Silicon Valley im Bann der KI-Wende
Im Silicon Valley verdichten sich die Hinweise auf einen tiefen Wandel der Tech-Branche. Allan Thygesen, einer der höchstplatzierten Dänen in der amerikanischen Technologiewelt, beschreibt eine Entwicklung, die weit über neue Produkte hinausgeht.
Seit 40 Jahren verfolgt Thygesen die Dynamik an der amerikanischen Westküste aus nächster Nähe. In einem großen Interview im Umfeld des jährlichen Spitzentreffens von McKinsey und Børsen nennt er drei Themen, die derzeit nahezu jedes Gespräch prägen.
Zum einen geht es um die Zukunft der Softwareindustrie und die Frage, ob das bisherige Modell ins Wanken gerät. Zum anderen verschieben sich die Machtverhältnisse unter den führenden KI-Konzernen in atemberaubendem Tempo. Hinzu kommt eine noch größere Sorge. Künstliche Intelligenz könnte einen gesellschaftlichen Umbruch auslösen, der schneller und tiefer greift als die Globalisierung.
Der Mann hinter den Warnungen
„Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gesehen“, hatte Thygesen bereits vor neun Monaten erklärt. Inzwischen sei seine Einschätzung noch deutlicher geworden. „Es geht noch schneller, als ich es mir vorgestellt hatte“, sagt der Vorstandschef von Docusign.
Das Unternehmen mit Sitz in San Francisco beschäftigt 7000 Mitarbeiter. Es erzielt einen Umsatz von rund 20 Milliarden dänischen Kronen, also etwa 2,68 Milliarden Euro, und ist vor allem für elektronische Verträge und digitale Signaturen bekannt.
Thygesen verbrachte zuvor zwölf Jahre in der Führung von Google. Dort war er zeitweise für einen Umsatz von mehr als 600 Milliarden dänischen Kronen verantwortlich, umgerechnet rund 80,3 Milliarden Euro. Heute sitzt er zudem im Aufsichtsrat von Maersk. Seine Aussagen gelten deshalb als Einblick aus dem inneren Machtzentrum der globalen Tech-Industrie.
Softwaremodelle geraten ins Wanken
Im Zentrum vieler Gespräche steht ein Begriff, der im Silicon Valley immer häufiger fällt. Gemeint ist „Saaspocalypse“, eine Wortschöpfung aus SaaS und Apokalypse. Dahinter steht die Vorstellung, dass das bisherige Softwaremodell unter dem Druck der KI zerbricht.
SaaS steht für Software as a Service. Gemeint sind standardisierte Programme, wie sie Unternehmen seit Jahren für Vertrieb, Kundenmanagement, Buchhaltung oder Personalwesen einsetzen. „Softwareentwicklung war weltweit eine der größten Begrenzungen. Unternehmen konnten nicht genug Ingenieure einstellen und nicht alle ihre Projekte umsetzen. Diese Begrenzung verschwindet gerade“, sagt Allan Thygesen.
Aus seiner Sicht eröffnet das die Möglichkeit, Werkzeuge und Systeme von Grund auf neu zu denken. Damit gerät ein Markt unter Druck, der die Unternehmenssoftware seit rund zwei Jahrzehnten geprägt hat.
Wenn KI die Programmierung verändert
Bislang waren Unternehmen auf viele getrennte IT-Systeme angewiesen, die jeweils nur einzelne Aufgaben abdeckten. Künftig könnten KI-Modelle jedoch dazu führen, dass Firmen Anwendungen deutlich leichter selbst entwickeln. Damit würde sich nicht nur die Art verändern, wie Software entsteht. Auch die Rolle klassischer Anbieter könnte sich grundlegend verschieben, wenn Standardlösungen an Gewicht verlieren.
Nach Thygesens Worten geht es am Ende um eine mögliche Disruption von Werten in Billionenhöhe. Gemeint ist damit kein gewöhnliches technisches Update, sondern ein tiefer Eingriff in bestehende Geschäftsmodelle und Marktpositionen.
Gerade deshalb wird im Silicon Valley nicht nur über neue Anwendungen gesprochen. Im Kern geht es um die Frage, welche Anbieter in einer KI-getriebenen Softwarewelt ihre Stellung behaupten können.
Die Börse reagiert mit Unruhe
Die Unsicherheit über diese Entwicklung hat längst auch die Aktienmärkte erreicht. Große und traditionsreiche Softwarewerte gerieten unter Druck, weil Investoren fürchteten, dass künstliche Intelligenz klassische SaaS-Anbieter entwerten könnte.
„Viele von denen, die am dichtesten an KI arbeiten, erlebten im November oder Dezember vergangenen Jahres einen Wendepunkt“, sagt Thygesen. Er verweist auf ein neues Modell von Anthropic, das in der Branche große Aufmerksamkeit ausgelöst habe.
Zur Erklärung zieht er den Vergleich mit Spielen wie Schach. Der entscheidende Fortschritt sei dort in dem Moment gekommen, als Systeme selbstständig Varianten durchspielen, Ergebnisse bewerten und sich in Echtzeit verbessern konnten. Genau dieser Mechanismus erfasse nun auch die Softwareentwicklung. Das erklärt, warum die Nervosität in der Branche zuletzt deutlich zugenommen hat.
