Steigender Kupferpreis befeuert Fusionsgespräche
Die Rio Tinto Group verhandelt über die Übernahme von Glencore mit dem Ziel, den weltweit größten Bergbaukonzern zu schaffen. Die kombinierte Marktbewertung des neuen Unternehmens würde mehr als 200 Milliarden Dollar erreichen.
Beide Unternehmen bestätigten am Donnerstag in separaten Mitteilungen, dass Gespräche über einen möglichen Zusammenschluss geführt werden. Diskutiert wird dabei auch eine vollständige Übernahme aller Aktien. Ähnliche Gespräche waren bereits ein Jahr zuvor gescheitert, wie Bloomberg berichtete.
Reaktionen an den Finanzmärkten
Die Aktien des in der Schweiz ansässigen Rohstoffkonzerns Glencore legten zum Handelsstart in London um bis zu 9,9 Prozent zu. Die Papiere von Rio Tinto hingegen gaben an der New Yorker Börse um 2,5 Prozent nach. An der australischen Börse fielen die Rio-Tinto-Aktien sogar um 6,3 Prozent.
Ein möglicher Zusammenschluss wäre der bislang größte Deal in der Geschichte der Branche. Er käme zu einem Zeitpunkt zustande, an dem der Bergbausektor von einer Welle an Übernahmen geprägt ist. Große Produzenten versuchen, ihre Position im Kupfermarkt auszubauen, da Kupfer als Schlüsselmetall für die Energiewende gilt und die Preise nahe an Rekordständen notieren.
Kupferpreis als strategischer Treiber
Der Kupferpreis überschritt am 6. Januar erstmals die Marke von 13.000 Dollar je Tonne und setzt seine wochenlange Aufwärtsrallye seitdem ununterbrochen fort, die Folge: ein Kupferpreis-Rekordhoch nach dem anderen und teils negative Folgen für die weltweite Industrie.
Doch es gibt auch positive Auswirkungen: Sowohl Glencore als auch Rio Tinto verfügen über umfangreiche Kupferreserven. Nach einer Fusion würde ein neuer Konzern entstehen, der mit der BHP Group um den Titel des weltweit größten Bergbauunternehmens konkurrieren könnte. Die Marktkapitalisierung von Rio Tinto liegt bei rund 137 Milliarden Dollar, während Glencore mit etwa 70 Milliarden Dollar bewertet wird. Nach britischem Übernahmerecht hat Rio Tinto bis zum 5. Februar Zeit, ein verbindliches Angebot zu bestätigen.
Strukturelle Hürden für den Zusammenschluss
Analysten weisen jedoch seit Längerem auf mögliche Hindernisse hin. Glencore zählt zu den weltweit größten Kohleproduzenten, während Rio Tinto das Kohlegeschäft bereits aufgegeben hat. Zudem unterscheiden sich die Unternehmenskulturen beider Konzerne deutlich, was eine Integration erschweren könnte.
Die Gespräche fallen in eine Phase stark steigender Kupferpreise. Produktionsunterbrechungen in Minen sowie der Versuch von Unternehmen, Metalle im Vorfeld möglicher Zölle der Trump-Administration in den USA zu lagern, haben den Preisanstieg zusätzlich verstärkt. Dies hat bei Managern und Investoren die Wahrnehmung verfestigt, dass die verfügbaren Metallreserven begrenzt sind.
Strategische Bedeutung für Rio Tinto
Für Rio Tinto würde ein Zusammenschluss mit Glencore eine deutliche Ausweitung der Kupferproduktion bedeuten. Zudem erhielte der Konzern eine Beteiligung an der chilenischen Collahuasi-Mine, einer der ertragreichsten Lagerstätten weltweit, an der Rio Tinto seit Langem interessiert ist.
Obwohl Rio Tinto bereits über erhebliche Kupferressourcen verfügt, erzielen sowohl das Unternehmen als auch der größere Konkurrent BHP weiterhin einen wesentlichen Teil ihrer Einnahmen mit Eisenerz. Die zukünftige Nachfrage in diesem Markt gilt jedoch als unsicher, da der jahrzehntelange Bauboom in China an Dynamik verliert.
Neue Führung und veränderte Akquisitionsstrategie
Der neue Vorstandsvorsitzende von Rio Tinto, Simon Trott, hat seinen Fokus bislang auf Kostensenkungen und eine Vereinfachung der Unternehmensstruktur gelegt. Der Konzern kündigte an, sich von einigen kleineren Geschäftsbereichen trennen zu wollen.
Aufsichtsratschef Dominic Barton betonte zugleich, dass Rio Tinto frühere gescheiterte Transaktionen hinter sich lassen wolle. Seiner Einschätzung nach zeigt sich das Unternehmen künftig offener für Übernahmen und strategische Zusammenschlüsse.
Glencores Rolle im Konsolidierungsprozess
Glencore zählt seit Jahren zu den aktivsten Akteuren bei Übernahmen im Rohstoffsektor. Bereits 2014 unterbreitete das Unternehmen ein ambitioniertes Fusionsangebot an Rio Tinto. Damals stand Glencore noch unter der Führung von Ivan Glasenberg, der bis heute rund zehn Prozent der Anteile hält.
Zuletzt geriet Glencore verstärkt unter Druck von Investoren, nachdem die Aktie im vergangenen Jahr hinter den Erwartungen zurückblieb. Ausschlaggebend waren hauptsächlich schwache Kohlepreise. Der Konzern hat Kupfer inzwischen ins Zentrum seiner Strategie gestellt. Vorstandschef Gary Nagle kündigte im vergangenen Monat an, die Kupferproduktion im kommenden Jahrzehnt nahezu zu verdoppeln.
Breites Rohstoffportfolio als Risiko und Chance
Auch wenn die Kupferreserven als größter Anreiz einer möglichen Transaktion gelten, bleibt Glencore der weltweit größte Lieferant von Kohle. Ebenso fördert das Unternehmen Nickel und Zink und betreibt ein umfangreiches Handelsgeschäft. Diese Diversifikation könnte den Zusammenschluss strategisch absichern, erhöht jedoch zugleich die regulatorische und operative Komplexität.
Für Deutschland hätte eine solche Megafusion erhebliche Bedeutung. Kupfer ist ein zentraler Rohstoff für Energiewende, Elektromobilität und industrielle Wertschöpfung. Eine stärkere Marktkonzentration im globalen Bergbau könnte die Abhängigkeit deutscher Industrieunternehmen von wenigen Großkonzernen weiter erhöhen und die Frage verschärfen, wie Europa seine Rohstoffversorgung langfristig strategisch absichert.


