Spekulationsblase: Südkoreas Börse wird zum warnenden Beispiel
Bäume wachsen nicht in den Himmel. Das gilt auch für den Aktienmarkt, dessen zyklische Bewegungen niemand außer Kraft gesetzt hat. Gute Zeiten dauern nicht ewig. Südkorea liefert dafür derzeit ein eindrucksvolles Beispiel. Das berichten unsere Kollegen von Investoru Klubs.
In diesem Sommer hat der US-Aktienmarkt seine Richtung verloren. Marktteilnehmer sorgen sich zunehmend über unverhältnismäßig hohe Ausgaben für Technologien rund um künstliche Intelligenz. Der marktbreite Aktienindex Standard & Poor's 500 notiert deshalb ungefähr auf dem Niveau von Anfang Mai.
Doch nicht alle Aktienmärkte, die sich zuletzt stark aufgeheizt hatten, bewegen sich lediglich seitwärts. Bis in die zweite Junihälfte hinein erlebte der südkoreanische Aktienmarkt ein regelrechtes Kursfeuerwerk. Was danach geschah, erinnert eindringlich daran, wie schnell überhitzte Vermögenswerte unter eine eiskalte Dusche geraten können.
Jede Spekulation ereilt irgendwann das Schicksal einer Spekulation. Vom Frühjahr vergangenen Jahres bis zum 22. Juni war der südkoreanische Aktienindex KOSPI Composite um geradezu irrwitzige 275 Prozent gestiegen. Erst K-Pop, dann die wachsende Fangemeinde südkoreanischer Aktien, kommentierte Investoru Klubs noch Ende Mai.
Der gesamte südkoreanische Aktienmarkt verhielt sich zeitweise fast wie eine einzelne, von grenzenloser Anlegerbegeisterung getriebene KI-Aktie. Das liegt durchaus nahe an der Realität. Der Markt ist inzwischen weitgehend zu einer Geschichte von zwei Unternehmen geworden. Samsung Electronics und SK Hynix bringen gemeinsam bereits die Hälfte des gesamten Marktgewichts auf die Waage.
Einige Anleger sahen darin eine Blase. Andere vertraten die bekannte Auffassung, dass die Musik auf der Party noch lange weiterspielen werde.
KOSPI-Absturz: 42 Prozent Verlust in eineinhalb Monaten
Inzwischen ist die Geschichte geschrieben. Zumindest für die kurze Frist lässt sich damit feststellen, wer richtiglag. Sorgen über die Ausgaben für künstliche Intelligenz belasteten südkoreanische Aktien erheblich. Verstärkt wurden sie durch weniger herausragende Geschäftszahlen von SK Hynix im vorangegangenen Quartal.
Hinzu kamen wachsende Befürchtungen über die zunehmende chinesische Konkurrenz bei der Produktion von Speicherchips. Zusammengefasst entstanden erste Risse in der Überzeugung, dass die Nachfrage nach südkoreanischen Halbleitern dauerhaft so stark bleiben werde.
Schließlich setzte sich eine gewaltige Verkaufslawine in Bewegung. Von seinem Höchststand in der zweiten Junihälfte bis zum 30. Juli verlor der südkoreanische KOSPI-Aktienindex beeindruckende 42 Prozent. Der Einbruch zeigt erneut, wie schnell Geld an den Finanzmärkten verbrennen kann, wenn es in besonders riskanten Instrumenten steckt.
Die südkoreanischen Bullen wollen sich allerdings noch nicht geschlagen geben. Am Freitag sprangen die Kurse südkoreanischer Aktien um 18 Prozent nach oben. Mit anderen Worten: Willkommen in der Achterbahn.
Seit Jahresbeginn liegen die Aktien südkoreanischer Unternehmen damit weiterhin 65 Prozent im Plus. Innerhalb von zwölf Monaten haben sich ihre Kurse sogar verdoppelt.
Der Zusammenbruch am südkoreanischen Aktienmarkt entspricht beinahe mustergültig den Exzessen eines überhitzten Bullenmarktes. Berichten zufolge hatte zuletzt vor allem der massive Zustrom von Geld privater Kleinanleger die Kurse angeheizt. Bestimmte Gesetzmäßigkeiten ändern sich offenbar nicht. Der wohl klassischste Anlegerfehler besteht darin, einen Vermögenswert teuer zu kaufen und später billig zu verkaufen. In Investmentfonds fließt häufig gerade dann besonders viel Geld, wenn sie bereits eine Phase gewaltiger Kurssteigerungen hinter sich haben.
Anleger erwarten offensichtlich, dass sich diese Entwicklung fortsetzt. Dabei liegt der stärkste Anstieg häufig schon in der Vergangenheit. Kein vernünftig denkender Mensch will diesen Fehler bewusst begehen. Die Realität zeigt dennoch, dass sehr viele Privatanleger genau dieses Schicksal erleiden.