Nicht alle glauben an den Kollaps
Nicht alle teilen allerdings diese düstere Diagnose. Christian Klein, Vorstandschef des Softwarekonzerns SAP, hat der Vorstellung eines bevorstehenden Zusammenbruchs der Branche klar widersprochen. Seine These lautet, dass Software nicht durch KI ersetzt werde, sondern künftig schlicht deutlich mehr leisten müsse. Die bestehende Branche werde also nicht ausgelöscht, sondern in rasantem Tempo umgebaut.
Thygesen selbst neigt eher dieser Sichtweise zu. Er hält die Theorie einer vollständigen „Saaspocalypse“ für überzogen, räumt aber ein, dass der Druck auf die Branche real ist. Das gelte für Docusign ebenso wie für Microsoft, Salesforce und andere Konzerne. Die Branche stehe nicht vor dem Verschwinden, aber sehr wohl vor einer Phase tiefgreifender Anpassung.
Der Machtkampf an der Spitze
Ein zweites großes Thema ist der Machtkampf unter den führenden Technologieunternehmen. Anthropic, OpenAI, Google und weitere Konzerne liefern sich derzeit ein Rennen, dessen Dynamik nach Thygesens Einschätzung außergewöhnlich hoch ist. „Alle lieben ein Rennen. Im Moment ändert sich die Dynamik extrem schnell“, sagt er. Als Beispiel nennt er Google, das nach dem Start von ChatGPT von vielen schon abgeschrieben worden sei.
Diese Einschätzung habe sich jedoch als voreilig erwiesen. „Aber so ist es nicht gekommen. Jetzt ist Google stark zurück.“ Gerade im Silicon Valley könne sich ein Rückstand binnen kurzer Zeit wieder in einen Vorsprung verwandeln. Besonders sichtbar werde das am Verhältnis zwischen Anthropic und OpenAI. Dort könne sich die Rangordnung schon nach dem nächsten Modellwechsel erneut verschieben.
Bewertungen auf unsicherem Fundament
Dabei nennt Thygesen eine auffällige Zahl. Anthropic sei von null Umsatz im Januar 2024 auf mittlerweile fast 200 Milliarden dänische Kronen Jahresumsatz gestiegen, also rund 26,8 Milliarden Euro. Das verdeutliche, wie schnell sich das Kräfteverhältnis in der Branche verändern kann. Was heute nach Marktführerschaft aussieht, kann schon kurze Zeit später wieder infrage stehen.
Gleichzeitig mehren sich Zweifel, ob die Bewertung von OpenAI mit rund 6000 Milliarden dänischen Kronen, also etwa 802,8 Milliarden Euro, dauerhaft haltbar ist. Schon ein Strategiewechsel oder ein neues Modell könnte das Bild verändern.
Der Wettbewerb dreht sich deshalb nicht nur um technologische Qualität. Es geht ebenso um Marktvertrauen, Unternehmenskunden und die Fähigkeit, hohe Erwartungen immer wieder neu zu erfüllen.
KI als größerer Einschnitt als die Globalisierung
Noch weitreichender als der Wettbewerb unter den Konzernen ist aus Thygesens Sicht die gesellschaftliche Dimension der KI-Revolution. Für ihn steht außer Frage, dass künstliche Intelligenz die Produktivität deutlich steigern wird.
Zugleich rechnet er mit politischen und sozialen Spannungen. „Alle können sehen, wie schnell sich KI entwickelt und wie tief sie in Prozesse eingreifen wird. Das wird einen großen Produktivitätsschub bringen, aber es wird auch gesellschaftliche Anpassungen erfordern“, sagt er.
Aus seiner Sicht könnte die Wirkung dieser Entwicklung größer sein als jene der Globalisierung. Die Globalisierung habe sich über Jahrzehnte entfaltet, während KI in wenigen Jahren tief in Berufe, Abläufe und Wertschöpfung eingreifen könne. Denn diesmal geht es nicht nur um die Verlagerung von Arbeit. Es geht um die Veränderung von Tätigkeiten, Berufsbildern und Qualifikationen selbst.
Die Folgen reichen weit über Tech hinaus
„Ich bin skeptisch, was Untergangsszenarien angeht. Aber ich bin nicht skeptisch, was die tiefen Folgen von KI für die Gesellschaft betrifft“, sagt Thygesen. Im Silicon Valley kreist die Debatte deshalb längst nicht mehr nur um Wachstum und Marktanteile. Sie dreht sich inzwischen ebenso um Akzeptanz, Regulierung und mögliche Gegenreaktionen in der Öffentlichkeit. Auch große KI-Unternehmen scheinen diese Gefahr ernst zu nehmen.
Damit verschiebt sich auch der politische Fokus. Es geht nicht mehr nur um Innovationsförderung, sondern zunehmend um die Frage, wie Gesellschaften die Geschwindigkeit des Wandels überhaupt noch verarbeiten können. Für Unternehmen bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Sie müssen technologisch Schritt halten und zugleich die sozialen Folgen eines schnellen Umbruchs bewältigen.
