Spur nach Moskau: Wenn der hybride Krieg Deutschland erreicht
Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) und Bundesaußenminister Wadephul (CDU) traten am späten Nachmittag des 1. September gemeinsam in Berlin vor die Presse und legten dar, was die Sicherheitsbehörden nach knapp vier Wochen über den Drohnenfund am Flughafen Leipzig/Halle zusammengetragen hatten.
Polizeiliche Ermittlungen, Tatmuster und nachrichtendienstliche Erkenntnisse belegten eine russische Verantwortung für den versuchten Anschlag, sagte Dobrindt. Drohnenkonfiguration, Sprengstoff und Zündtechnik seien aus anderen hybriden Operationen Russlands bekannt. Wadephul kündigte als Reaktion an, das russische Generalkonsulat in Bonn zum 18. September zu schließen und den Vertrag für das Russische Haus in Berlin zu kündigen. Moskau bestreitet jede Beteiligung.
Gefunden worden war die Drohne am Abend des 4. August im Sicherheitsbereich des Flughafens, unweit einer ukrainischen Transportmaschine. Schon damals sprach Dobrindt bei einer Pressekonferenz am Flughafen von einer neuen Gefahrenqualität und einem hybriden Anschlagsszenario. Die Täter verfügten über erhebliches technisches Wissen und Erfahrung mit Sprengstoff, hieß es, und bei dem Material sei von militärischer Herkunft auszugehen. Wenige Tage später fanden die Ermittler ein zweites Fluggerät.
Drei Tage vor der Zuschreibung hatte Dobrindt in Flensburg die Innenminister der Ostsee-Anrainerstaaten empfangen. Im ZDF-„heute journal” wurde er dort gefragt, wie gut Deutschland gegen hybride Bedrohungen gerüstet sei. Er antwortete: „Wir befinden uns in einem Wettrüsten zwischen Abwehrmechanismen und immer wieder neuen Attacken.” Qualität und Intensität der Angriffe seien deutlich gestiegen. Das Ziel der Konferenz fasste er in drei Worten zusammen: aufklären, abschrecken, abwehren.
Neun Standorte und ein Cyberdome
Hinter den Kulissen des Innenministeriums wird bereits an der konkreten Umsetzung gearbeitet. Die „Bild am Sonntag" berichtete am 6. September über die Pläne des Ministeriums, wonach ein Schutzschirm gegen Drohnen, Cyberangriffe und Sabotage entstehen soll.
Danach sollen Abwehreinheiten an neun Standorten bereitstehen, in Frankfurt am Main, München, Hamburg, Berlin, Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, Hannover und Köln. Von dort aus lassen sie sich schnell verlegen und können Flughäfen, Bahnhöfe und andere wichtige Anlagen schützen. Dazu kommt ein sogenannter Cyberdome, also ein Netz aus digitalen Sensoren und Abwehrtechnik.
Betreiber kritischer Infrastruktur sollen Drohnen künftig nicht nur erkennen, sondern auch selbst abwehren dürfen. Gemeint sind Wasserwerke, Stromversorger oder Rüstungsfirmen. Ein fertiges Konzept hat das Bundesinnenministerium bisher nicht vorgelegt. Auch wie viel Personal und Technik nötig sind, was das kostet und wann es losgeht, ist bisher offen.
Drohnenvorfälle kosten deutsche Wirtschaft Millionen
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) hat im Juni erstmals berechnet, welche Kosten durch Drohnenvorfälle für die Wirtschaft entstehen. Demnach registrierte das Luftfahrt-Bundesamt im Jahr 2025 insgesamt 226 Vorkommnisse mit Drohnen. Daraus filterten die Forscher 116 ernsthafte Störfälle an 25 Verkehrsflughäfen heraus. Fluggesellschaften und Flughäfen verloren dadurch mindestens 60 Millionen Euro. Rechnet man die Folgeverspätungen im gesamten Netz und die wahrscheinlich störungsbedingten Annullierungen hinzu, sind es sogar bis zu 160 Millionen Euro.