Die "Financial Times" schildert die Erfahrung der 60-jährigen südkoreanischen Anlegerin Song Mi-Kyung. Sie hatte noch vor Kurzem stolz berichtet, durch den jüngsten Kursanstieg südkoreanischer Aktien auf dem Papier rund 200.000 US-Dollar verdient zu haben. Inzwischen soll der Wert ihres Portfolios um 60 Prozent gefallen sein. "Die Verluste werden jeden Tag größer. Ich bin sehr besorgt. Ich weiß nicht, was ich tun soll", sagte sie der "Financial Times".
Die Zeitung hebt außerdem hervor, dass börsengehandelte Fonds mit Hebelwirkung unter südkoreanischen Anlegern zuletzt enorme Popularität erlangt haben. Dabei handelt es sich grundsätzlich um äußerst riskante Produkte. Schon länger zeichnet sich eine Entwicklung ab, bei der beinahe jede einzelne börsennotierte Aktie einen eigenen börsengehandelten Fonds erhält. Immer häufiger kommt dieser Fonds zusätzlich mit einem Hebel auf den Markt.
In Südkorea verloren die meisten dieser Produkte seit Mai zwischen 60 und 80 Prozent ihres Wertes. Damals hatte die südkoreanische Finanzaufsicht Berichten zufolge grünes Licht für den Handel gegeben. Vermutlich kauften besonders viele Kleinanleger die Produkte, weil sie auf hohe Gewinne hofften. "Wann kann ich aus dieser Hölle herauskommen? Mein Leben ist vorbei. Ich glaube nicht, dass es einen Ausweg gibt", zitiert die "Financial Times" einen weiteren Anleger. Er hatte mit dem gehebelten Tiger SK Hynix Leverage ETF spekuliert. "Jetzt entdeckt die Bevölkerung, die sich gerade erst in den Aktienmarkt verliebt hatte, dass Aktienkurse auch fallen können", kommentiert "The Economist".
Gewöhnliche südkoreanische Bürger sollen demnach ihre Ersparnisse bei Versicherungen und Banken abgezogen haben, um das Geld in riskante Aktienderivate zu investieren.
Hebel-ETF und Altersvorsorge: Welche Lehren deutsche Anleger ziehen können
Besonders nachdenklich stimmt die Aussage der inzwischen 60-jährigen Song Mi-Kyung. Wer seinen Lebensunterhalt durch den Verkauf riskanter Vermögenswerte zu niedrigen und weiter fallenden Kursen finanzieren muss, kann in eine äußerst schmerzhafte Lage geraten. Das gilt umso mehr, wenn das Alter kaum noch andere Möglichkeiten lässt.
Im Ruhestand kann beispielsweise plötzlich eine größere Geldsumme für medizinische Ausgaben notwendig werden. Muss ein Anleger seine Aktien oder Fonds dann während eines Börsencrashs verkaufen, verwandeln sich zuvor nur auf dem Papier bestehende Verluste in endgültige finanzielle Einbußen.
Daraus folgt einer der grundlegenden Ansätze der Geldanlage: Mit zunehmendem Alter sollten Anleger die Risiken im Portfolio reduzieren. Manche Menschen haben schlicht nicht genug Zeit, um das Ende einer langen Baisse oder einer erneuten Krisenphase abzuwarten.
Wer zu hohe Risiken eingegangen ist, kann durch heftige Kursausschläge vor den Trümmern seiner Altersvorsorge stehen. Dann bleibt womöglich keine andere Wahl, als Ersparnisse zu niedrigen Preisen aufzulösen. Kurz vor dem finanziellen Ziel verliert ein solcher Anleger plötzlich beispielsweise 50 bis 60 Prozent seines in Aktien angelegten Vermögens.
Grundsätzlich gelten Aktien als langfristige Geldanlage. Trotz zwischenzeitlicher Anstiege und teilweise heftiger Einbrüche erzielt der breite Aktienmarkt über längere Zeiträume häufig beträchtliche Wertzuwächse.
Allerdings ist auch der Begriff "langfristig" dehnbar. Anleger müssen den Zeithorizont an ihre persönliche Situation anpassen. Menschen, die in Aktien investieren, unterscheiden sich erheblich in ihrem Alter und ihrer finanziellen Lebensplanung.
Für jüngere Anleger kann eine langfristige Strategie sinnvoll sein, weil ihnen häufig genügend Zeit bleibt, schwere Kursverluste auszusitzen. Für ältere Menschen, die unverhältnismäßig hohe Anlagerisiken eingegangen sind, kann ein Börsencrash dagegen verheerende Folgen haben.
Die grundlegende Warnung betrifft auch deutsche Privatanleger: Gehebelte ETF, hoch konzentrierte Portfolios und Geld, das kurzfristig für den Ruhestand oder größere Ausgaben benötigt wird, bilden eine gefährliche Kombination. Entscheidend sind eine breite Streuung, ein zum Lebensalter passender Risikoanteil und ausreichende liquide Reserven.



