Ukraine-Krieg: Kiew verschärft den Druck auf Russlands Infrastruktur
So wie nach der Sonnenwende die Nächte wieder länger werden, wächst auch im Kreml der Druck. Der Krieg gegen die Ukraine wird für Russland immer schwieriger zu führen. Das berichten unsere Kollegen von Äripäev.
Die Welt befindet sich seit mehreren Jahren in einer Phase offener und schwelender Konflikte. Wieder einmal wird prognostiziert, dass gerade dieses Jahr besonders entscheidende Wendepunkte bringen könnte. Der Konflikt zwischen Iran und den USA glimmt weiter, während die Einschätzungen zum Ukraine-Krieg darauf hindeuten, dass die Kämpfe zwischen Russland und der Ukraine noch eine Weile andauern dürften.
"Die Ukraine hat eigentlich keinen unmittelbaren Bedarf mehr, einen Frieden zu sehr schlechten Bedingungen zu akzeptieren, weil sie Russland inzwischen sehr erfolgreich beeinflussen kann", sagte Äripäev-Journalist Janno Riispapp in der Radiosendung "Globaalne pilk". Obwohl sich die Position Kiews verbessert hat, sieht Riispapp in den erfolgreichen ukrainischen Luftangriffen gegen Moskau und Sankt Petersburg noch keinen unmittelbaren Einfluss auf die Entscheidungen im Kreml. "All diese kinetischen Sanktionen, die die Ukraine immer effektiver verhängt, sorgen dafür, dass über Moskau statt weißer Nächte inzwischen ziemlich schwarze Sorgenwolken hängen. Aber am Ende macht das keinen entscheidenden Unterschied. Im Inneren des Landes fehlt jeder ernstzunehmende Druck."
Ukraine-Krieg: Angriffe auf Russlands Öl-Infrastruktur zeigen Wirkung
Nach Ansicht des Äripäev-Journalisten Kristjan Pruul muss die Ukraine die russische Öl-Infrastruktur weiterhin systematisch angreifen. Am Beispiel Ust-Luga zeige sich, dass Terminals nach Reparaturarbeiten wieder erfolgreich in Betrieb gehen. Bei Angriffen in diesem Zusammenhang waren auch Drohnen in den estnischen Luftraum geraten.
"Ich glaube, die erste Wirkung der Sanktionen durch brennendes Öl auf Russland besteht darin, dass man keine irgendwie geartete Teilmobilmachung durchführen kann. Die Menschen sind ohnehin wütend. Wegen des Benzins werden sie sich noch nicht auf der Straße mit einem Polizisten prügeln. Aber wenn man anfängt, sie zusätzlich in Busse zu setzen, weil jetzt aus jedem Gouvernement genau so viele Menschen an die Front gebracht werden sollen, dann schon. Das hält das Niveau der Unzufriedenheit hoch genug, sodass Russland nicht mehr tun kann, als es derzeit tut", sagte Pruul.
Damit berührt der Ukraine-Krieg zunehmend eine strategische Schwachstelle Russlands. Es geht nicht nur um militärische Ziele, sondern um die Fähigkeit Moskaus, Krieg, Versorgung und innenpolitische Stabilität gleichzeitig zu kontrollieren. Wenn Treibstoff knapp wird, Raffinerien brennen und wichtige Exportterminals ausfallen, steigen die Kosten des Krieges nicht nur an der Front, sondern auch im Alltag.
Ukraine-Krieg: Was die zweite Jahreshälfte für Märkte und Politik bedeutet
In der Sendung blickten die Äripäev-Journalisten auf die zweite Jahreshälfte. Im Mittelpunkt standen der Ukraine-Krieg und der Krieg im Nahen Osten, aber auch die hohe Schuldenlast der Weltwirtschaft und die stark aufgeheizten Finanzmärkte.
Für Deutschland ist diese Entwicklung vor allem aus drei Gründen relevant: Erstens bleibt die Sicherheitslage in Europa eng mit dem Verlauf des Ukraine-Krieges verbunden. Zweitens können Angriffe auf Energie-Infrastruktur und mögliche Engpässe bei Ölprodukten erneut Einfluss auf Preise, Lieferketten und Inflationserwartungen haben. Drittens verschärft jede Eskalation den Druck auf Politik und Unternehmen, ihre Abhängigkeiten bei Energie, Rohstoffen und sicherheitsrelevanten Lieferketten neu zu bewerten.
Moderator der Sendung war Äripäev-Auslandsredakteur Indrek Lepik. Äripäev ist ein estnisches Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern.
