Trump zwischen Machtwahn und Iran-Krieg
Militärisch wie diplomatisch ist der Krieg zwischen dem Iran und den USA festgefahren. Keine Seite hält in diesem Pokerspiel die entscheidenden Karten in der Hand. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Stabilität der Weltwirtschaft.
Trumps mentaler Zustand ist womöglich das gefährlichste Element im Krieg im Iran. Der amerikanische Präsident wird inzwischen als Mann beschrieben, der sich nahezu krankhaft darauf fixiert, als eine der mächtigsten Figuren der Weltgeschichte in Erinnerung zu bleiben. Andere Erwägungen treten dahinter offenbar zurück.
Dem Präsidenten steht ein iranischer Führer gegenüber, der noch unbeugsamer wirkt als sein Vorgänger und Vater, Ajatollah Ali Khamenei. Dieser wurde am ersten Tag des Krieges getötet. Damit treffen zwei Machtapparate aufeinander, die kaum Spielraum für Nachgeben erkennen lassen.
Das Pokerspiel am Golf
In dem tödlichen Pokerspiel am Golf besitzt keine Seite das entscheidende Blatt. Die massive militärische Übermacht der USA reicht nicht aus, um eine religiöse und militärische Autokratie zu brechen. Zugleich kann die Blockade der Straße von Hormus durch den Iran binnen weniger Wochen eine globale Rezession auslösen.
Am Montag nahmen beide Seiten den Beschuss wieder auf, wenn auch in begrenztem Umfang. Das muss nicht zwingend als Bruch des Waffenstillstands verstanden werden. Es kann auch ein Test jener fragilen Feuerpause gewesen sein, die nun seit knapp einem Monat anhält.
Eine Quelle im Weißen Haus sagte gegenüber The Atlantic über Präsident Trump, dieser habe zuletzt darüber gesprochen, "dass er die mächtigste Person ist, die je gelebt hat". Der Satz verweist auf eine Selbstwahrnehmung, die in der aktuellen Lage weit über innenpolitische Eitelkeit hinausgeht.
Keine Seite hat derzeit ein unmittelbares Interesse an einem großen Krieg. Eine diplomatische Lösung für den Krieg, den die USA und Israel am 28. Februar begonnen haben, wirkt dennoch kaum erreichbar. Der Iran ist weit davon entfernt, die Forderungen Washingtons nach freier Schifffahrt in der Straße von Hormus und nach einer Stilllegung seiner Raketen- und Atomprogramme zu erfüllen.
Trumps Wille zur historischen Größe
Damit rückt erneut die Macht des amerikanischen Oberbefehlshabers in den Mittelpunkt. Donald Trump will sich laut einem ausführlichen Porträt des renommierten Magazins The Atlantic nicht länger damit begnügen, in einer Reihe mit Abraham Lincoln und George Washington genannt zu werden. Er strebt offenbar nach einem Vergleich mit Napoleon, Julius Cäsar und Alexander dem Großen.
Diese Männer waren nach den Worten des in The Atlantic zitierten Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel "welthistorische Individuen". Sie veränderten den Lauf der Menschheit und wurden zu ihrer Zeit für die Zerstörung von Normen verurteilt. Hegel sah in ihnen "praktische, politische Männer", deren Handeln moralische Empörung hervorrief.
Nach Angaben von Quellen aus Trumps Umfeld sieht sich der Präsident inzwischen in der Reihe solcher Herrscher. Schlechte Umfragewerte und die tiefe Unzufriedenheit mit seiner Wirtschaftspolitik verlieren vor diesem Hintergrund an Gewicht. Sie erscheinen nur noch als störende Begleitgeräusche einer größeren Selbstinszenierung.
Eine Quelle aus Trumps Nähe formulierte es gegenüber The Atlantic so, dass Trump als derjenige in Erinnerung bleiben wolle, "der Dinge getan hat, zu denen andere Menschen nicht fähig waren, allein durch seine Kraft und seinen Willen". Der Satz beschreibt einen politischen Stil, in dem persönliche Entschlossenheit wichtiger wird als strategische Abwägung.
Ein Weißes Haus ohne Widerspruch
Wie politische Beobachter in den USA seit Langem betonen, interessiert Trump kaum, wer vor ihm kam. Ebenso wenig richtet er seinen Blick auf jene, die ihm bei den Republikanern folgen könnten. Die Partei war für ihn vor allem die Plattform seiner eigenen Maga-Bewegung.
