Der Traum vom Homeoffice verliert an Dynamik
Einen reinen Remote-Job zu bekommen, ist heute etwa viermal schwieriger als eine Stelle im Büro oder im hybriden Modell. Gleichzeitig dauern Bewerbungsprozesse oft deutlich länger, was Kandidaten vor eine grundlegende Frage stellt, wie viel ihnen das Arbeiten von zu Hause tatsächlich wert ist.
Nach mehreren Jahren gegensätzlicher Entwicklungen, in denen einige Unternehmen ihre Mitarbeiter zurück ins Büro holten, während andere flexible Modelle ausbauten, deutet sich nun eine Stabilisierung an. Der Anteil an Remote-Stellen auf der Plattform Indeed lag in den USA in den vergangenen sechs Monaten konstant zwischen 8 und 8,6 Prozent, berichtet das Wall Street Journal.
Anteil bleibt deutlich über Vorkrisenniveau
Damit liegt der Anteil weiterhin klar über dem Niveau von 2019, als Remote-Arbeit nur eine untergeordnete Rolle spielte. Gleichzeitig bleibt er spürbar unter den Werten von 2022, als mehr als zehn Prozent aller ausgeschriebenen Stellen vollständig remote waren und viele weitere Jobs pandemiebedingt ebenfalls von zu Hause erledigt wurden.
Inzwischen nimmt der Anteil an Remote-Arbeit wieder ab, während sich auch der gesamte Arbeitsmarkt abschwächt. Entlassungen und eine vorsichtigere Personalpolitik führen dazu, dass insgesamt weniger Stellen ausgeschrieben werden und der Wettbewerb um attraktive Positionen zunimmt.
Strengere Auswahl und höhere Anforderungen
Für die weitere Entwicklung gilt als wahrscheinlich, dass sich das aktuelle Niveau als neuer Standard etabliert. „Remote-Arbeit setzt die Messlatte höher“, sagt Mathieu Roche, Geschäftsführer des Digitalwerbeunternehmens ID5.
Das Unternehmen beschäftigt 85 Mitarbeiter in Bereichen wie Marketing, Engineering, Vertrieb und Finanzen, die vollständig remote arbeiten. Treffen finden nicht im Büro, sondern an wechselnden Orten wie Rom, Amsterdam, Berlin oder Mallorca statt, was die Attraktivität der Stellen zusätzlich erhöht.
Der Zugang zu solchen Positionen ist jedoch anspruchsvoll. ID5 setzt unter anderem auf einen Persönlichkeitstest, um zu prüfen, ob Bewerber eigenständig und ohne direkte Kontrolle arbeiten können, ergänzt durch mehrere Gesprächsrunden mit Recruitern, Führungskräften und potenziellen Kollegen.
Hoher Bewerberdruck auf wenige Stellen
Zudem müssen Kandidaten über einen ungestörten Arbeitsplatz verfügen und bereit sein, aufgrund international verteilter Teams auch zu ungewöhnlichen Zeiten zu arbeiten. Ebenso wird erwartet, dass Bewerber nachvollziehbar begründen können, warum sie gezielt remote arbeiten möchten.
Während der Pandemie konnten Millionen Menschen Remote-Arbeit ausprobieren, viele möchten dieses Modell dauerhaft beibehalten. Entsprechend hoch ist heute die Nachfrage nach entsprechenden Stellenangeboten.
Rund 40 Prozent aller Bewerbungen über LinkedIn entfallen auf Remote-Jobs, obwohl diese nur etwa 8 bis 9 Prozent der ausgeschriebenen Stellen ausmachen. Eine Analyse von JobHire.AI auf Basis von mehr als 600.000 Bewerbungen zeigt, dass es rund viermal schwieriger ist, eine Remote-Position zu erhalten als eine klassische Büro- oder Hybridstelle.
Langsame Einstellungsprozesse bremsen die Entwicklung
Die meisten Remote-Möglichkeiten finden sich weiterhin in den Bereichen Technologie, Information und Medien, erklärt Kory Kantenga, Chefökonom von LinkedIn für Amerika. Gleichzeitig verlaufen die Einstellungsprozesse in diesen Branchen vergleichsweise langsam.
In Bereichen wie Rechnungswesen, Recht, Beratung oder Finanzdienstleistungen sind Remote-Angebote in den USA dagegen weitgehend verschwunden. Das reduziert die Auswahlmöglichkeiten für Bewerber zusätzlich und verschärft den Wettbewerb.
Chancen verlagern sich zu Startups und Mittelstand
Chancen ergeben sich vor allem bei Startups und mittelständischen Unternehmen, die häufig offener für Remote-Modelle sind. Für sie ist dies ein wichtiges Instrument, um Fachkräfte zu gewinnen, die sonst eher zu großen und etablierten Konzernen wechseln würden.
Einige Unternehmen arbeiten vollständig remote, andere signalisieren zumindest eine grundsätzliche Offenheit, wenn ein geeigneter Kandidat gefunden wird. Entscheidend ist dabei, den eigenen Mehrwert klar darzustellen.
Selbstorganisation wird zum entscheidenden Kriterium
Wer eine Remote-Stelle anstrebt, muss Arbeitgeber gezielt überzeugen. Wichtig ist, konkrete Ergebnisse aus der eigenen Arbeit vorweisen zu können, insbesondere wenn diese bereits im Remote-Kontext erzielt wurden, sagt Kevin Rockmann von der George Mason University.
Ebenso entscheidend ist es, mögliche Bedenken im Vorstellungsgespräch aktiv auszuräumen. Wer etwa Fragen zur Erreichbarkeit antizipiert und mit klaren Kommunikationsstrukturen beantworten kann, erhöht seine Chancen deutlich.
Auch Referenzen früherer Arbeitgeber können helfen, diese Aspekte glaubhaft zu untermauern. Ziel ist es, sich als verlässlicher Mitarbeiter zu präsentieren, der unabhängig vom Arbeitsort konstant Ergebnisse liefert.
Führungskräfte bevorzugen häufig physische Präsenz, da sie so mehr Kontrolle ausüben können. Gleichzeitig lässt sich Remote-Arbeit als Vorteil darstellen, wenn sie Prozesse effizienter macht und den Abstimmungsaufwand reduziert.
Remote-Arbeit zwischen Anspruch und Realität in Deutschland
Auch in Deutschland zeigt sich eine vergleichbare Entwicklung, da viele Unternehmen wieder stärker auf Präsenz setzen, während Fachkräfte weiterhin flexible Modelle einfordern. Der Wettbewerb um Remote-Stellen dürfte daher auch hierzulande hoch bleiben.
Für Bewerber bedeutet das, dass neben fachlicher Qualifikation vor allem Selbstorganisation, Kommunikationsfähigkeit und nachweisbare Ergebnisse entscheidend sind. Unternehmen stehen zugleich vor der Aufgabe, eine Balance zwischen Kontrolle und Flexibilität zu finden, um im Wettbewerb um Talente bestehen zu können.
