Technologie

Kernenergie: China und Russland bauen Atomkraft weiter aus

Chinas Ausbau von Kernkraftwerken hält die globale Atomindustrie auf Rekordniveau. Doch außerhalb Chinas stagniert der Markt größtenteils – und erneuerbare Energien und Speicher ziehen laut World Nuclear Industry Status Report 2025 (WNISR) massiv an.
21.03.2026 11:00
Lesezeit: 4 min

Kernenergie: Chinas Alleingang stützt die Atombranche

Der Kernkraft-kritische World Nuclear Industry Status Report 2025+ (WNISR) wurde Ende Januar 2026 veröffentlicht, ergänzt um neue Zahlen. Dem Bericht zufolge hat die weltweite Kapazität von Atomkraftwerken zwar ein Rekordniveau erreicht – getrieben wird sie aber vor allem von China. Der WNISR zeigt: Die weltweite Erzeugungskapazität von Kernenergie wächst, während zugleich ihr Anteil an der wachsenden globalen Stromerzeugung sinkt. Ihr Anteil an der globalen Energieerzeugung fiel von 17,5 Prozent im Rekordjahr 1996 auf nur noch rund 9 Prozent im Jahr 2024 an den weltweit insgesamt erzeugten 2.677 Terrawattstunden (TWh).

Doch selbst in China fällt der Vergleich mit erneuerbaren Energien ernüchternd für die Kernenergie aus: Während die Nuklearleistung um 3,5 Gigawatt (GW) stieg, wuchs die Photovoltaikkapazität um 278 GW – fast 80-mal schneller. Solar- und Windkraft erzeugen laut Bericht inzwischen etwa viermal so viel Strom wie alle chinesischen Atomreaktoren zusammen. Sie sind einfach billiger und damit effizienter.

Kernenergie weltweit: Bauaktivitäten konzentrieren sich auf China und Russland

Anfang 2026 befanden sich dem WNISR zufolge weltweit 66 Reaktoren in Bau, verteilt auf 11 Länder. 36 davon stehen in China, mehr als die Hälfte der weltweiten Gesamtzahl. Im Verlauf von 2025 nahm die Zahl der Baustellen allein durch China um sieben Einheiten zu, während sich die Bauaktivitäten außerhalb Chinas praktisch nicht veränderten.

Die Zahl der Länder, die Reaktoren bauen, ging innerhalb von nur zwei Jahren um fast ein Drittel zurück – von 16 auf 11. Mehrere Staaten hatten ihre letzten Projekte abgeschlossen oder eingestellt (Frankreich, Vereinigte Arabische Emirate, USA, Argentinien, Brasilien, Japan). Neueinsteiger sind Pakistan, Bangladesh, Ägypten und Türkie, die alle ihre ersten Reaktoren bauen, jeweils unter Beteiligung der russischen Nuklearindustrie.

2025 wurden elf neue Bauprojekte gestartet, die höchste Zahl seit 2010 vor Fukushima, davon neun in China, zwei in Russland und Südkorea. Über einen Zeitraum von sechs Jahren waren die einzigen globalen Neubauten offiziell von chinesischen und russischen Unternehmen, mit Ausnahme eines Projekts in Südkorea. China begann zudem vier Reaktoren gemeinsam mit Russland zu bauen.

Es bleibt bei einer statistischen Kopplung von Atomwaffen und Kernenergie: Von den 66 Einheiten weltweit befinden sich 63 (95 Prozent) in Staaten mit Atomwaffen oder werden von Unternehmen solcher Staaten in anderen Ländern errichtet. Nur drei Baustellen in Südkorea liegen außerhalb dieser Kategorie. Unter den Staaten, die kommerzielle Reaktoren im Ausland bauen, dominieren China, Frankreich und Russland – letzterer mit weitem Abstand, da 20 Einheiten außerhalb Russlands errichtet werden.

Die Solar‑Revolution überholt das Atom

Der Anteil der Kernenergie sinkt weltweit weiter, während erneuerbare Energien explodieren. Im Jahr 2025 markiert die monatliche Stromerzeugung aus Solarenergie erstmals eine historische Zäsur: In den Monaten April, Mai und Juni überstieg sie die Produktion aller Atomkraftwerke weltweit.

Die Investitionen sprechen eine deutliche Sprache: 2024 flossen weltweit 21-mal mehr Kapital in erneuerbare Energien als in Kernkraftprojekte. Solarstrom und Batterien bilden das neue Dream-Team der Energieversorgung. Preisverfälle von bis zu 40 Prozent bei Speichern und Solarmodulen ermöglichen es, Schwankungen auszugleichen und Versorgungssicherheit kostengünstig zu gewährleisten – schneller und flexibler als jeder neue Atomreaktor. Analysen aus den USA zeigen: Solar- und Windstrom kosten mittlerweile nur noch rund 3,8 US‑Cent pro Kilowattstunde, Atomstrom liegt bei 14,1 Cent – ist also fast viermal so teuer.

