Politik

Gasspeicher Europa: Der Winter wird zum neuen Stresstest für die Wirtschaft

Europas Gasspeicher füllen sich langsamer als geplant, ausgerechnet vor dem nächsten Winter. Analysten warnen vor dem niedrigsten Vorratsstand seit 15 Jahren, während LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten unsicher bleiben und die EU ihre Zielmarken senkt. Für Haushalte und Industrie könnte das teuer werden, auch in Deutschland.
03.07.2026 11:00
Lesezeit: 6 min

Europas Gasspeicher füllen sich langsamer als nötig

Die Gasspeicher der Europäischen Union werden vor Beginn der kalten Monate offenbar nicht schnell genug gefüllt. Zum Start der Heizsaison könnte Europa deshalb mit knappen Gasreserven dastehen. Das berichten unsere Kollegen von Äripäev unter Berufung auf die Financial Times. Demnach könnte Europa mit dem niedrigsten Stand der Gasvorräte seit 15 Jahren in die Heizsaison gehen. Das könnte in diesem Winter sowohl Unternehmen als auch Haushalte mit höheren Preisen belasten.

Nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie werden die Gasspeicher der EU bis zum Ende der üblichen Befüllungsperiode, die von April bis Oktober dauert, nur zu 76 Prozent gefüllt sein. Nach Daten von Gas Infrastructure Europe wäre das der niedrigste Stand mindestens seit 2011. Hinter den niedrigen Vorräten steht der Krieg zwischen den USA und Iran. Er hat die Produktion in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten verringert und Lieferungen von verflüssigtem Erdgas, kurz LNG, durch die Straße von Hormus unterbrochen. Durch diese Meerenge läuft normalerweise etwa ein Fünftel der weltweiten Gaslieferungen.

Kalter Winter hat die Reserven stark belastet

Die Gasspeicher der EU waren zu Beginn der Befüllungsperiode nach einem außergewöhnlich kalten Winter nur zu 28 Prozent gefüllt. Das ist ein niedrigerer Stand als üblich. Derzeit sind die Speicher nach Angaben von Gas Infrastructure Europe im Durchschnitt zu 48 Prozent gefüllt. "Wir befinden uns in einer kritischen Phase des Sommers, was die Befüllung der europäischen Gasspeicher betrifft", sagte Natasha Fielding, Analystin bei Argus Media. "Zwar hat die Einigung zwischen den USA und Iran die Preise sinken lassen und die Hoffnung gestärkt, dass sich die Lieferungen aus dem Nahen Osten erholen. Das begrenzte LNG-Angebot bedeutet aber, dass die Vorräte zu Beginn des Winters niedriger sein werden und das Risiko von Preissprüngen steigt."

Die europäischen Referenzpreise liegen bei etwa 40 Euro je Megawattstunde. Damit liegen sie nur geringfügig höher als vor Beginn des Konflikts Ende Februar und bewegen sich für diese Jahreszeit in einer üblichen Spanne. Selbst in den ersten Wochen des Krieges, als die Preise stiegen, blieben sie deutlich unter dem Höchststand von 342 Euro je Megawattstunde, der nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine im Jahr 2022 erreicht worden war. Die Befüllung der Speicher begann im April nur langsam. Der Grund: Die Gaspreise im Sommer waren hoch und boten Unternehmen zu wenig Anreiz, ihre Vorräte stärker aufzustocken.

EU senkt Zielmarke: Versorgungssicherheit gegen Preisdruck

Die Europäische Kommission erklärte am Sonntag, die aktuellen Vorratsstände gäben aus Sicht der Energiesicherheit keinen unmittelbaren Anlass zur Sorge. Eine Füllung von 80 Prozent sei ausreichend, um die Versorgung im Winter zu sichern. Der aktuelle Stand liegt rund zehn Prozent niedriger als im Durchschnitt der Zeit vor der Krise. Zugleich ist die Gasnachfrage in der EU um 17 Prozent gesunken.

Die Kommission hat den Mitgliedstaaten empfohlen, ihre Speicher auf 80 Prozent oder sogar nur auf 75 Prozent zu füllen, um den Preisdruck zu verringern. In den vergangenen Jahren lag das Ziel bei 90 Prozent. "Wir brauchen ein hohes Niveau, um auf den nächsten Winter vorbereitet zu sein. Aber wir wollen dieses Niveau auf eine Weise erreichen, die kurzfristig nicht die Preise nach oben treibt", sagte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen.

Nach Einschätzung von Samantha Dart, Rohstoffanalystin bei Goldman Sachs, könnten Europas Gasspeicher zum Ende der Saison zu rund 74 Prozent gefüllt sein, falls die betriebsfähigen Einheiten des LNG-Terminals Ras Laffan in Katar bis Ende Juli volle Leistung erreichen. Sollte dies erst einen Monat später gelingen, könnten Europas Speicher nur mit einem Füllstand von rund 70 Prozent in den Winter gehen.

Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus erlitt am Donnerstag einen Rückschlag, als ein Schiff auf der Wasserstraße getroffen wurde. Unklar ist zudem, ob die Lieferungen nach dem Ende der zwischen den USA und Iran vereinbarten Verlängerung der 60-tägigen Waffenruhe weiterlaufen. Nach Einschätzung von Analysten bringt das Europa in eine schwierige Lage.

Ein zusätzliches Risiko entsteht durch den Plan der EU, ab dem 1. Januar den Import von russischem LNG vollständig zu verbieten. Russisches LNG macht derzeit rund 14 Prozent der gesamten europäischen LNG-Importe aus.

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant. Steigende Gaspreise treffen nicht nur private Haushalte, sondern auch energieintensive Unternehmen. Gerade für Industriebetriebe bleibt entscheidend, ob Europa genügend Gas zu bezahlbaren Preisen sichern kann. Knappere Gasspeicher in Europa würden damit auch die deutsche Wirtschaft belasten, selbst wenn die unmittelbare Ursache außerhalb Europas liegt.

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Nele-Mai Olup

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Nele-Mai Olup ist Autorin bei Äripäev, dem estnischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschaftsnachrichten im Bonnier-Konzern. Sie schreibt vor allem über internationale Politik, Sicherheit und wirtschaftliche Entwicklungen. Ihre Beiträge behandeln unter anderem den Ukrainekrieg, Verteidigungspolitik, Technologieunternehmen und geopolitische Risiken.

 
 
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