In der Mitteilung wies Florian Linke, kommissarischer Leiter des DLR-Instituts, auf die erheblichen Folgewirkungen selbst kurzer Störungen hin. Wenn die Puffer im System erschöpft sind, entwickeln sich die Kosten sprunghaft. Auf einzelnen Flügen könnten zudem die Kraftstoffreserven sicherheitsrelevant unterschritten werden. Die Ergebnisse taugen zugleich als Grundlage für Kosten-Nutzen-Analysen, etwa wenn Unternehmen Investitionen in Drohnendetektion und -abwehr bewerten.
Bei 37 Prozent der Unternehmen, die einen Angriff bemerkt haben, ließ sich mindestens einer einem ausländischen Geheimdienst zuordnen; 2023 waren es erst sieben Prozent. Die am 26. August vorgestellte Studie „Wirtschaftsschutz 2026“ des Digitalverbands Bitkom und des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) zeigt, dass Drohnen dabei nur eine von mehreren Bedrohungen sind. Dafür befragte Bitkom Research zwischen April und Juni telefonisch 1.003 Unternehmen mit mindestens zehn Beschäftigten und einer Million Euro Jahresumsatz.
Die Firmen sollten angeben, ob sie in den vergangenen zwölf Monaten von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen waren und wie groß sie die Bedrohung einschätzen. 96 Prozent der Unternehmen waren betroffen oder vermuteten einen Angriff. Eine zweite Bitkom-Umfrage von Anfang August erfasste die Einschätzung der Firmen zur eigenen Lage. 87 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer ernsthaften Krise durch hybride Angriffe. Nur 33 Prozent halten Deutschland dafür gut gerüstet.
Cochstedt soll Forschung und Firmen zusammenbringen
Gegen die wachsende Bedrohung will der Bund vor allem auf eigene Forschung setzen und hat am 18. August im sachsen-anhaltischen Cochstedt das Technologiezentrum Drohnensicherheit eröffnet. Getragen wird es vom Bundesinnenministerium (BMI), vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und vom DLR.
Die Arbeit verteilt sich auf zwei Standorte. In Braunschweig entwickeln und testen die Forscher neue Systeme unter Laborbedingungen, in Cochstedt können sie ihre Technik an einem echten Flughafen ausprobieren, denn das DLR betreibt dort den früheren Regionalflughafen Magdeburg-Cochstedt. Die Ergebnisse fließen in das Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern (GDAZ) ein. Das DLR investiert mehr als zehn Millionen Euro und will bis zu 40 Stellen schaffen. Man bündele die Expertise von Wissenschaft, Start-ups und Sicherheitsbehörden, wird Dobrindt in der Mitteilung zur Eröffnung zitiert.
Wo Mittelständler ihre Drohnenabwehr erproben können
Für kleine und mittlere Betriebe (KMU) ist dabei ein Angebot interessant, das die Forscher Technologie-Inkubation nennen. Firmen entwickeln ihre Ideen gemeinsam mit dem Zentrum weiter und nutzen dafür dessen Fachleute, Simulatoren und Testhallen. Für eine reine Erprobung lässt sich die Anlage auch mieten. Wer dort fliegen will, meldet sich beim Flughafen mit 48 Stunden Vorlauf über einen sogenannten PPR-Antrag an, und erlaubt sind Starts und Landungen nach Sichtflugregeln bis zu einem Gewicht von 14 Tonnen.
Den eigentlichen Vorteil bringt allerdings der Parallelbetrieb, denn Cochstedt ist seit Mai 2022 wieder als Verkehrsflughafen zugelassen und lässt gleichzeitig Drohnen fliegen. Ein Abwehrsystem muss eine unerwünschte Drohne in Echtzeit von einem Sportflugzeug oder einem Vermessungsflug unterscheiden können, und dafür braucht es genau diesen gemischten Verkehr. Solche Szenarien hat das DLR dort bereits durchgespielt. Im Projekt City-ATM bewegten sich einige reale Drohnen zusammen mit rund 100 virtuellen Fluggeräten in einem komplexen Verkehrsszenario, und die Forschungsdrohne DexHawk sollte ihre Mission selbstständig abfliegen und Konflikte mit dem umgebenden Verkehr allein erkennen und vermeiden.
