Europas Flughäfen warnen vor Verzögerungen durch neues Grenzsystem EES
Europas Flughäfen schlagen Alarm. Das neue Grenzkontrollsystem EES (Entry/Exit System) im Schengen-Raum könnte nach Einschätzung der Branche zu massiven Verzögerungen führen, in einzelnen Fällen sogar zu Wartezeiten von bis zu drei Stunden. Flughäfen in 15 europäischen Ländern melden bereits erhebliche Risiken durch die Einführung des neuen elektronischen Grenzkontrollsystems der Europäischen Union. Betroffen sind sowohl kleinere Regionalflughäfen als auch große internationale Drehkreuze.
An wichtigen Standorten in Frankreich, Deutschland, Belgien, Italien, Spanien und Griechenland müssen Reisende laut dem Flughafenverband ACI an der Grenzkontrolle teils deutlich länger warten. Gerade zu Stoßzeiten könnten sich die Schlangen nach Einschätzung der Betreiber weiter zuspitzen. „Die Lage wird in den kommenden Monaten und erst recht im Sommerverkehr kaum noch beherrschbar sein“, sagte Olivier Jankovec, Direktor von ACI Europe. Schon jetzt seien in Spitzenzeiten lange Warteschlangen zu sehen, obwohl das Verkehrsaufkommen erst allmählich anziehe.
Neue Kontrollen an Europas Außengrenzen
Seit Freitag gilt das neue Einreise- und Ausreisesystem der Europäischen Union vollständig. Reisende aus Nicht-EU-Staaten müssen bei ihrer ersten Einreise persönliche Daten sowie biometrische Merkmale registrieren lassen.
Als Drittstaatsangehörige gelten dabei Personen, die weder die Staatsangehörigkeit eines EU-Mitgliedstaats noch die von Island, Liechtenstein, Norwegen oder der Schweiz besitzen. Erfasst werden unter anderem Fingerabdrücke und ein Foto, an vielen Flughäfen über Selbstbedienungsterminals.
Die Einführung des Systems hatte bereits im Oktober begonnen. Ziel ist es, die Außengrenzen besser zu sichern und genauer zu erfassen, wer in die Europäische Union einreist und sie wieder verlässt. Das System wurde am 12. Oktober 2025 eingeführt. Seit dem 10. April 2026 wird es vollständig angewendet, womit die Belastung für Flughäfen und Grenzbehörden nun spürbar zunimmt.
Probleme bei Technik und Personal
Vertreter der Flughäfen und der Europäischen Kommission kamen zuletzt zusammen, um über die Schwierigkeiten bei der Umsetzung zu beraten. Der Flughafenverband ACI drängt darauf, bestehende Ausnahmen zu verlängern und in kritischen Situationen Kontrollen aussetzen zu können. „Wir brauchen die Möglichkeit, die Registrierung vollständig zu stoppen, wenn die Wartezeiten an den Grenzkontrollen zu lang und nicht mehr beherrschbar werden“, sagte Jankovec. Die Einführung des Systems war bereits mehrfach wegen IT-Problemen verschoben worden.
Nach Angaben von ACI und der Kommission erfassen viele Flughäfen bislang weiterhin nur personenbezogene Daten, nicht aber durchgehend biometrische Merkmale. Dazu kommen Ausfälle bei automatischen Registrierkabinen und ein chronischer Personalmangel bei den Grenzbehörden. Auch das zentrale IT-System ist nach Angaben der Branche weiterhin störanfällig. Zwar habe sich die Lage gegenüber der Anfangsphase verbessert, doch aus Sicht der Flughäfen bleiben die technischen Schwächen ein ernstes Problem für den laufenden Betrieb.
Brüssel weist die Kritik zurück
Die Europäische Kommission weist die Vorwürfe zurück und spricht von einem insgesamt stabilen Betrieb. „Das System funktioniert sehr gut. In der überwiegenden Mehrheit der Mitgliedstaaten gibt es keine Probleme“, erklärte ein Sprecher. Während ACI davon ausgeht, dass die Registrierung eines Reisenden zu Stoßzeiten bis zu fünf Minuten dauern kann, verweist die Kommission auf eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von 70 Sekunden. Einzelne technische Probleme in einigen Mitgliedstaaten seien bei einem so großen neuen System nicht ungewöhnlich und würden bearbeitet.
Nach Angaben der Kommission wurden seit Beginn der Einführung im Oktober mehr als 52 Millionen Grenzübertritte registriert. Rund 27.000 Menschen wurde die Einreise verweigert, darunter 700 Personen, die als mögliches Sicherheitsrisiko eingestuft wurden. Die unterschiedliche Bewertung zeigt, wie weit die Sichtweisen von Brüssel und den Flughäfen auseinanderliegen. Während die Kommission den Betrieb als weitgehend stabil beschreibt, warnen die Betreiber vor einer Überlastung in den verkehrsreichen Monaten.
Zusätzlicher Druck auf den Luftverkehr
Die Probleme an den Grenzkontrollen treffen den europäischen Luftverkehr in einer ohnehin angespannten Lage. Hinzu kommen Warnungen vor möglichen Engpässen bei Flugzeugtreibstoff, sollte die für den Welthandel zentrale Straße von Hormus infolge des Kriegs im Nahen Osten blockiert werden. Die Europäische Kommission erklärte bereits am Dienstag, dass in einem solchen Fall kurzfristige Versorgungsprobleme nicht ausgeschlossen werden können. Damit würde sich der Druck auf den Luftverkehr zusätzlich erhöhen.
Das neue Grenzsystem gilt an Flughäfen in zahlreichen Ländern Europas, darunter Österreich, Belgien, Bulgarien, Estland, Spanien, Kroatien, Island, Italien, Griechenland, Lettland, Litauen, Liechtenstein, Luxemburg, die Niederlande, Malta, Norwegen, Polen, Portugal, Frankreich, Schweden, Rumänien, Deutschland, die Slowakei, Slowenien, Finnland, die Schweiz, Dänemark, Tschechien und Ungarn. Die Auswirkungen reichen damit weit über einzelne Standorte hinaus. Für Millionen Reisende in Europa hängt die Abfertigung nun stärker denn je davon ab, ob Technik, Personal und Abläufe an den Außengrenzen funktionieren.
Deutschlands Drehkreuze unter besonderem Druck
Für Deutschland ist die Entwicklung von besonderer Bedeutung, weil große Flughäfen wie Frankfurt und München zu den wichtigsten Drehscheiben des europäischen Luftverkehrs zählen. Wenn sich die Probleme bei Registrierung, IT und Personal fortsetzen, dürfte das nicht nur Urlaubsreisen belasten, sondern auch Geschäftsverkehr und internationale Verbindungen treffen.
Gerade für die exportorientierte deutsche Wirtschaft ist ein verlässlicher Luftverkehr ein wichtiger Standortfaktor. Umso entscheidender wird es sein, dass das neue Grenzsystem in den kommenden Monaten stabil läuft und sich die Engpässe an den Flughäfen nicht weiter verschärfen.
