Politik

US-Waffenmangel: Warum Amerikas Raketenkrise Europa alarmieren muss

Amerika gilt als militärische Supermacht, doch nach dem Krieg gegen Iran geraten die Raketenlager der USA offenbar unter massiven Druck. Tomahawk, Patriot, THAAD: Mehrere zentrale Waffensysteme könnten erst in Jahren wieder vollständig ersetzt sein. Für Europa und Deutschland ist das mehr als eine ferne US-Debatte, denn der Fall zeigt, wie schnell moderne Kriege industrielle Kapazitäten überfordern können.
07.07.2026 10:01
Lesezeit: 6 min
US-Waffenmangel: Warum Amerikas Raketenkrise Europa alarmieren muss
Tomahawk, Patriot, THAAD: Die USA stoßen bei Präzisionswaffen an Grenzen. (Foto: Ford Williams/U.S. Navy/AP/dpa | Ford Williams) Foto: Ford Williams

US-Waffenmangel: Präzisionswaffen werden zur Schwachstelle der Supermacht

Nach dem Krieg gegen Iran leiden die USA unter einem akuten Mangel an Raketen und anderen Präzisionswaffen. Das Weiße Haus will die Beschaffung rasch hochfahren. Doch die Rüstungsindustrie kann das Tempo nicht halten. Nach Einschätzung von Beobachtern könnten die Lagerbestände erst um das Jahr 2030 wieder aufgefüllt sein. Das berichten unsere Kollegen von Dagens Industri.

Im Krieg gegen Iran haben die USA mehr als 1.000 Tomahawk-Raketen abgefeuert. Das hat die amerikanischen Waffenlager auf ein niedriges Niveau gedrückt. Der Verteidigungshaushalt der Trump-Regierung für 2027 beläuft sich auf rund 1,31 Billionen Euro. Davon fordert das Pentagon rund 61,6 Milliarden Euro für besonders wichtige Waffensysteme. Das entspricht einem Anstieg um 188 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das deutlichste Signal für den US-Waffenmangel kommt von der amerikanischen Marine. Sie will 785 Tomahawk-Raketen für rund 2,62 Milliarden Euro kaufen. Im Vorjahr waren es 55 Raketen für rund 225 Millionen Euro. Das wäre ein Anstieg um mehr als 1.200 Prozent.

Das Problem: Pro Jahr werden weniger als 200 Tomahawks produziert. Hersteller Raytheon, der zum Rüstungskonzern RTX gehört, will die Kapazität auf mehr als 1.000 Raketen pro Jahr erhöhen und investiert Milliardenbeträge in neue Produktionskapazitäten. Beobachter gehen davon aus, dass es bis Ende 2030 dauern könnte, die Tomahawk-Bestände wieder auf das Niveau vor dem Krieg zu bringen.

Patriot, THAAD, Tomahawk: Der US-Waffenmangel trifft mehrere Systeme

Dasselbe Muster zeigt sich bei anderen Waffensystemen. Die amerikanische Luftverteidigung hat bis zu 290 THAAD-Raketen gegen iranische Drohnen und Raketen eingesetzt. Es könnte bis Ende 2029 dauern, diese Bestände zu ersetzen. Mehr als 1.000 neue Patriot-Raketen dürften erst etwa Mitte 2029 geliefert werden. Damit könnten die amerikanischen Luftabwehrbestände noch mehrere Jahre unter Druck bleiben.

Im Weißen Haus ist der US-Waffenmangel inzwischen zu einer industriepolitischen Frage geworden. Ende Juni versammelte Präsident Donald Trump Vertreter mehrerer der wichtigsten Rüstungskonzerne des Landes, darunter Lockheed Martin, RTX und Boeing, um ein höheres Produktionstempo zu verlangen. Das Treffen brachte keinen unmittelbaren Durchbruch. Es zeigte vielmehr, wie groß die Lücke zwischen den Forderungen des Weißen Hauses und der tatsächlichen Kapazität der Industrie ist. Die Regierung will die Produktion von Patriot-, THAAD-, Tomahawk- und AMRAAM-Raketen schnell erhöhen. Die Unternehmen erklären jedoch, sie bräuchten mehrjährige Verträge und gesicherte Finanzierung, bevor sie Fabriken und Lieferketten ausbauen.

Deutschland und Europa: Was der US-Waffenmangel für die Verteidigungspolitik bedeutet

Wie stark die Lager des Pentagons tatsächlich geleert wurden, ist nicht bekannt. Die Zahlen sind geheim. Der Senat wurde jedoch unterrichtet. Mark Kelly, demokratischer Senator aus Arizona und Mitglied im Verteidigungsausschuss des Senats, erklärte danach, die Lage sei ernst. "Es ist schockierend, wie weit wir in unseren Waffenlagern nach unten gegangen sind", sagte er gegenüber CBS News.

Für Deutschland und Europa enthält diese Entwicklung eine klare Warnung. Denn das Thema betrifft auch die europäische Sicherheits- und Industriepolitik: Wenn selbst die USA Schwierigkeiten haben, komplexe Raketen in ausreichender Stückzahl nachzuproduzieren, rückt die Frage nach eigenen industriellen Kapazitäten, langfristigen Beschaffungsverträgen und belastbaren Lieferketten auch für Deutschland stärker in den Mittelpunkt. Der US-Waffenmangel zeigt, dass moderne Kriege nicht nur an der Front entschieden werden, sondern auch in Fabriken, Zuliefernetzwerken und Haushaltsplänen.

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Emanuel Sidea

Zum Autor:

Emanuel Sidea ist seit mehr als 20 Jahren als Journalist tätig und arbeitet derzeit in New York als US-Korrespondent für die schwedische Zeitung Dagens Industri.

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