Krieg gegen den Iran: Region am Rand eines Flächenbrands
Dieses Wochenende ist historisch. Zugleich ist es zutiefst beunruhigend. Die USA haben einen Großkrieg im Nahen Osten begonnen, ohne einen erklärten Plan dafür zu haben, wie dieser Krieg beendet werden soll. Noch weniger ist klar, was danach geschehen soll.
Irans 86-jähriger Oberster Führer Ajatollah Ali Khamenei wurde am Samstag in seinem eigenen Haus getötet. Was nun in Iran geschieht, ist völlig ungewiss. Doch es ist entscheidend für den Weltfrieden. Trump entfernte Venezuelas Präsidenten Nicolás Maduro ohne größere Konsequenzen. Dieser Angriff wird deutlich weitreichendere Folgen haben.
Iran ist eine regionale Großmacht mit 90 Millionen Einwohnern. Das Land verfügt über die größte Armee der Region sowie über erhebliche Drohnen- und Raketenfähigkeiten. Iran ist der neuntgrößte Produzent von Rohöl weltweit und besitzt zugleich Marinekapazitäten, mit denen zumindest zeitweise die strategisch bedeutende Straße von Hormus blockiert werden könnte. Durch diese Meerenge wird rund ein Viertel des weltweiten seegestützten Rohöls täglich transportiert.
Militärexperten wie der pensionierte General und frühere CIA-Direktor David Petraeus gehen davon aus, dass die USA und ihre Verbündeten innerhalb relativ kurzer Zeit iranische Kriegsschiffe und Minen angreifen und beseitigen könnten, die die Straße von Hormus blockieren. Damit würde eine der wirtschaftlichen Folgen der amerikanisch-israelischen Angriffe gemildert, die die globalen Finanzmärkte am Montag erheblich belasten dürften.
Regimewechsel ohne Strategie
Doch wenn die USA und Israel gemeinsam den Weg für eine Revolution oder einen Bürgerkrieg in Iran geebnet haben, könnte Schlimmeres bevorstehen. Ein regionaler Großkrieg könnte die globale Wirtschaft erschüttern. Die Geschichte kennt kein erfolgreiches Beispiel für einen Regimewechsel, der allein durch Luftangriffe erreicht wurde. Präsident Trump hat den Iranern und der Welt deutlich gemacht, dass eines seiner Ziele die Beseitigung des religiösen Regimes ist. Dieses Ziel scheint nun erreicht zu sein. Gleichzeitig wollen die USA und Trump offenbar keinen Anteil daran haben, wer das Land künftig regiert.
Diese gewaltige Aufgabe überlässt er Iran selbst. Ein Land, das seit vier Jahrzehnten unter einer religiösen Diktatur steht und folglich keine bekannten organisierten demokratisch legitimierten Gruppen aufweist. Militär, Sicherheitsapparate und Geheimdienste werden aller Wahrscheinlichkeit nach versuchen, die Macht zu behalten und die Bevölkerung weiterhin zu unterdrücken.
Im entstandenen Machtvakuum dürfte die Wirtschaft weiter erodieren. Hohe Inflation und eine schlechte wirtschaftliche Lage hatten bereits zuvor Proteste ausgelöst, die niedergeschlagen wurden und möglicherweise Zehntausende Demonstranten das Leben kosteten. Ermutigt durch Khameneis Tod könnten die Demonstranten zurückkehren. Es sei denn, das Militär schlägt in einem verzweifelten Versuch zur Machterhaltung brutal zurück.
Keine Strategie für den Tag danach
Es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass die USA oder andere Staaten Bodentruppen entsenden würden. Daher werde das iranische Regime weiterhin ein Machtmonopol besitzen, sagte H. A. Hellyer, Senior Fellow beim Royal United Services Institute, dem Guardian. Er betonte, dass der einzige Weg zu einem Wandel ein Aufstand mit massenhaften Übertritten aus Militär und Sicherheitskräften sei.
