Politik

IW-Analyse deckt auf: Regierung stopft Haushaltslöcher mit Sondervermögen

Mit dem Sondervermögen Infrastruktur wollte die schwarz-rote Koalition eigentlich den Investitionsstau im Land auflösen. Doch eine Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu einem anderen Ergebnis: Tatsächlich nutzt die Bundesregierung die Mittel auch, um Löcher im Haushalt zu stopfen. Dafür verschieben Merz und Klingbeil Milliarden, um nicht an andere Stelle zu sparen.
17.09.2025 06:08
Aktualisiert: 17.09.2025 11:03
Lesezeit: 3 min

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat erneut ein Versprechen gebrochen: Die 500 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaschutz (SVIK) sollten eigentlich „on top“ zum regulären Bundeshaushalt fließen und keine bestehenden Investitionen ersetzen. Doch genau das wird im Haushalt 2026 offenbar nicht berücksichtigt, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) Köln in seiner neuen Analyse zeigt. Zwar sind mit den Sonderschulden Ausgaben für Schienen, Brücken, Breitband und Krankenhäuser vorgesehen – gleichzeitig kürzt der Bund dort Gelder, mahnen die Autoren.

Bundeshaushalt 2026: Wie Schwarz-Rot mit dem Sondervermögen Haushaltslöcher stopft

Die Bundesregierung nutzt einer Studie zufolge einen Teil der Mittel aus dem Sondervermögen für Infrastruktur zum Stopfen von Haushaltslöchern. Allein bei der Verkehrsinfrastruktur verschaffe sich Schwarz-Rot so einen Haushaltsspielraum von zehn Milliarden Euro, heißt es in der am Samstag veröffentlichten Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW).

Dieses Geld müsse die Koalition nicht an anderer Stelle einsparen. Das volle Ausmaß dieser Praxis bleibe dabei im Dunklen, weil die Verschiebung der Ausgaben zwischen Kernhaushalt, Sondervermögen und Klima- und Transformationsfonds (KTF) schwer nachvollziehbar sei.

„Die Bundesregierung verspielt mit diesem Vorgehen viel Glaubwürdigkeit“, sagte IW-Haushaltsexperte Tobias Hentze. „Statt neuer Brücken finanziert Deutschland mit dem Sondervermögen jetzt auch die Mütterrente. Das ist ein schweres Foulspiel.“

Kritik: Verschiebebahnhof zwischen Kernhaushalt und Sondervermögen

Als Beispiel führt das IW die Deutsche Bahn auf, für die aus dem Sondervermögen 18,8 Milliarden Euro eingeplant seien. Gleichzeitig würden die Schieneninvestitionen im Bundeshaushalt um 13,7 Milliarden Euro sinken. „Rechnet man die Eigenkapitalerhöhung der Deutschen Bahn raus, hat sich die Regierung 8,2 Milliarden Spielraum im Haushalt verschafft“, so das Institut.

Bei der Sanierung der Autobahnbrücken wiederum sollen demnach 2026 rund 2,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen fließen. Gleichzeitig aber würden die Investitionen für Bundesfernstraßen im Kernhaushalt um 1,7 Milliarden Euro im Vergleich zu 2024 gekürzt.

Zuvor hat bereits das Ifo-Institut der Regierung vorgeworfen, Infrastrukturinvestitionen aus dem Kernhaushalt in das schuldenfinanzierte Sondervermögen zu verlagern. „Ursprünglich war vorgesehen, dass Ausgaben aus dem schuldenfinanzierten Sondervermögen zusätzlich zu den Investitionen im regulären Bundeshaushalt geplant werden“, sagte Ifo-Forscherin Emilie Höslinger. „Das passiert aber nicht.“

Tatsächlich verlagere die Bundesregierung Infrastruktur- und Digitalisierungsprojekte ins schuldenfinanzierte Sondervermögen und erhöhe stattdessen die Sozialausgaben im Kernhaushalt.

