigten. Eine Studie schlägt nun die...

DWN
Politik
Politik Ende des Brexit? Britischer Premier schließt Wiedereintritt in EU nicht aus
30.09.2026

Der Brexit bleibt auch Jahre nach dem Austritt ein Dauerthema im Vereinigten Königreich. Mit seiner Haltung dazu sorgt der britische...

DWN
Politik
Politik Erster AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt? Siegmund stellt sich zur Wahl
30.09.2026

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will sich nach seinem Sieg bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im Dezember als Ministerpräsident...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aus für Bohai-Automotive: Werksschließung in Harzgerode
30.09.2026

Der Autozulieferer Bohai Automotive schließt sein Werk im Harz endgültig. Rund 550 Arbeitsplätze verschwinden an dem traditionsreichen...