Kernenergie: Russland dominiert den internationalen Reaktormarkt

Geopolitisch bleibt Russland eine zentrale Größe. Von den 63 Reaktoren, die Mitte 2025 im Bau waren, liefert der russische Staatskonzern Rosatom bei 27 Einheiten die Technologie, davon 20 im Ausland. Mit Ausnahme von China – das auf heimische Technologie setzt – bleiben Länder damit für Jahrzehnte abhängig von russischem Know‑how, Brennstoff und Wartung. Selbst westliche Industrien sind über Joint Ventures und Brennstoffimporte eng verflochten. Diese Abhängigkeit prägt damit auch die politischen Spielräume vieler Länder.

Das "Potemkin’sche Dorf" der Small Modular Reactors

Besonders kritisch bewertet der Bericht die Hoffnungen auf kleine, modulare Reaktoren (Small Modular Reactors, kurz: SMR). Trotz politischer Absichtserklärungen existiert aktuell kein SMR im Bau außerhalb Russlands und Chinas. Der WNISR spricht hier von einem "Potemkin’schen Dorf" – einer Fassade, die die wirtschaftliche Realität verberge. Prominente Beispiele scheitern offenbar an Kosten und fehlender Nachfrage:

  • In Argentinien wurde der Bau des CAREM‑Reaktors nach über zehn Jahren eingestellt.
  • In den USA stoppte NuScale seine Vorzeigeprojekte, weil Abnehmer fehlten und die Kosten explodierten.
  • Auch Kanada musste das erste SMR‑Projekt nach Insolvenz des Herstellers aufgeben.

Bauverzögerungen und Kostenexplosionen bei Großreaktoren

Nicht nur bei SMRs, sondern auch bei großen Reaktoren häufen sich dem WNISR zufolge Verzögerungen und Kostensteigerungen. Ein warnendes Beispiel ist der EPR‑Reaktor in Flamanville, Frankreich: Er ging 2024 zwölf Jahre später als geplant ans Netz. Die Kosten stiegen von 4,3 Milliarden Euro auf 25,6 Milliarden Euro. Selbst in China sinkt der Anteil der Atomkraft am Strommix leicht auf 4,5 Prozent, während Solar massiv ausgebaut wird.

Ein Energiesystem im Umbruch

Der Bericht beschreibt einen fundamentalen Paradigmenwechsel: Das zentrale, unflexible Energiesystem aus Großkraftwerken verliert immer mehr gegen ein dezentrales, flexibles System aus Erneuerbaren, Speichern und intelligenter Steuerung. Photovoltaik und Batterien ersetzen zunehmend die Grundlastfunktion, auf die Atomkraft lange gebaut hat.

Die politischen Debatten über neue Reaktoren erscheinen angesichts dieser Marktdynamik fast überflüssig. Während China den Ausbau seiner Kernkraft vorantreibt, schaffen Solar‑ und Batteriespeicher in Europa und den USA bereits Fakten, die die Atomenergie zunehmend marginalisieren. Die Botschaft des WNISR: Globale Atomkraft hängt an staatlicher Förderung und geopolitischer Abhängigkeit, während die Märkte längst den Kurs bestimmen – die Zukunft gehört den Erneuerbaren. Das sehen allerdings nicht alle so.

Wirtschaftliche Perspektiven erneuerbarer Energien

Die Erneuerbare‑Energien‑Branche setzt ihre dynamische Entwicklung 2026 fort: Laut International Renewable Energy Agency erreichte die globale Kapazität erneuerbarer Erzeugung Ende 2024 bereits 4 443 GW, mit einem Rekordzuwachs von 582 GW – davon entfielen 453 GW auf Photovoltaik und 114 GW auf Windenergie, was die klare Nachfrage nach skalierbaren Lösungen belegt.

Für Unternehmen bedeutet das: Der weltweite Markt für erneuerbare Energien wird 2026 voraussichtlich auf über 1 035 Milliarden US‑Dollar wachsen und bis 2035 eine globale Marktgröße von fast 2 270 Milliarden US‑Dollar erreichen. Diese Entwicklung eröffnet neue Geschäftsmodelle für industrielle Stromabnahmeverträge (PPAs), die etwa 32 Prozent aller Kapazitätsverpflichtungen ausmachen, sowie für hybride Systeme aus Solar, Wind und Energiespeicherung, die 37 Prozent der neuen Installationen beitragen.

Hintergrund: Der World Nuclear Industry Status Report

Der World Nuclear Industry Status Report wird jährlich von internationalen Wissenschaftlern, Journalisten und Experten erstellt. Er wird unter anderem vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), der Friedrich‑Ebert‑Stiftung, der Heinrich‑Böll‑Stiftung, den Grünen im Europaparlament sowie der Schweizerischen Energie‑Stiftung gefördert. Der WNISR ist ein wichtiger und bekannter Report, und kernkraftkritisch.

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Maximilian Modler

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Maximilian Modler berichtet über spannende Entwicklungen aus den Bereichen Energie, Technologie - und über alles, was sonst noch für die deutsche Wirtschaft relevant ist. Er hat BWL, Soziologie und Germanistik in Freiburg, London und Göteborg studiert. Als freier Journalist war er u.a. für die Deutsche Welle, den RBB, die Stiftung Warentest, Spiegel Online und Verbraucherblick tätig.

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