Wirtschaft

Ölreserven unter Druck: Wie lange reichen die globalen Vorräte noch?

Die Märkte bleiben ruhig, obwohl ein erheblicher Teil der globalen Ölproduktion ausfällt. Der Grund sind die Ölreserven, doch dieser Puffer ist groß, aber nicht unbegrenzt.
26.05.2026 16:01
Lesezeit: 3 min
Ölreserven unter Druck: Wie lange reichen die globalen Vorräte noch?
Während des Irankriegs ist fast ein Zehntel der weltweiten Ölproduktion zum Erliegen gekommen. Die Frage bleibt, wann die weltweiten Ölreserven ausgehen. (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Weltwirtschaft lebt von Ölreserven

Hätte zu Jahresbeginn jemand gesagt, dass fast ein Zehntel der weltweiten Ölproduktion ausfallen würde, hätte man sich eine schwere Krise vorgestellt. Zumindest aber eine Welle der Angst. Stattdessen herrscht relative Ruhe. Der Grund sind die Vorräte.

Die Verbraucher blicken insgesamt mit großer Gelassenheit auf die wirtschaftliche Lage. Die jüngsten monatlichen Daten zur Verbraucherstimmung zeigen, dass sich die Laune im Mai deutlich verbessert hat und etwa wieder dem Niveau vom Jahresanfang entspricht. Die Inflationssorgen sind weitgehend verschwunden, die Perspektiven des Landes werden recht positiv eingeschätzt, die eigene finanzielle Lage sogar noch besser.

An den Börsen ist das Bild ähnlich. Die Aktienkurse liegen im Schnitt 13 Prozent höher als zu Jahresbeginn und sogar drei Prozent höher als Ende April, so das polnische Finanzportal Puls Biznesu. Der einzige Markt, an dem Sorgen über die Folgen der Sperrung der Straße von Hormus sichtbar werden, ist der Anleihemarkt. Dort fallen die Kurse, während die Renditen steigen.

Ausfall von zehn Prozent der Öllieferungen

Der Ausfall von rund einem Zehntel der Öllieferungen ist für die Weltwirtschaft jedoch ein enormes Problem. Etwa diese Menge wurde in den Staaten des Persischen Golfs durch die Blockade der Straße von Hormus aus der Produktion genommen. Weitere Ausfälle sind möglich.

Um die Bedeutung von zehn Prozent der weltweiten Öllieferungen einzuordnen, hilft der Blick auf die Pandemie. Etwa in dieser Größenordnung ging der globale Ölverbrauch im Jahr der COVID-19-Pandemie zurück.

Derzeit sinkt der weltweite Verbrauch jedoch kaum. Nach Schätzungen des US-Energieministeriums wird der Verbrauch ölbasierter Kraftstoffe im zweiten Quartal nur um 0,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Das ist überraschend, da zuvor ein stärkerer Nachfragerückgang erwartet worden war.

Die Welt lebt also fast ausschließlich von freigegebenen Reserven. Netto kommen täglich etwa 8,5 Millionen Barrel Öl und Kraftstoffe aus den Vorräten auf den Markt. Das bedeutet, dass die Welt in einem Monat rund drei Prozent ihrer gesamten Bestände verbraucht, die bei etwa 8,5 Milliarden Barrel liegen. Diese Vorräte wurden in den vergangenen zwei Jahren stark aufgebaut, besonders in China. Dadurch gibt es einen Sicherheitspuffer, der deutlich stärkere Preissprünge und Krisenerscheinungen bislang verhindert.

Wann wird der Puffer kritisch?

Erst kürzlich wurde bekannt, dass die amerikanischen Ölreserven innerhalb einer Woche so stark gefallen sind wie seit Anfang der 1980er-Jahre nicht mehr. Nach dieser Meldung kam es zu einem deutlichen Rückgang des Ölpreises, da der Markt sieht, wie viel Rohstoff aus den Vorräten freigegeben wird.

