Rohstoffpreise geraten durch den Iran-Krieg massiv unter Druck
Auf den globalen Rohstoffmärkten haben der Krieg im Iran und die Blockade der Straße von Hormus einen historischen Schock ausgelöst. Nach Einschätzung von Marktbeobachtern handelt es sich um den bislang größten Ausfall beim Angebot von Öl und Ölprodukten. Die Folgen treffen nicht nur den Energiemarkt. Auch Metalle, Gold, Gas und Düngemittel geraten unter Druck. Das berichten unsere Kollegen von Finance.si.
Ein optimistisches Szenario geht davon aus, dass die Rohstoffpreise in diesem Jahr im Durchschnitt um 16 Prozent steigen. Deutlich schlechtere Szenarien würden eine mehrfach höhere Teuerung bedeuten. Entscheidend ist nun, wie schnell sich der Handel durch die Straße von Hormus normalisiert und ob die militärischen Schäden an Energie- und Transportinfrastruktur begrenzt bleiben. Nach Einschätzung der Weltbank könnten die aktuellen Störungen im Rohstoffhandel bis Ende Mai enden. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus würde sich dann bis Oktober schrittweise wieder dem Vorkriegsniveau annähern. In diesem Fall würden die durchschnittlichen Rohstoffpreise 2026 um 16 Prozent steigen. Der Energieindex läge 24 Prozent höher. Der Preis für Brent-Öl würde im Jahresdurchschnitt bei rund 74 Euro je Barrel liegen. Das wäre der erste jährliche Anstieg seit 2022. Die Preise lägen zugleich etwa 25 Prozent höher, als noch im Januar 2026 erwartet wurde.
Ein deutlich schlechteres Szenario bleibt nicht unrealistisch. Sollten sich die Kämpfe bis zu den US-Kongresswahlen oder bis zum Jahresende hinziehen, könnten die Rohstoffpreise erheblich stärker steigen. Einige Analysten gehen davon aus, dass eines der wichtigen Ziele Irans darin liegen könnte, die Partei von Donald Trump bei den Wahlen im November ihre Mehrheit im Kongress verlieren zu lassen.
Die Weltbank nennt zwei negative Szenarien. Im ersten Fall zieht sich der Krieg ohne zusätzliche größere Infrastrukturschäden hin. Im zweiten, besonders schweren Fall kommt es zu erheblichen weiteren Schäden. Im ersten Szenario läge der durchschnittliche Brent-Preis bei rund 82 Euro je Barrel, im zweiten bei rund 99 Euro.
Wie stark die Rohstoffpreise insgesamt in diesen beiden Fällen steigen würden, berechnet die Weltbank nicht. Eine mechanische Fortschreibung, bei der Energieträger etwa zwei Drittel der Rohstoffpreise bestimmen, deutet jedoch auf einen durchschnittlichen Anstieg von 23 bis 40 Prozent hin. Damit könnten sich auch die Weltbank-Prognosen für andere Rohstoffe als zu optimistisch erweisen.
Öl, Kupfer und Aluminium zeigen die Breite des Rohstoffschocks
Bei Brent-Öl lag der Handelspreis zuletzt bei rund 96 Euro je Barrel. Das waren 54 Prozent mehr als am Tag vor dem ersten Angriff der USA und Israels auf Iran in diesem Jahr und 83 Prozent mehr als zu Jahresbeginn. Der durchschnittliche Brent-Preis lag bereits bei rund 75 Euro je Barrel und damit über der durchschnittlichen Prognose der Weltbank für ihr Basisszenario im Gesamtjahr.
Der Rohstoffbericht der Weltbank betont zudem, dass die Schwankungen der Ölpreise in Phasen erhöhter geopolitischer Risiken etwa doppelt so stark ausfallen wie in ruhigeren Zeiten. Geopolitisch ausgelöste Angebotsschocks bei Öl wirken außerdem deutlich auf Erdgas- und Düngemittelpreise durch. "Nach unserem Basisszenario normalisieren sich die Ölströme aus dem Persischen Golf bis Ende Juni. Damit würden wir im vierten Quartal bei etwa 77 Euro je Barrel Brent landen. Klar ist jedoch, dass die Risiken nach oben zeigen", sagte Daan Struyven, Chef-Rohstoffanalyst von Goldman Sachs, gegenüber CNBC. "Jeder Monat Verzögerung im Prozess der Angebotsnormalisierung bedeutet ein mögliches Preisplus von rund neun Euro bis zum Jahresende", warnte er.