Ost-Bankenverband warnt vor falschem Signal für den Strukturwandel

Nach Ansicht des Ostdeutschen Bankenverbandes (OstBV) sei das Sondervermögen dafür gedacht gewesen, den riesigen Investitionsrückstand in Deutschland aufzuholen, sagt der OstBV-Geschäftsführer Achim Oelgarth der Berliner Zeitung. „Also Gas zu geben und keinen Verschiebebahnhof zwischen Kernhaushalt und Sondervermögen aufzubauen.“ Der Osten stehe in Sachen Infrastruktur und Klimaneutralität durch drei Jahrzehnte Aufbau Ost und die Versorgung mit erneuerbarer Energie gut da. „Wo aber auch hier Geld hinfließen muss, ist der Strukturwandel, gerade beim Kohleausstieg in Mitteldeutschland und Brandenburg.“ Schon das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität an sich sei eine „Rolle rückwärts“ der Union gewesen. Die Kritik, mit den zusätzlichen Schulden Haushaltslöcher zu schließen, habe von Anfang an im Raum gestanden. „Jetzt geht die Bundesregierung still und leise diesen Weg. Psychologisch das falsche Signal an die Wähler.“

Fazit: Bisher wachsen nur die Schulden, nicht die Wirtschaft

Die Wirtschaft stagniert, der Arbeitsmarkt kollabiert, doch die Bundesregierung gibt weiter unermüdlich geliehenes Geld aus. Die schuldenfinanzierten Staatsausgaben sollen das Wachstum anschieben, von konkreten Sparvorschlägen ist die Bundesregierung bisher weit entfernt: CDU, CSU und SPD bauen hingegen auf die Annahme, dass ein starkes Wirtschaftswachstum die Einnahmeseite von allein stabilisiert. Doch um das Haushaltsloch von 34,3 Milliarden Euro im Bundeshaushalt für 2027 zu schließen, müsste die deutsche Wirtschaft in den nächsten zwei Jahren insgesamt um mindestens 7 bis 9 Prozent wachsen. Diese enormen und eher unrealistischen Wachstumsraten wären notwendig, um die Löcher im Staatshaushalt mit neuen sprudelnden Steuereinnahmen zu deckeln. Und die nächsten Haushaltslöcher stehen schon in den Startlöchern: Im Frühjahr müssen die Eckdaten für den Haushalt 2027 stehen. Ohne Kurswechsel und massiven Sparmaßnahmen droht der deutschen Finanzpolitik der Absturz – da hilft auch kein „Verschiebebahnhof“ zwischen Kernhaushalt und Sondervermögen. Denn eins ist sicher: Irgendwann muss das Geld zurückgezahlt werden – und die Frage wird sein, wer am Ende die bitteren Konsequenzen trägt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

DWN
Politik
Politik Wirtschaft Russlands in der Krise: Haushaltsdefizit wächst - auch der Druck auf Putin?
21.04.2026

Hohe Energiepreise und gelockerte Sanktionen verschaffen der russischen Wirtschaft kurzfristig Luft. Doch gleichzeitig mehren sich Hinweise...

DWN
Finanzen
Finanzen Apple-Aktie reagiert auf Führungswechsel: Apple-Chef Cook geht - Hardware-Chef Ternus übernimmt
21.04.2026

Bei Apple steht ein historischer Führungswechsel bevor, der auch die Apple-Aktie bewegt: Nach 15 Jahren übergibt Apple-Chef Tim Cook das...

DWN
Finanzen
Finanzen MSCI World ETF-Vergleich: Die besten ETF Fonds auf den MSCI World-Index im Test
21.04.2026

Mit einem MSCI World-ETF investieren Anleger in die weltweit wichtigsten Unternehmen der Industriestaaten. Wer vor 10 Jahren MSCI...

DWN
Unternehmen
Unternehmen QVC-Insolvenz: Teleshopping-Sender steht vor dem Aus - was das für Kunden heißt
21.04.2026

Die QVC-Insolvenz erschüttert die Teleshopping-Branche und stellt ein jahrzehntelang erfolgreiches Geschäftsmodell infrage. Während der...

DWN
Politik
Politik Heliumknappheit: Chipindustrie vor strukturellen Herausforderungen
21.04.2026

Ein oft übersehener Rohstoff rückt in den Mittelpunkt der globalen Wirtschaft, während geopolitische Spannungen zentrale Lieferketten...

DWN
Finanzen
Finanzen Vor dem SpaceX-IPO: Wie Anleger in SpaceX-Aktien investieren können
21.04.2026

Das SpaceX-IPO rückt näher und lenkt den Blick auf die Frage, wie Anleger schon vor dem Börsengang Zugang zu einem der begehrtesten...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Warum Investoren den Krieg ausblenden und auf Wachstum setzen
21.04.2026

Trotz geopolitischer Spannungen zeigen sich die US-Börsen überraschend robust. Anleger richten ihren Blick zunehmend auf...

DWN
Politik
Politik Merz: Treibstoffversorgung in Deutschland trotz Krise stabil
21.04.2026

Deutschland sieht sich bei der Treibstoffversorgung gut aufgestellt, selbst in Krisenzeiten. Dennoch steigen die Ölpreise wieder deutlich,...