Politik

„Deutschland muss mehr arbeiten“: Union fordert Reformen für Mehrarbeit für Menschen, die arbeiten

Selten war die wirtschaftliche Lage in Deutschland derart düster, daran Schuld soll die fehlende Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer sein. Die Union fordert jetzt Reformen, wie eine längere Lebensarbeitszeit, die Lockerung des Kündigungsschutzes, kein Recht auf Teilzeitarbeit. Warum Verstaatlichungen, Bürgergeld, Energiepreise und Bürokratie, das Wachstum stärker bremsen als fehlende Arbeitsstunden.
24.01.2026 15:03
Lesezeit: 4 min

CDU-Wirtschaftsflügel will Recht auf Teilzeit kippen

Bisher hat jeder Arbeitnehmer in Deutschland grundsätzlich das Recht auf Teilzeitarbeit, einem Medienbericht zufolge will der Wirtschaftsflügel der CDU diesen Rechtsanspruch kippen. Wie das Magazin »Stern« am Sonntag berichtete , soll auf dem Bundesparteitag der Christdemokraten Ende Februar ein entsprechender Antrag beschlossen werden.

Dem Antrag, hat die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) den Titel "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" gegeben. Darin fordert sie, dass für den Rechtsanspruch, freiwillig in Teilzeit zu arbeiten, eine "besondere Begründung" vorliegen muss.

Besondere Gründe könnten etwa die Erziehung von Kindern, die Pflege Angehöriger oder Weiterbildungen sein. Freiwillige Teilzeitarbeit ohne Betreuungspflichten hingegen soll nicht mehr möglich sein.

"Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten", sagte die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann. Es gäbe einen dramatischen Fachkräftemangel. Deshalb dürfe "freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung" nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden.

Bisher haben Arbeitnehmer in Deutschland grundsätzlich das Recht, freiwillig in Teilzeit zu arbeiten. Dafür muss das Arbeitsverhältnis lediglich mehr als sechs Monate bestehen, und der Arbeitgeber muss mehr als 15 Mitarbeiter beschäftigen. Soweit betriebliche Gründe dem Wunsch nach Teilzeitarbeit nicht ausdrücklich entgegenstehen, muss ein Unternehmen zustimmen. "Die Solidargemeinschaft darf nicht die Work-Life-Balance von Aufstockern finanzieren", heißt es in dem Antrag weiter.

Reiche fordert Reformen: „Wir müssen in Deutschland mehr arbeiten“

Angesichts der schwachen Konjunktur dringt die Union auf mehr Schritte zur Wirtschaftsförderung. Im Gespräch mit dem Nachrichtenportal t-online warb auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche für umfangreiche Reformen. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland sei „sehr ernst“, so Reiche. „Zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland können wir das Wohlstands- und Aufstiegsversprechen nicht mehr halten.“

Um wieder mehr Wachstum zu erreichen, müsse in Deutschland insgesamt mehr gearbeitet und der Kündigungsschutz gelockert werden. „Wir brauchen einen flexibleren Kündigungsschutz, der die Schwachen schützt, es den Unternehmen aber vor allem im Hochlohnbereich ermöglicht, schneller Personal abzubauen, wenn sie müssen. Das hilft Unternehmen, sich zügiger an neue Marktsituationen anzupassen und zu restrukturieren“, so die CDU-Politikerin.

Frühverrentung reduzieren

Als Stellschrauben für mehr Arbeitszeit schlug Reiche ein höheres Renteneintrittsalter vor. Ferner möchte die Wirtschaftsministerin die Frühverrentung reduzieren: „Es kann nicht sein, dass Unternehmen, die einerseits beklagen, keinen Nachwuchs zu haben, im gleichen Zuge gut qualifizierte Arbeitnehmer ab 61 in Altersteilzeit schicken.“

Außerdem sollten mehr Beschäftigte aus Teilzeit- in Vollzeitjobs gebracht werden, etwa durch steuerliche Anreize oder den Ausbau von Betreuungsangeboten für Kinder. „Wir müssen in Deutschland insgesamt mehr arbeiten“, so Reiche. Die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden im Jahr liege in Deutschland 25 Prozent unter dem Niveau in den USA.

Teilzeitbeschäftigung auf Rekordwert

Mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 34,3 Stunden lag Deutschland laut Statistischem Bundesamt 2024 unter dem europäischen Durchschnitt (36,8 Stunden). Ein wesentlicher Faktor dabei ist der steigende Anteil von Teilzeit-Erwerbstätiger: Dieser wuchs bis 2024 auf knapp ein Drittel (1991: 14,1 Prozent, 2024: 30,8 Prozent).

Hauptgründe für den Anstieg sind oft die Nichtvereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland. Gerade Frauen, die sich um Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen kümmern, reduzieren oft ungewollt ihre Arbeitszeit. Auch ein Mangel an Vollzeitstellen ist ein Treiber, dass Teilzeit- statt Vollzeit von Arbeitnehmern akzeptiert wird.