Den ersten Schock federten Staaten und Unternehmen durch die Freigabe strategischer Treibstoffreserven ab. Je länger diese Lage anhält, desto stärker wird die Nachfrage nach Öl und Ölprodukten durch deutlich höhere Preise zerstört. Nach Einschätzung des Analysten ist auch ein ernsteres Szenario nicht ausgeschlossen. Dann könnten selbst die USA gezwungen sein, den Export von Öl und Ölprodukten zu begrenzen. "Wenn der Lagerabbau im derzeitigen Tempo anhält, können wir kritisch niedrige Bestände, besonders bei Diesel, bereits im Spätsommer dieses Jahres erreichen, wahrscheinlich schon im August. Es ist nicht unmöglich, dass die USA nach dem Vorbild Chinas oder Thailands eine Politik zur Begrenzung von Energieexporten beschließen", warnte der Goldman-Sachs-Analyst.
Auch Kupfer steht unter Druck. Die Weltbank erwartet für dieses Jahr einen Preisanstieg von etwa 21 Prozent und damit ein Rekordniveau im Jahresdurchschnitt. Dahinter stehen sowohl Nachfrage- als auch Angebotsfaktoren. Die Nachfrage steigt durch Elektrifizierung, Rechenzentren, Transport und höhere Verteidigungsausgaben. Das Angebot bleibt dagegen begrenzt. Gründe sind Probleme in Minen, sinkende Erzgehalte, Störungen bei Schwefelexporten aus dem Nahen Osten für die Kupferverarbeitung und Unsicherheit über mögliche US-Zölle auf raffiniertes Kupfer.
Die schrittweise Wiederinbetriebnahme der indonesischen Grasberg-Mine dürfte die Engpässe später im Jahr 2026 und im Jahr 2027 etwas mildern. Die Risiken zeigen jedoch weiter nach oben. Das gilt besonders, wenn die Störungen im Nahen Osten anhalten, das Schwefelangebot knapp bleibt, Handelsbeschränkungen zunehmen oder die Nachfrage nach Infrastruktur für KI-Anwendungen stärker ausfällt als erwartet.
Bloomberg Intelligence erwartet, dass Kupfer an der London Metal Exchange fast 16 Prozent unterbewertet ist. Daraus ergäbe sich ein fairer Wert von mehr als 13.770 Euro je Tonne, obwohl sich das Metall bereits einem Rekordwert nähert. Bei Aluminium sehen Marktteilnehmer ebenfalls erhebliches Aufwärtspotenzial. Teilnehmer der asiatischen LME-Woche in Hongkong stuften Aluminium im Mai als Metall mit dem größten Preisspielraum ein. Als attraktivste Anlage unter den Metallen nannten es 44 Prozent der Befragten. Dahinter folgten Nickel mit 21 Prozent, Kupfer mit 17 Prozent und Zinn mit 13 Prozent. Stahl erhielt keine Stimme.
Der wichtigste Grund ist der Angebotsschock durch den Krieg im Nahen Osten. Die Region trug vor dem Konflikt etwa neun Prozent zur weltweiten Aluminiumproduktion bei. Schäden an Schmelzen lassen sich auch bei einer Beruhigung der Lage nicht schnell beheben. Der Aluminiumpreis an der London Metal Exchange liegt in diesem Jahr im Durchschnitt bereits 30 Prozent über dem Vorjahresmittel. Nach diesen Schätzungen könnte er im Gesamtjahr rund 3075 Euro je Tonne erreichen. Das wären rund 129 Euro mehr, als Analysten gegenüber Bloomberg bislang erwarten.
Rohstoffpreise treffen Gas, Gold, Dünger und deutsche Industrie
Auch Gold reagiert auf die geopolitische Lage. Nach Prognose der Weltbank sollen die Goldpreise in diesem Jahr um etwa 37 Prozent steigen. Das würde bedeuten, dass der Durchschnittspreis bei etwas mehr als 4045 Euro je Unze liegen müsste. Das wären rund 86 Euro weniger, als von Bloomberg befragte Analysten erwarten, und gut 516 Euro weniger als der Höchststand im Januar. Die Prognosen stützen sich vor allem auf die Nachfrage nach sicheren Anlagen und spekulatives Interesse angesichts geopolitischer Spannungen im Nahen Osten. Hinzu kommen weitere Zuflüsse in goldgebundene ETF sowie anhaltende, wenn auch nachlassende Käufe der Zentralbanken.
