US-Börsen im Fokus: Tech-Aktien unter Druck durch KI-Sorgen
In dieser Woche standen vor allem Aktien von Softwareunternehmen unter deutlichem Verkaufsdruck. Auslöser waren Sorgen, dass KI-Start-ups wie OpenAI und Anthropic mit ihren Produktivitätsgewinnen etablierte Geschäftsmodelle untergraben und in ganzen Branchen zu strukturellen Verwerfungen führen könnten. Moderate Inflationsdaten aus den USA sorgten zeitweise für Entlastung an den Märkten. Sie verstärkten die Erwartungen, dass die US-Notenbank ihre Leitzinsen im weiteren Jahresverlauf senken könnte, auch wenn die großen Indizes die Woche insgesamt leicht im Minus beendeten.
Trotz der erhöhten Schwankungen sehen viele Marktteilnehmer den übergeordneten Aufwärtstrend bislang nicht gebrochen. Solange die US-Wirtschaft wächst und der Inflationsdruck weiter nachlässt, gilt eine Konsolidierung nach der kräftigen Rally seit April des Vorjahres als marktüblich. Mark Hackett von Nationwide erklärte gegenüber Bloomberg, eine Phase der Konsolidierung im saisonal schwächeren Februar sei nach dem starken Anstieg nicht ungesund. Der Markt verarbeite die Gewinne der vergangenen Monate und suche nach einer neuen, tragfähigen Bewertungsbasis.
Kapitalströme verlagern sich ins Ausland
Michael Hartnett, Chefstratege für Aktien bei der Bank of America, sieht in der US-Handelspolitik einen Treiber für eine neue globale Ordnung. Investoren würden zunehmend den Dollar und US-Aktien gegen internationale Anlagen tauschen und ihre Portfolios breiter diversifizieren. Ein schwächerer Dollarindex, stärkere Währungen in Schwellenländern sowie das Ende der Deflation in Japan, China und Europa könnten nach seiner Einschätzung einen langfristigen Aufwärtstrend an internationalen Aktienmärkten begünstigen. Auch Anlagen, die dem Schwellenländerindex EEM folgen, stünden verstärkt im Fokus.
Die Aufmerksamkeit der Anleger könne sich schrittweise von den großen US-Technologiekonzernen und der sogenannten Magnificent Seven auf kleinere und mittlere Unternehmen verlagern. Hartnett verweist auf ETFs mit Schwerpunkt Rohstoffe, Schwellenländer, Mid Caps, Small Caps und Gold. Bereits vor Monaten hatte er prognostiziert, dass der Goldpreis bis Jahresende 6.000 Dollar erreichen könnte. Steigende Rohstoffpreise und eine strukturelle Verschiebung der Kapitalströme sprächen aus seiner Sicht für dieses Szenario.
JPMorgan sieht Chancen im Softwaresektor
Besonders stark traf der Abverkauf das Segment „Software as a Service“, das in den vergangenen Jahren zu den großen Profiteuren der Digitalisierung zählte. Nach dem deutlichen Kursrückgang sehen Strategen von JPMorgan jedoch Potenzial für eine Gegenbewegung. In den Bewertungen sei kurzfristig ein überzogen negatives Szenario hinsichtlich der Auswirkungen von KI eingepreist worden. Angesichts der aktuellen Marktpositionierung und weiterhin solider Unternehmenskennzahlen habe sich das Verhältnis von Risiko und Ertrag zugunsten einer Erholung verschoben.
Der Kursrutsch eröffne selektive Einstiegsmöglichkeiten, sofern Investoren auf Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen setzen. Entscheidend seien hohe Wechselkosten für Kunden, langfristige Vertragsbindungen und die Fähigkeit, selbst von KI-Anwendungen zu profitieren. Als Beispiele nennt JPMorgan Microsoft, CrowdStrike, ServiceNow, Palo Alto Networks, Datadog und Zscaler. Diese Unternehmen verfügten über eine starke Marktstellung und könnten technologische Umbrüche besser abfedern als kleinere Wettbewerber.