Man muss kein Pessimist sein, um vorherzusagen, dass es fast nur schiefgehen kann. Was werden die USA und Trump dann tun. Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Plan für den sogenannten Tag danach. Das ist genau die Frage, die militärische Befehlshaber stets von der politischen Führung beantwortet wissen wollen. Wie kommt man aus diesem Krieg wieder heraus.
Die Erinnerungen an den Irakkrieg 2003 dürften in Washington und in vielen Hauptstädten des Nahen Ostens präsent sein. Damals setzte man Bodentruppen ein. Das kostete viele Menschenleben und war keineswegs ein großer Erfolg. Trump hatte diese Vorgehensweise stets kritisiert. Nun steht Trump vor offensichtlichen Brüchen mit mehreren seiner Wahlversprechen. 2016 hatte er angekündigt, nicht länger um den Sturz ausländischer Regime zu konkurrieren. Er kritisierte die militärischen Abenteuer seiner Vorgänger als erwiesene absolute Fehlschläge. Im Wahlkampf 2024 griff er Kamala Harris an und warf ihr vor, einen dritten Weltkrieg zu riskieren. Er selbst werde keine neuen Kriege beginnen und keine amerikanischen Soldaten in Konflikte in Ländern schicken, von denen niemand je gehört habe.
Genau das Gegenteil ist nun geschehen. Der Angriff am Samstagabend war der achte militärische Einsatz, den Trump im ersten Jahr seiner zweiten Amtszeit angeordnet hat. In seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation lag der Fokus auf Innenpolitik und dem Slogan America First. Die Realität sieht anders aus.
Trump hat eine souveräne Nation angegriffen. Es handelt sich zwar um ein weitgehend isoliertes Land mit schlechtem internationalen Ruf, doch ein unmittelbarer Anlass ist nicht belegt. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres griffen die USA Iran an, während diplomatische Verhandlungen liefen. Vertreter beider Länder trafen sich am Donnerstag in Genf. Eine weitere Verhandlungsrunde war vereinbart worden.
Die Behauptung, Iran stelle eine unmittelbare Bedrohung für die USA dar, findet in Geheimdienstberichten keine Bestätigung. Diese weisen darauf hin, dass Iran nicht kurz davor steht, Atomwaffen oder Langstreckenraketen zu besitzen, die die USA erreichen könnten. Vergleichbare, wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab erfolgte Angriffe gab es gegen Schnellboote in Gewässern nahe Venezuela, bei denen Besatzungen von US-Militärs getötet wurden, ohne Gerichtsverfahren oder Beweise für eine konkrete Bedrohung.
Sollte Trumps Vorstellung von Irans Zukunft darin bestehen, dass die Revolutionsgarde und die Polizei friedlich mit iranischen Patrioten verschmelzen und gemeinsam das Land zu neuer Größe führen, wie er es auf Truth Social formulierte, zeugt dies von bemerkenswertem Optimismus. Vor nicht allzu langer Zeit schossen Polizei und Revolutionsgarde auf eben jene Demonstranten, die nun als Patrioten bezeichnet werden. Das ist keine realistische Grundlage für den Weg zu einem demokratischen Iran.
Droht jetzt der Flächenbrand im Nahen Osten?
Der Krieg gegen Iran markiert eine Zäsur in der Sicherheitsordnung des Nahen Ostens. Die Tötung des obersten Führers könnte eine Kettenreaktion auslösen, die von inneriranischer Destabilisierung bis hin zu einer direkten Konfrontation zwischen regionalen und globalen Mächten reicht. Angesichts der strategischen Bedeutung der Straße von Hormus und Irans Rolle im globalen Energiemarkt stehen nicht nur regionale, sondern weltweite wirtschaftliche Stabilität und sicherheitspolitische Gleichgewichte auf dem Spiel. Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet. Wie endet dieser Krieg, und wer trägt die Verantwortung für das, was danach folgt.