Auch Unternehmen von außerhalb nutzen das Gelände, etwa der Energiekonzern EnBW, der dort bei der Offshore Drone Challenge sieben Start-ups aus sechs Ländern antreten ließ, die Windkraftanlagen auf See per Drohne versorgen wollen. Gebraucht wird der Platz offenbar, denn die Auslastung wächst seit dem Jahr 2021 um rund 20 Prozent jährlich, und allein im vergangenen Jahr war der Standort an mehr als 200 Tagen belegt, etwa zur Hälfte von externen Kunden.
Warum Osnabrück eine deutsche Lieferkette braucht
In Niedersachsen lässt sich gerade beobachten, wie schnell ein Industriebetrieb die Branche wechseln kann. Volkswagen, das Land Niedersachsen und die Investmentgesellschaft Aurelius Capital haben sich am 7. September auf Eckpunkte für den Verkauf der Volkswagen Osnabrück GmbH geeinigt, wonach Aurelius die Mehrheit übernimmt und das Land mit einer Minderheit einsteigt. Im Sommer 2027 läuft in Osnabrück das T-Roc Cabrio aus, und danach soll aus dem Autowerk ein Zentrum für Sicherheits- und Verteidigungstechnik werden. Als ersten großen Partner nennen die Beteiligten Rafael Advanced Defense Systems, den israelischen Staatskonzern hinter dem Abwehrsystem Iron Dome. Für rund 1.200 der etwa 1.800 Beschäftigten soll eine Jobgarantie bis Ende 2029 gelten.
Rafael-Chef Yoav Tourgeman, wird in einer Mitteilung von Volkswagen mit den Worten zitiert, man baue eine langfristige Partnerschaft mit dem Ziel, die Technik vollständig in Deutschland zu fertigen. Ein Konzern, der komplette Systeme hierzulande baut, braucht dafür auch Teile von hier. In Osnabrück sollen nach bisherigen Angaben Militärfahrzeuge, Startgeräte und Stromgeneratoren entstehen, während die Abfangrakete Tamir weiter in Israel gebaut wird. Gebraucht werden dafür Metallverarbeitung, Elektronik, Kabelsätze, Hydraulik und Prüftechnik, und damit genau die Arbeit, die viele Betriebe heute für die Autoindustrie erledigen. Endgültig ist der Verkauf allerdings noch nicht, denn Gremien und Behörden müssen ihm erst zustimmen.
Warum Rüstung trotzdem kein Rettungsanker ist
Ein Selbstläufer wird der Branchenwechsel allerdings nicht, auch wenn viele Zulieferer Interesse zeigen. Der Branchenverband Automotive Thüringen hat gemeinsam mit dem Chemnitz Automotive Institute (CATI) untersucht, wie seine Mitglieder in die Verteidigungsbranche einsteigen könnten, und rund 75 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dort bereits tätig zu sein oder einen Einstieg zu erwägen.
Erfolgversprechend sei vor allem, einzelne Teile und Komponenten zuzuliefern oder sich mit Firmen zusammenzutun, die dort schon arbeiten, und weil es in der Rüstung um kleinere Stückzahlen geht als im Autobau, kommen dafür gerade kleine und mittlere Betriebe infrage. Verbandsgeschäftsführer Rico Chmelik warnt trotzdem vor zu großen Erwartungen, denn Defence sei kein Lichtschalter, den man einfach umlege, und auch kein Allheilmittel für die gesamte Branche. In der deutschen Autoindustrie arbeiten knapp 780.000 Menschen direkt, in der Verteidigungsindustrie rund 105.000.