Bitcoin-Kurs vor entscheidender Marke
Der Bitcoin-Kurs verzeichnete in den vergangenen Wochen deutliche Verluste und fiel zeitweise auf 60.000 Dollar. Anschließend setzte eine rasche Erholung in Richtung 70.000 Dollar ein, was die Nervosität am Kryptomarkt jedoch nicht vollständig beseitigte. Mehrere Analysten warnten, dass ein nachhaltiger Rückgang unter die Marke von 60.000 Dollar eine neue Abwärtsbewegung auslösen könnte. An der Terminbörse Deribit konzentrieren sich zahlreiche Optionspositionen, die bei Kursen unterhalb dieser Schwelle profitieren würden.
Knapp unter 60.000 Dollar verläuft zudem der 200-Wochen-Durchschnitt, den viele technische Analysten als zentrale Unterstützung betrachten. Ein Bruch dieser Linie könnte Zwangsliquidationen auslösen und die Volatilität am Markt deutlich erhöhen. Maxime Seiler von STS Digital erklärte, ein Durchbruch nach unten könne Absicherungsbewegungen und erzwungene Verkäufe beschleunigen. In einem solchen Szenario sei mit einer spürbaren Ausweitung der Kursschwankungen zu rechnen.
Hedgefonds setzen verstärkt auf Short-Positionen
Morgan Stanley bewertet den Rückgang der Softwarewerte als attraktive Einstiegschance im laufenden Investitionszyklus rund um KI. Auch Aktien von Mikroprozessorherstellern, Technologielieferanten und großen Technologiekonzernen seien zuletzt günstiger geworden. Solche Korrekturphasen seien in langfristigen Innovationszyklen nicht ungewöhnlich. Die strukturellen Treiber für Anbieter von KI-Infrastruktur blieben intakt, während Anwenderunternehmen aus Sicht der Bank weiterhin moderat bewertet seien.
Besonders hervorgehoben werden Microsoft und Intuit, die nach dem Kursrückgang an Attraktivität gewonnen hätten. Die Analysten sehen hier langfristig stabile Cashflows und eine solide Marktposition als entscheidende Faktoren. Analysen von Goldman Sachs zeigen zudem, dass Hedgefonds im Zuge der Turbulenzen in ungewöhnlich hohem Tempo Short-Positionen auf US-Aktien aufgebaut haben. In der ersten Februarwoche überwogen Leerverkäufe gegenüber Long-Positionen im Verhältnis zwei zu eins.
Zinserwartungen und Goldpreis im Fokus
Bereits seit vier Wochen übersteigt das Volumen der Short-Positionen das der Long-Positionen, insbesondere im IT-Sektor. Gleichzeitig gab es vermehrte Käufe bei Mikroprozessorherstellern sowie im Gesundheitsbereich, was auf selektive Strategien hindeutet. Der Hedgefonds-Manager David Einhorn von Greenlight Capital rechnet damit, dass die US-Notenbank die Zinsen stärker senken wird als derzeit am Markt erwartet. Aktuell preisen Investoren zwei Zinssenkungen ein, Einhorn hält jedoch deutlich mehr Schritte für möglich.
Er verweist zudem auf die mögliche Ernennung von Kevin Warsh als Nachfolger von Jerome Powell durch Präsident Donald Trump. Ein solcher Wechsel könnte die geldpolitische Ausrichtung der Notenbank stärker unter politischen Einfluss stellen. Vor diesem Hintergrund bevorzugt Einhorn Gold, dessen Preis bereits gestiegen ist. Auch BNP Paribas hält einen Anstieg auf 6.000 Dollar je Unze bis Jahresende für möglich und verweist auf anhaltend hohe Käufe durch Zentralbanken sowie steigende Zuflüsse in Gold-ETFs.
Die anhaltenden Verschiebungen bei Kapitalströmen, Zinserwartungen und Rohstoffpreisen betreffen nicht nur die USA. Auch europäische Märkte reagieren sensibel auf Veränderungen der US-Geldpolitik und auf globale Umschichtungen institutioneller Investoren. Gold, internationale Aktienmärkte und die Stabilität großer Technologieunternehmen gewinnen damit zusätzlich an Bedeutung. Gleichzeitig erhöhen mögliche Rückschläge beim Bitcoin-Kurs und bei US-Technologiewerten die Anforderungen an Risikomanagement und Diversifikation in den Anleger-Portfolios.