Im Weißen Haus wagt kaum jemand offenen Widerspruch. Wer sich gegen Trump stellt, riskiert den schnellen Machtverlust. Zuletzt mussten gleich drei Minister erleben, wie rasch sich der politische Boden unter ihnen öffnen kann.
Trump verfügt über die stärkste Militärmacht der Welt. Ihm gegenüber steht nun ein neuer geistlicher Führer des Iran. Mojtaba Khamenei, der Sohn Ali Khameneis, wurde bei jenem Angriff schwer verletzt, bei dem sein Vater, seine Mutter und weitere Familienmitglieder getötet wurden.
Seitdem hat die Öffentlichkeit Mojtaba Khamenei weder gesehen noch gehört. Er wurde von einer Gruppe religiöser Führer ernannt. In der vergangenen Woche wurde jedoch eine Erklärung veröffentlicht, die auf eine noch härtere Linie schließen lässt als jene seines verstorbenen Vaters.
Der Iran verschärft den Kurs
Die Botschaft aus Teheran ist unmissverständlich. Zugeständnisse beim iranischen Atomprogramm oder beim Raketenprogramm soll es nicht geben. Auch eine fortgesetzte amerikanische Präsenz im Nahen Osten will der Iran nicht akzeptieren.
Soll dies als Forderung nach einer Schließung der zahlreichen amerikanischen Stützpunkte in den Golfstaaten verstanden werden, ist sie unerfüllbar. Gleiches gilt für Khameneis Anspruch, die Zeit der freien Passage durch die Straße von Hormus sei vorbei. Teheran wird dieses Druckmittel nicht freiwillig aus der Hand geben.
Ob Mojtaba Khameneis harte Linie tatsächlich seine eigene ist, bleibt offen. Viele Insider gehen davon aus, dass die Revolutionsgarden faktisch die Kontrolle über den Iran übernommen haben. Ebenso möglich ist, dass Khamenei begonnen hat, die Rolle des obersten Führers selbst auszufüllen. Die Signale aus Teheran bleiben spärlich.
Entscheidend ist jedoch das Ergebnis. Zwei unversöhnliche Führer stehen sich gegenüber, und keiner will zuerst nachgeben. Trump rief einen einseitigen Waffenstillstand aus, den der Iran nicht offiziell beantwortete, dem Teheran zunächst aber folgte.
Hormus bleibt der entscheidende Hebel
Diese fragile Lage hielt bis Montag. Dann wurden erneut iranische Drohnen und Raketen auf einige wenige Schiffe und Ziele in den Vereinigten Arabischen Emiraten abgefeuert. Der Vorfall zeigte, wie schnell der scheinbare Stillstand wieder in militärische Dynamik umschlagen kann.
Trump will nun nicht erneut zurückweichen. Er setzt darauf, dass der Iran wirtschaftlich unter dem Druck zusammenbricht. Teheran wiederum glaubt, über ausreichend starke Karten zu verfügen, damit Washington zuerst einlenkt, gedrängt von den wirtschaftlich schwer getroffenen Ländern in Europa, Asien und Afrika.
Am Dienstag blieb die Lage zumindest vorerst unter Kontrolle. Die bewaffneten Feindseligkeiten eskalierten nicht weiter. Der Rohölpreis gab leicht nach, während die Aktienmärkte überwiegend zulegten.
In den USA sprach Trump unterdessen eineinhalb Stunden lang und blendete den Krieg fast vollständig aus. Stattdessen wechselte er wie gewohnt durch eine Reihe sachlich kaum verbundener Themen. Die rekordhohen Benzinpreise in den USA würden bald sinken und seien nicht entscheidend, so lässt sich seine Botschaft zusammenfassen.
Die Märkte finden neue Formeln
Unabhängig vom Preis an den Zapfsäulen wächst für die Republikaner der Druck vor den Zwischenwahlen zum Kongress am 3. November. Damit geraten auch Trumps politische Handlungsspielräume für die kommenden zwei Jahre in Gefahr. Außenpolitische Eskalation und innenpolitische Schwäche greifen zunehmend ineinander.
Die Finanzwelt hat dafür bereits neue Kürzel gefunden. Taco, "Trump always chickens out", wird nun durch Nacho ergänzt, "Not a chance Hormuz opens". Hinter dem Spott steht eine nüchterne Warnung. Solange die Straße von Hormus blockiert bleibt, ist der Krieg nicht beendet, sondern nur eingefroren.

