Wirtschaft

Biotech-Unternehmen wandern aus: Europa verliert 13 Mrd. Euro an die USA

Europas Biotech-Branche steht an einem Wendepunkt, weil zentrale Finanzierungsquellen immer seltener im eigenen Markt zu finden sind. Welche Folgen hat es, wenn innovative Biotech-Unternehmen ihre Wachstumsschritte zunehmend außerhalb Europas vollziehen müssen?
25.11.2025 16:00
Lesezeit: 3 min
Biotech-Unternehmen wandern aus: Europa verliert 13 Mrd. Euro an die USA
Europas Biotech-Unternehmen geraten im globalen Wettbewerb wegen fehlenden Risikokapitals zunehmend unter Druck (Foto: dpa) Foto: Stefan Albrecht/Biontech

Europas Biotech-Unternehmen verlieren fast 13,4 Milliarden Euro

Wenn europäische Pensionskassen ähnlich risikoorientiert investieren würden wie in den USA, könnten Biotech-Unternehmen zusätzliche Mittel in Höhe von rund 13,4 Milliarden Euro erhalten. Die geringe Risikobereitschaft der Fonds schränkt jedoch den Kapitalzugang erheblich ein, was viele Unternehmen zwingt, sich frühzeitig Richtung USA zu orientieren.

Eine Studie von Amsterdam Data Collective, finanziert durch die Novo Nordisk Stiftung, zeigt, wie stark Europa im globalen Wettbewerb zurückfällt. Während amerikanische Pensionsfonds 1,9 Prozent ihres Vermögens in Risikokapital investieren, liegt der Anteil der EU bei lediglich 0,018 Prozent. Für die Forscher ist das eine strukturelle Schwäche für die europäische Innovationskraft und für junge Biotech-Unternehmen.

Europa benötigt laut Analyse einen deutlich besseren Zugang zu Kapital, insbesondere in der Wachstumsphase. Bis zu 15 Milliarden Euro könnten freigesetzt werden, wenn Pensionsfonds ihre Investitionslogik anpassen würden. Besonders kritisch wird es, sobald Firmen die frühen Entwicklungsstufen verlassen und Kapital für Marktzulassungen oder Börsengänge benötigen.

Wachstumsfinanzierung bleibt Europas größtes Hindernis

Für Morten Engsbye von Dansk Biotek ist der Engpass bei Wachstumsfinanzierung das dominierende Problem. Europa verfüge zwar über eine starke Life Science Exportbasis, verliere jedoch gleichzeitig viele Biotech-Unternehmen an die USA. In dänischen Vorständen sei die Frage eines möglichen Umzugs nach Boston ein wiederkehrendes Thema.

Regulatorische Hürden verstärken den Trend. Genehmigungen dauern in Europa länger und der Wissenstransfer aus den Hochschulen funktioniert nur eingeschränkt. Trotz hoher Forschungsqualität bleibt Europa bei Patenten und Neugründungen deutlich hinter den USA. Das hemmt den Aufbau wettbewerbsfähiger Biotech-Unternehmen und verringert die Attraktivität für Investoren.

Die Branche fordert deshalb eine Risikobewertung nach US-Vorbild, um fairere Finanzierungsbedingungen zu schaffen. Der neue EU Biotech Act soll Impulse setzen und den Kapitalzugang erleichtern. Er soll ein Signal aussenden, dass Europa die Rahmenbedingungen für forschungsintensive Branchen stärken möchte.

Politische Impulse sollen Risikokapital anziehen

Eir Ventures erwartet durch den politischen Fokus eine höhere Risikobereitschaft in europäischen Pensionskassen. Gründungspartner Stephan Christgau betont, dass langfristige Standortinteressen stärker berücksichtigt werden müssten. Eine gut finanzierte Biotech-Landschaft sichere Arbeitsplätze und verringere die Abhängigkeit von US-Kapitalmärkten.

Nach Berechnungen könnten mehr als 15 Milliarden Euro mobilisiert werden, wenn Europa das US-Investitionsniveau erreichen würde. Damit ließen sich über 400 neue Biotech-Unternehmen aufbauen und bestehende Firmen im europäischen Markt halten. Trotz hoher Auflagen bleibt Nasdaq attraktiv, da sie jungen Firmen relativ schnell Kapital verschafft.

Für Ventureinvestor Søren Lemonius ist dies ein alarmierendes Signal. Obwohl eine Notierung in den USA teuer und bürokratisch ist, bleibt sie die bevorzugte Option. Das zeige, wie ernst die Lage des europäischen Kapitalmarkts sei und wie dringend zusätzliche Wachstumsfinanzierung benötigt werde.

Kapital wandert weiter in den US-Markt

Die dänische Pensionskasse PKA investiert rund 603 Millionen Euro in Life Science Venture. Nur ein Zehntel davon fließt jedoch in europäische Biotech-Projekte, während die größten Chancen weiterhin in den USA gesehen werden. Diese Dynamik verstärkt den Kapitalabfluss aus Europa.

PKA hat über Jahre Partnerschaften zu Investoren wie Novo Holdings aufgebaut, was höhere Risikoquoten ermöglicht. Andere Fonds agieren vorsichtiger. Industriens Pension hat seine Investitionen nach hohen Renditen im Jahr 2021 reduziert, da das Biotech-Segment seitdem stark unter Druck steht. Viele Unternehmen kämpfen trotz guter Produkte um frisches Kapital.

Hohe Kosten, intensiver Prüfaufwand, strenge aufsichtsrechtliche Vorgaben und der Wettbewerb um monatlich stabile Ergebnisse machen neue Ventureinvestitionen zunehmend schwierig. Die Initiative Dansk Vækstkapital, die kleinere Unternehmen unterstützte, wurde inzwischen an die Danske Bank übergeben, was das verfügbare nationale Risikokapital neu strukturiert.

Bedeutung für Deutschland im Wettbewerb um Zukunftsbranchen

Die Analyse zeigt, wie groß das Risiko ist, dass Europa im globalen Biotech-Wettbewerb weiter zurückfällt. Auch Deutschland steht vor ähnlichen Herausforderungen, da institutionelle Anleger meist konservativ investieren und dadurch die Entwicklung junger Hightechbranchen bremsen.

Damit Biotech-Unternehmen künftig stabile Beiträge zu Medizin, Industrie und Versorgungssicherheit leisten können, braucht Deutschland eine stärkere Wachstumsfinanzierung. Mehr Risikobereitschaft könnte helfen, den Rückstand zu den USA zu reduzieren und die Innovationsbasis im eigenen Land zu stärken.

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