Die Risiken bleiben nach oben gerichtet, falls geopolitische Spannungen, politische Unsicherheit oder Schwankungen an den Finanzmärkten zunehmen. Eine strengere Geldpolitik oder schwächere Käufe der Zentralbanken könnten die Preise dagegen belasten.
Zu den kritischen Energieträgern, die der Krieg im Iran verteuert hat, zählt auch Erdgas. Der europäische Gaspreis am niederländischen Handelsplatz hat zwar noch nicht die dramatischen Niveaus aus dem Jahr 2022 erreicht, dem Jahr des russischen Angriffs auf die Ukraine. Dennoch stieg der Preis für eine Megawattstunde Erdgas seit Jahresbeginn bereits um fast drei Viertel auf 51 Euro. Die durchschnittliche Prognose der von Bloomberg befragten Analysten für den europäischen Gaspreis im Gesamtjahr liegt bei 46 Euro je Megawattstunde. Bei Goldman Sachs ist die Sorge größer. Die Investmentbank erwartet, dass die europäischen Gaspreise vor dem Sommer durch eine steigende Nachfrage nach Flüssigerdgas in Asien weiter nach oben gedrückt werden.
Nach Einschätzung der Bank signalisiert die wachsende asiatische Nachfrage, dass die europäischen Gaspreise bereits im dritten Quartal 65 Euro je Megawattstunde erreichen könnten, falls sich die Transporte durch die Straße von Hormus erst Ende Juli statt Ende Juni normalisieren. Die vorherige Prognose hatte bei 44 Euro je Megawattstunde gelegen. Auch die Schätzung für das vierte Quartal wurde angehoben, von 40 auf 53 Euro. Die Flüssigerdgasimporte Chinas und Südkoreas steigen sowohl durch die Sommernachfrage als auch durch den Bedarf, Speicher wieder aufzufüllen.
Besonders stark trifft der Rohstoffschock auch Düngemittel. Die Weltbank erwartet, dass ihr Index der durchschnittlichen Düngemittelpreise in diesem Jahr um mehr als 30 Prozent steigt. Verantwortlich sind Störungen beim Export von Düngemitteln und wichtigen Vorprodukten durch die Straße von Hormus sowie höhere Energiekosten. Der stärkste Druck zeigt sich bei Harnstoff. Dessen Preis dürfte um fast 60 Prozent steigen, da das Angebot aus dem Nahen Osten begrenzt ist und die Kosten für Erdgas erhöht bleiben. Der Preis für granulierten Harnstoff aus ägyptischer Herkunft, der für europäische Käufer besonders relevant ist, lag nach Bloomberg-Daten zuletzt bei rund 809 Euro je Tonne. Das war mehr als doppelt so viel wie zu Jahresbeginn. Der durchschnittliche Preis in diesem Jahr liegt bereits fast um die Hälfte über dem Vorjahresdurchschnitt.
Diese Entwicklung belastet Landwirte und die Nahrungsmittelproduktion. Nach Angaben von Bloomberg teilte die EU mit, sie prüfe mehr Flexibilität für Düngemittelhersteller und Hilfsmaßnahmen für Bauern. Die Europäische Kommission will der Wertschöpfungskette für Düngemittel einen besonderen Status geben. Zudem soll eine deutliche Erhöhung der Agrarreserven vorgeschlagen werden, damit Bauern schneller Hilfe erhalten können.
Für Deutschland ist der Rohstoffschock unmittelbar relevant. Teureres Gas belastet energieintensive Industrien, höhere Metallpreise treffen Maschinenbau, Elektrotechnik, Automobilindustrie und Rüstungsproduktion. Steigende Düngemittelpreise erhöhen zugleich den Kostendruck in der Landwirtschaft. Damit wird der Iran-Krieg auch für deutsche Unternehmen und Verbraucher zu einem Preisrisiko, das über den Ölmarkt weit hinausreicht.