Roboter rücken in den Alltag vor
Trotz aller Risiken bleibt Thygesen optimistisch, wenn es um das Potenzial künstlicher Intelligenz geht. Nach seiner Einschätzung ist die aktuelle Euphorie nicht nur ein kurzfristiger Hype, sondern Ausdruck eines tiefen technologischen Umbruchs.
Er verweist darauf, dass er seit seinem Umzug in die USA im Jahr 1986 mehrere technologische Revolutionen aus nächster Nähe erlebt habe. Viele Begriffe, die heute selbstverständlich seien, habe es damals noch gar nicht gegeben.
Neben dem Umbau der Softwarewelt erwartet er vor allem einen Schub bei intelligenten Robotern. „Eines der markantesten Phänomene wird die Verbreitung intelligenter Roboter in ganz unterschiedlichen Formen sein.“ Gemeint sind nicht nur bessere Haushaltsgeräte, sondern auch wesentlich leistungsfähigere Roboter in der Industrie und im Büro. KI würde damit immer stärker in die physische Welt hineinwirken.
Die Medizin wird persönlicher
Ein zweites Feld sieht Thygesen in der Medizin. Künstliche Intelligenz werde dort dazu beitragen, Behandlungen viel stärker auf den einzelnen Patienten zuzuschneiden. Diese Entwicklung liege zwar noch etwas weiter in der Zukunft, habe aber bereits begonnen. Nach seiner Einschätzung könnte die Medizin an einen Punkt gelangen, an dem DNA-Sequenzierung und gezielte Therapien wesentlich enger miteinander verbunden werden.
Behandlungen würden dann nicht mehr nur allgemein auf Krankheitsbilder reagieren. Sie könnten deutlich präziser auf die genetische Struktur des einzelnen Patienten abgestimmt werden. Das Ergebnis wäre eine Medizin, die wesentlich individualisierter arbeitet als bisher. KI wäre dabei nicht der alleinige Treiber, würde diese Entwicklung aber erheblich beschleunigen.
Wann der Produktivitätsschub sichtbar wird
Eine der entscheidenden Fragen lautet derzeit, wie schnell sich diese Veränderungen in der Gesamtwirtschaft niederschlagen werden. Während sich die Technologie rasant weiterentwickelt, tun sich viele Unternehmen noch schwer damit, die neuen Möglichkeiten in messbare Produktivitätsgewinne zu übersetzen.
Thygesen verweist darauf, dass einige Branchen bereits weit vorangeschritten seien. Vor allem Banken und Versicherer bewegten sich in diesem Feld schnell, während andere noch vor allem experimentierten.
Seiner Einschätzung nach dürften erste makroökonomische Effekte innerhalb der nächsten Jahre sichtbar werden. Zur Einordnung erinnert er an seine frühen Berufsjahre bei dem dänischen Unternehmen Radiometer. Damals habe er Budgets noch mit einem Tischrechner und Papierrolle erstellt. Erst mit dem ersten PC und der Tabellenkalkulation Visicalc sei ein massiver Produktivitätsschub möglich geworden.
Viele Unternehmen stehen noch am Anfang
Dieser Fortschritt habe sich jedoch nicht sofort in der Breite gezeigt. Genau dieselbe Verzögerung sieht Thygesen heute erneut, obwohl sich die Technologie bereits mit hohem Tempo weiterentwickelt. Kurzfristig würden viele Menschen die Geschwindigkeit technologischer Umbrüche überschätzen. Langfristig werde ihr tatsächliches Ausmaß jedoch häufig unterschätzt.
„Das wird tiefe Konsequenzen haben“, sagt er. „Vor allem für Wissensarbeit.“ Selbst wenn die technologische Entwicklung an diesem Punkt stoppen würde, wäre die Wirkung auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt bereits tiefgreifend.
Viele Unternehmen befinden sich nach seiner Einschätzung noch in einer frühen Phase. Sie testen neue Anwendungen, haben ihre Strukturen aber noch nicht wirklich auf die neue Technologie ausgerichtet.
Deutschland gerät unter Zugzwang
Thygesen verbindet seine Analyse mit einer klaren Warnung in Richtung Europa. Im vergangenen Jahr reiste er sechs Mal nach Europa, im Jahr davor ebenfalls sechs Mal. Aus diesen Reisen habe sich für ihn ein eindeutiger Eindruck ergeben.
„Silicon Valley ist wohl ein paar Jahre vor dem, was in Europa geschieht.“ Genau darin liegt auch die wirtschaftspolitische Brisanz seiner Aussagen. Für Deutschland ist das besonders relevant. Die Bundesrepublik verfügt über eine starke Industrie, einen exportorientierten Mittelstand und eine breite Basis wissensintensiver Arbeit.
Gerade deshalb dürfte der Einfluss von KI auf Produktivität, Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit hier besonders tief reichen. Wenn deutsche Unternehmen die Technologie schneller in Industrie, Verwaltung, Medizin und Dienstleistungen integrieren, könnte daraus ein erheblicher Innovationsschub entstehen.