Sehr schwer zu sagen ist, wann diese Reserven als unzureichend gelten und Panik entsteht. Würde man die Welt als eine einzige Volkswirtschaft betrachten und Öl als Rohstoff mit einheitlichen Eigenschaften, dann läge ein kritisches Sicherheitsniveau theoretisch bei Vorräten für 60 bis 90 Tage Verbrauch. Bei solchen Ständen könnten immer mehr Eigentümer von Vorräten zweifeln, ob es sinnvoll ist, diese Bestände weiter auf den Markt zu bringen.

Derzeit liegt die Welt bei etwa 80 Tagen und sinkt mit einem Tempo von rund zwei Tagen pro Monat. Unter das kritische Sicherheitsniveau würde sie bis Jahresende fallen. Doch die Welt ist keine einheitliche Volkswirtschaft, und Öl hat je nach Region unterschiedliche Eigenschaften. Deshalb kann das Problem früher auftreten.

Das Problem besteht darin, dass die wichtigsten Politiker, oder genauer einer von ihnen, kaum Anreize haben, das Problem zu lösen, solange alle ruhig bleiben. Es ist ein Tauziehen. Die USA glauben, Iran durch die Blockade seiner Exporte aushungern zu können. Iran wartet darauf, dass ein Markteinbruch Donald Trump zu Zugeständnissen zwingt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Die Ökonomie der Aufmerksamkeit: Warum Unternehmen um jede Minute kämpfen

Im Internet ist Geld nicht länger die einzige Währung. Eine ebenso große Rolle spielt die Währung Aufmerksamkeit. Wer im Überfluss an...

DWN
Politik
Politik NATO-Verteidigungsausgaben: Wer für das neue Fünf-Prozent-Ziel zahlt
18.07.2026

Die NATO rüstet auf wie seit Jahrzehnten nicht mehr, doch zwischen den Mitgliedstaaten liegen Welten. Während Polen und die baltischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Das Maschinenherz Deutschlands kommt zum Stillstand: Das Problem ist größer als in der Automobilbranche
18.07.2026

In den meisten Ländern der Europäischen Union wächst die Maschinenproduktion dank einer Investitionswelle. Nicht so in Deutschland. Der...

DWN
Finanzen
Finanzen Marktbericht: „Böse Überraschung“, während der KI-Ausverkauf anhält
17.07.2026

Turbulenzen an den Märkten: Erfahren Sie, welche Kräfte den Technologiesektor jetzt bewegen und wie Experten die Lage einschätzen.

DWN
Politik
Politik Leihmutterschaft: CDU-Politiker fordert Spahns Rücktritt
17.07.2026

Die CDU ist strikt gegen eine Zulassung von Leihmutterschaften. Dass ihr Frontmann im Bundestag nun privat einen anderen Weg gegangen ist,...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Upvest: Der unsichtbare Riese hinter Revolut, N26 und Co.
17.07.2026

Die Schnittstellen-Technologie von Upvest etabliert sich zusehends zum Standard im europäischen Wertpapierhandel. Nach N26 und Revolut...

DWN
Finanzen
Finanzen Mercedes-Aktie: Autobauer investiert eine Milliarde Euro in Ungarn – Strategie gegen chinesische Konkurrenz?
17.07.2026

Mercedes hat eine Milliarde Euro in Ungarn investiert. Nach dem Ausbau soll das Werk in Kecskemét jährlich mehrere hunderttausend Autos...

DWN
Politik
Politik EU-Kritik an Deutschland: Mängel bei Pressefreiheit und Lobby-Transparenz
17.07.2026

Rüge aus Brüssel für die Bundesregierung: Im neuen Rechtsstaatsbericht bescheinigt die EU-Kommission Deutschland anhaltende Defizite....

DWN
Politik
Politik Bahn und Länder im Streit: Netzagentur erzwingt Platz für Fernverkehrs-Konkurrenz
17.07.2026

Ein Machtwort mit Folgen für das deutsche Schienennetz: Die Bundesnetzagentur zieht ihren vorläufigen Beschluss durch und verpflichtet...