Politik

Großbritannien: Labour verliert, Reform UK gewinnt - trotzdem hält Starmer am Amt fest

Der angezählte britische Premierminister Keir Starmer bemüht sich nach den historisch schlechten Wahlergebnissen bei den Kommunalwahlen um Schadensbegrenzung. Indes sieht er sich mit lauter werdender Kritik aus den eigenen Reihen konfrontiert. Nach dem Wahldebakel setzt er verstärkt auf die Wiederannäherung an die EU.
12.05.2026 17:45
Lesezeit: 4 min

Update: Zahlreiche Abgeordnete stellen sich hinter Premier Starmer

Nach einigen Rücktrittsaufforderungen sichern zahlreiche Labour-Abgeordnete dem britischen Premierminister Keir Starmer Berichten zufolge ihre Unterstützung zu. Mehr als 100 Abgeordnete sollen in einer Erklärung, die britischen Medien vorliegt, den Verbleib Starmers im Amt unterstützt haben. Die Namen der Abgeordneten waren zunächst nicht bekannt. Die Partei müsse das Vertrauen der Wählerschaft zurückgewinnen und habe deshalb eine schwere Aufgabe vor sich, heißt es darin der Nachrichtenagentur PA zufolge. "Diese Aufgabe muss heute beginnen – indem wir alle zusammenarbeiten, um den Wandel herbeizuführen, den das Land braucht. (...) Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für einen Führungsstreit."

Dutzende Labour-Abgeordnete hatten nach den desaströsen Ergebnissen bei den Kommunal- und Regionalwahlen den Rücktritt des Regierungschefs gefordert, auch aus seinem Kabinett kamen in der Nacht auf Dienstag entsprechende Signale.

Trotz dieser Forderungen hält Starmer an seinem Amt fest. Seine Partei habe ein Verfahren zur Absetzung des Vorsitzenden, dieses sei aber nicht eingeleitet worden, sagte der Labour-Politiker Regierungsangaben zufolge während einer kritischen Kabinettssitzung am Morgen. Auch mehrere Minister stellten sich nach der Sitzung hinter den Premier.

Krisensitzung in der Downing Street

Der britische Premierminister Keir Starmer steht nach einer Nacht voller Krisensitzungen massiv unter Druck. Mit Innenministerin Shabana Mahmood und Außenministerin Yvette Cooper sollen dem 63-Jährigen gleich zwei ranghohe Ministerinnen geraten haben, einen Zeitplan für seinen Rücktritt vorzulegen. Vor der entscheidenden Kabinettssitzung am Vormittag gehen mehrere britische Medien von einem Abschied aus.

Labour verliert, Reform UK gewinnt - Rücktrittsforderungen nach Wahldebakel

Nach dem für seine Labour-Partei desaströsen Wahldebakel bei den Regional- und Kommunalwahlen in Großbritannien versucht sich der britische Premierminister Keir Starmer über Wasser zu halten.

Bei den Wahlen am Donnerstag fuhren die Sozialdemokraten historische Verluste ein. Bei der Kommunalwahl in England gingen etwa über 1.400 Mandate in kommunalen Gremien verloren. Profitieren konnte davon in erster Linie die rechtspopulistische Partei Reform UK von Brexit-Vorkämpfer Nigel Farage, die aus dem Stand mehr als 1.400 Sitze errang.

Besonders bitter wurde es für den Premierminister in Wales - einer jahrzehntelangen Labour-Hochburg. Erstmals wurde Labour nicht stärkste Kraft und rutschte hinter der Unabhängigkeitspartei Plaid Cymru und Reform UK sogar nur auf Platz drei.

Als erste Maßnahme zur Schadensbekämpfung berief Starmer am Samstag den Ex-Premierminister Gordon Brown in die Regierung - und heimste sich dafür direkt Kritik ein. Auch Rufe aus den eigenen Reihen nach einem Abgang des Premiers werden lauter.

Rayner: "Was wir tun, funktioniert nicht"

Zwar keine Rücktrittsaufforderung, aber eine deutliche Warnung kam auch von Ex-Vizeregierungschefin Angela Rayner. Sie wird als eine der möglichen Kandidatinnen im Falle eines Abgangs von Starmer gehandelt. Starmer müsse jetzt "zügig Maßnahmen ergreifen, die das Leben der Menschen spürbar verbessern, forderte Rayner britischen Medien zufolge in einer Erklärung. "Wir laufen Gefahr, zu einer Partei der Wohlhabenden zu werden und nicht mehr der arbeitenden Menschen."

Rayner trat im September 2025 nach einer Steueraffäre zurück, darauf folgte eine Umbildung von Starmers Kabinett.

"Was wir tun, funktioniert nicht, und das muss sich ändern. Dies könnte unsere letzte Chance sein", warnte sie nun. Dabei kritisierte Rayner auch die Entscheidung Starmers, Manchesters Bürgermeister Andy Burnham an der Rückkehr ins Parlament zu hindern. Labour müsse jetzt "seine besten Leute ins Parlament bringen".