Radar, Sensorik, Software: Diese deutschen Firmen besetzen den Markt bereits
Die großen Aufträge gehen bislang an etablierte Konzerne wie den Münchner Sensorikkonzern Hensoldt, der der Bundespolizei derzeit mehrere Drohnenabwehrfahrzeuge in der Größe eines Kleintransporters liefert, in denen die eigene Software Elysion die Daten von Radar, Funkaufklärung und Kameras zu einem Lagebild zusammenfügt.
Mit Rheinmetall Air Defence hat Hensoldt außerdem einen Rahmenvertrag über Radare der SPEXER-2000-Familie geschlossen. Er läuft bis in die 2030er Jahre und umfasst mehrere Hundert Geräte. Rheinmetall selbst will vom Flugabwehrpanzer Skyranger 30 künftig mindestens 200 Stück pro Jahr bauen.
Daneben ist eine junge Szene entstanden, in die seit gut einem Jahr sehr viel Geld fließt, zum Beispiel zu Tytan Technologies mit Sitz in München. Das Unternehmen wurde im Jahr 2023 von zwei Absolventen der TU München gegründet. Das Start-up hat im Februar 30 Millionen Euro eingesammelt und baut KI-gesteuerte Abfangdrohnen, die feindliche Drohnen selbstständig aufspüren, verfolgen und rammen können.
Angeführt haben die Runde der Investor Armira und der NATO Innovation Fund (NIF), beteiligt hat sich auch der Kölner Motorenhersteller Deutz, der gemeinsam mit Tytan Antriebe für Abfangdrohnen und Batteriesysteme für deren Startgeräte entwickeln und außerdem Baugruppen montieren und abnehmen will. Die Bundeswehr hat das System ebenso bestellt wie die ukrainische Armee, die bereits Tausende Abfangdrohnen erhalten hat.
Auf kinetische Abwehr setzt auch Alpine Eagle, das Jan-Hendrik Boelens und Timo Breuer im Jahr 2023 in München gegründet haben, wobei der Abfangflugkörper dort aus der Luft startet statt vom Boden. Mit 10,25 Millionen Euro Startkapital arbeitet die Firma am luftgestützten Abfangsystem Sentinel, das die Bundeswehr bereits erprobt. Einen dritten Weg wählt die Argus Interception GmbH im niedersächsischen Rotenburg an der Wümme, die von ehemaligen Bundeswehroffizieren gegründet wurde und Drohnen mit Netzen einfängt, damit keine Trümmer herunterfallen.
Wie geltendes Recht die Technologie ausbremst
Betreiber von Häfen, Kraftwerken oder Fabriken dürfen den Luftraum über ihrem Gelände zwar überwachen und Radardaten sammeln. Eine anfliegende Drohne stören oder herunterholen dürfen sie nicht, verkauft wird daher bislang vor allem die Technologie, die Drohnen ausfindig macht. Daran hat auch das neue Luftsicherheitsgesetz nichts geändert, das seit dem 6. März gilt. Es erlaubt der Bundeswehr, auf Anforderung eines Landes bewaffnete Mittel gegen Drohnen einzusetzen, wenn ein besonders schwerer Unglücksfall droht, und es gibt der Bundespolizei eine bundesweite Zuständigkeit an Flughäfen.
Kerstin Andreae, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), hatte schon im Oktober 2025 bundesweit einheitliche Regeln gefordert, denn Betreiber müssten Drohnen nicht nur erkennen, sondern auch abwehren dürfen, sagte sie damals bei der Jahrestagung der Reserve in Berlin.
Ein Jahr später liegt der Punkt auf dem Tisch des Innenministers, und solange dort nichts entschieden ist, bleiben Zuständigkeiten, technische Vorgaben und die Haftung offen. Denn wer eine Drohne aus dem Verkehr zieht, greift in den Luftraum ein, und dafür braucht es eine gesetzliche Grundlage.