Wirtschaftsforscher erwarten noch weniger Wachstum

Mit dem ifo-Institut und dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) haben gleich zwei führende Wirtschaftsforschungs-Institute ihre Prognosen für die deutsche Wirtschaft gesenkt. „Die deutsche Wirtschaft passt sich dem Strukturwandel durch Innovationen und neue Geschäftsmodelle nur langsam und kostspielig an“, erklärt ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. „Zusätzlich werden Unternehmen und Neugründungen im Besonderen durch bürokratische Hürden und eine veraltete Infrastruktur behindert.“

Kritik: Warum längere Arbeitszeiten nicht genügen

Wirtschaftsministerin Reiche fordert längere Arbeitszeiten, obwohl Wirtschaftswachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise und Steuerbelastung derzeit ganz andere Signale senden. Genau hier liegt der Kern der Kritik, denn Wachstum entsteht nicht automatisch durch mehr Arbeit. Denn Unternehmen rufen nur dann mehr Arbeit ab, wenn Absatzmärkte funktionieren. Ohne stabile Rahmenbedingungen führt ein Mehr an Arbeit nicht zu Wachstum, sondern erhöht den Druck auf Beschäftigte.

Wirtschaftswachstum braucht Nachfrage, nicht Appelle

Nach Jahren der Stagnation fehlt es vielen Betrieben an Planungssicherheit. Der Export schwächelt, Investitionen bleiben aus, und die Wettbewerbsfähigkeit sinkt. Unter diesen Bedingungen kann Wirtschaftswachstum nicht allein durch längere Arbeitszeiten entstehen. Wachstum erfordert Nachfrage, denn nur verkaufte Produkte schaffen Wertschöpfung.

Die Fixierung auf Arbeitszeit verschiebt die Verantwortung auf Arbeitnehmer, obwohl strukturelle Probleme ungelöst bleiben. Katherina Reiche benennt zwar den Ernst der Lage, doch ihre Schlussfolgerungen verengen die Debatte. Ein nachhaltiger Aufschwung beginnt nicht am Schreibtisch, sondern bei den Kosten und der Produktivität der Unternehmen.

Energiepreise als zentrale Standortfrage

Ein entscheidender Faktor für Wettbewerbsfähigkeit sind die Energiepreise. In Deutschland liegen sie deutlich über dem internationalen Niveau. Das belastet Industrie und Mittelstand gleichermaßen. Hohe Kosten verhindern Investitionen und schwächen das Wirtschaftswachstum nachhaltig.

Längere Arbeitszeiten können diese Nachteile nicht kompensieren. Selbst hochqualifizierte Arbeitskräfte verlieren an Wirkung, wenn Produktionskosten außer Kontrolle geraten. Deshalb bleibt die Senkung der Energiepreise der wichtigste Hebel, um Unternehmen wieder konkurrenzfähig zu machen und Wachstum zu ermöglichen.

Entbürokratisierung und Genehmigungen als Wachstumsfaktor

Neben den Energiepreisen lähmt die Bürokratie die wirtschaftliche Dynamik. Lange Genehmigungsprozesse, komplexe Vorgaben und wachsende Dokumentationspflichten bremsen Investitionen. Entbürokratisierung würde unmittelbar Produktivität freisetzen und die Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Beschleunigte Verfahren schaffen Planungssicherheit und senken Kosten. Genau hier entsteht reales Wirtschaftswachstum, weil Unternehmen schneller investieren und Innovationen umsetzen können. Katherina Reiche setzt dagegen auf den Faktor Arbeit, obwohl die administrativen Bremsen deutlich schwerer wiegen.

Steuerentlastung stärkt Konsum und Wachstum

Ein weiterer zentraler Hebel ist die Steuerentlastung der Arbeitnehmer. Mehr Netto vom Brutto erhöht die Kaufkraft und stärkt die Binnenkonjunktur. Steigender Konsum führt zu mehr Aufträgen, was Investitionen und Beschäftigung fördert. Dieser Mechanismus wirkt direkt und nachhaltig.

Im Gegensatz dazu bleibt der Effekt längerer Arbeitszeiten unsicher. Ohne Nachfrage verpufft zusätzliche Arbeit. Steuerentlastung dagegen stärkt Vertrauen, kurbelt den Konsum an und stabilisiert das Wirtschaftswachstum von innen heraus.

Fazit: Politischer Anspruch und wirtschaftliche Realität passen nicht zusammen

Auch Jens Spahn erklärt Wirtschaftswachstum zur zentralen Messlatte politischer Entscheidungen. Dieser Anspruch ist richtig, verlangt jedoch eine umfassendere Strategie. Wettbewerbsfähigkeit, Energiepreise, Entbürokratisierung und Steuerentlastung entscheiden über Wachstum, nicht moralische Appelle an die Arbeitszeit. Arbeit ist kein Selbstzweck, sondern Ergebnis funktionierender Märkte.

Die Wirtschaftsministerin hat mit ihrer Aussage zum bröckelnden Wohlstandsversprechen einen wichtigen Impuls gesetzt. Gerade deshalb braucht es jetzt Lösungen, die an den Ursachen ansetzen. Mehr Arbeit allein wird Deutschland nicht aus der Krise führen. Erst bessere Rahmenbedingungen, so wie auch eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, machen Arbeit wieder zum Motor für mehr Wachstum.

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Mirell Bellmann

Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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