Weltwirtschaft lebt von Ölreserven
Hätte zu Jahresbeginn jemand gesagt, dass fast ein Zehntel der weltweiten Ölproduktion ausfallen würde, hätte man sich eine schwere Krise vorgestellt. Zumindest aber eine Welle der Angst. Stattdessen herrscht relative Ruhe. Der Grund sind die Vorräte.
Die Verbraucher blicken insgesamt mit großer Gelassenheit auf die wirtschaftliche Lage. Die jüngsten monatlichen Daten zur Verbraucherstimmung zeigen, dass sich die Laune im Mai deutlich verbessert hat und etwa wieder dem Niveau vom Jahresanfang entspricht. Die Inflationssorgen sind weitgehend verschwunden, die Perspektiven des Landes werden recht positiv eingeschätzt, die eigene finanzielle Lage sogar noch besser.
An den Börsen ist das Bild ähnlich. Die Aktienkurse liegen im Schnitt 13 Prozent höher als zu Jahresbeginn und sogar drei Prozent höher als Ende April, so das polnische Finanzportal Puls Biznesu. Der einzige Markt, an dem Sorgen über die Folgen der Sperrung der Straße von Hormus sichtbar werden, ist der Anleihemarkt. Dort fallen die Kurse, während die Renditen steigen.
Ausfall von zehn Prozent der Öllieferungen
Der Ausfall von rund einem Zehntel der Öllieferungen ist für die Weltwirtschaft jedoch ein enormes Problem. Etwa diese Menge wurde in den Staaten des Persischen Golfs durch die Blockade der Straße von Hormus aus der Produktion genommen. Weitere Ausfälle sind möglich.
Um die Bedeutung von zehn Prozent der weltweiten Öllieferungen einzuordnen, hilft der Blick auf die Pandemie. Etwa in dieser Größenordnung ging der globale Ölverbrauch im Jahr der COVID-19-Pandemie zurück.
Derzeit sinkt der weltweite Verbrauch jedoch kaum. Nach Schätzungen des US-Energieministeriums wird der Verbrauch ölbasierter Kraftstoffe im zweiten Quartal nur um 0,1 Prozent unter dem Vorjahresniveau liegen. Das ist überraschend, da zuvor ein stärkerer Nachfragerückgang erwartet worden war.
Die Welt lebt also fast ausschließlich von freigegebenen Reserven. Netto kommen täglich etwa 8,5 Millionen Barrel Öl und Kraftstoffe aus den Vorräten auf den Markt. Das bedeutet, dass die Welt in einem Monat rund drei Prozent ihrer gesamten Bestände verbraucht, die bei etwa 8,5 Milliarden Barrel liegen. Diese Vorräte wurden in den vergangenen zwei Jahren stark aufgebaut, besonders in China. Dadurch gibt es einen Sicherheitspuffer, der deutlich stärkere Preissprünge und Krisenerscheinungen bislang verhindert.
Wann wird der Puffer kritisch?
Erst kürzlich wurde bekannt, dass die amerikanischen Ölreserven innerhalb einer Woche so stark gefallen sind wie seit Anfang der 1980er-Jahre nicht mehr. Nach dieser Meldung kam es zu einem deutlichen Rückgang des Ölpreises, da der Markt sieht, wie viel Rohstoff aus den Vorräten freigegeben wird.
Sehr schwer zu sagen ist, wann diese Reserven als unzureichend gelten und Panik entsteht. Würde man die Welt als eine einzige Volkswirtschaft betrachten und Öl als Rohstoff mit einheitlichen Eigenschaften, dann läge ein kritisches Sicherheitsniveau theoretisch bei Vorräten für 60 bis 90 Tage Verbrauch. Bei solchen Ständen könnten immer mehr Eigentümer von Vorräten zweifeln, ob es sinnvoll ist, diese Bestände weiter auf den Markt zu bringen.
Derzeit liegt die Welt bei etwa 80 Tagen und sinkt mit einem Tempo von rund zwei Tagen pro Monat. Unter das kritische Sicherheitsniveau würde sie bis Jahresende fallen. Doch die Welt ist keine einheitliche Volkswirtschaft, und Öl hat je nach Region unterschiedliche Eigenschaften. Deshalb kann das Problem früher auftreten.
Das Problem besteht darin, dass die wichtigsten Politiker, oder genauer einer von ihnen, kaum Anreize haben, das Problem zu lösen, solange alle ruhig bleiben. Es ist ein Tauziehen. Die USA glauben, Iran durch die Blockade seiner Exporte aushungern zu können. Iran wartet darauf, dass ein Markteinbruch Donald Trump zu Zugeständnissen zwingt.