Auch Burnham werden Ambitionen als möglicher Nachfolger Starmers nachgesagt, teils wird er dabei sogar als Favorit gehandelt. Burnham wollte vor wenigen Monaten bei einer Nachwahl für einen Sitz im Parlament antreten, dies wurde ihm aber vom Führungsgremium der Partei verweigert.

Labour-Abgeordnete stellt Ultimatum

Bereits vor den Wahlen sah sich der britische Premier mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Leere Staatskassen, geringes Wirtschaftswachstum und steigende Lebenshaltungskosten setzten ihm zu, hinzu kamen gescheiterte Reformprojekte und Skandale. Nun, unter dem Eindruck des Wahlschocks, wächst auch bei Labour-Hinterbänklern die Unzufriedenheit deutlich.

Die Abgeordnete Catherine West wandte sich etwa mit einem Ultimatum an ihre Partei. Bis Montag solle das Kabinett einen Nachfolger für Starmer vorschlagen - ansonsten wolle sie selbst eine Führungswahl anstoßen, sagte West am Wochenende der BBC.

Als Premierminister kann Starmer nicht abgewählt werden, wohl aber als Parteichef. Aktuell gilt zudem der Mangel an einer geeigneten Kandidatin oder einem Kandidaten als stärkstes Argument für einen Verbleib Starmers im Amt.

Die Erfolgsaussichten von Wests Vorhaben dürften allerdings gering sein: Wer einen Labour-Vorsitzenden ablösen will, muss von mindestens 20 Prozent der Abgeordneten im Unterhaus unterstützt werden, derzeit sind das 81. Davon ist West Berichten zufolge weit entfernt. Zunächst wolle sie jedoch ohnehin eine mit Spannung erwartete Rede von Starmer am Montag abwarten, bevor sie sich auf die Suche nach Unterstützern mache, erklärte West der BBC.

Auch der Abgeordnete Josh Simons - ein ehemaliger Starmer-Anhänger - forderte seinen Rücktritt. "Er hat das Land verloren", schrieb Simons in der Zeitung «The Times». Ohne neue Führung bestehe das Risiko «Farage die Schlüssel zur Downing Street» übergeben zu müssen.

Bisher wies Starmer jegliche Rücktrittsforderungen zurück. Am Freitag nach den Wahlen kündigte er stattdessen an, Schritte vorzulegen, um den bei der Parlamentswahl 2024 versprochenen Wandel herbeizuführen.

Kritik an Ernennung von Gordon Brown

Eine Maßnahme folgte bereits am Samstag mit der Ernennung von Ex-Premier Brown als Sondergesandter für globale Finanzfragen. Brown sei bestens dafür geeignet, "gemeinsam mit unseren internationalen Verbündeten daran zu arbeiten, ein stärkeres Großbritannien aufzubauen und die Sicherheit sowie Widerstandsfähigkeit unseres Landes zu stärken", schrieb Starmer auf X. Brown war von 2007 bis 2010 britischer Regierungschef, zuvor hatte er ein Jahrzehnt unter Ex-Premier Tony Blair als Schatzkanzler gedient.

Der Schritt traf jedoch auch in den eigenen Reihen teils auf Kritik und wurde etwa als wenig zielführend für den Weg aus der Krise angesehen. Die BBC zitierte etwa einen nicht namentlich genannten Labour-Abgeordneten: Die Ernennung Browns zeige, dass Starmer weder ein Verständnis für das Problem, geschweige denn die Lösung habe.

Annäherung an die EU als Mittel im Kampf gegen den Rechtsdruck?

Der angezählte britische Premierminister Keir Starmer sucht nach dem Wahldebakel für seine Labour-Partei verstärkt die Wiederannäherung an die EU. Seine Regierung werde dadurch definiert werden, dass Großbritannien wieder ins Herz von Europa rücke, sagte Starmer in einer Krisenansprache am Vormittag. "Damit wir wirtschaftlich, im Handel und in der Verteidigung stärker werden."

Als Beispiel nannte Starmer ein Jugendaustauschprogramm (Youth Experience Scheme), das dem Premier zufolge "im Mittelpunkt unserer neuen Vereinbarung mit der EU" stehen soll. Das Programm sieht vor, dass junge Menschen aus der EU wieder einfacher für begrenzte Zeit im Vereinigten Königreich leben, arbeiten und studieren können und umgekehrt.

Die schrittweise Wiederannäherung an die Europäische Union hatte Starmer bereits in den vergangenen Monaten verfolgt. Bei einem Gipfeltreffen der Briten mit der EU-Spitze sollen in diesem Sommer weitere Maßnahmen beschlossen werden. Eine vollständige Rückkehr in die Zollunion hat die britische Regierung bislang ausgeschlossen.

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