Wirtschaft

Neuer „Bretton Woods-Moment“: Die Welt ist längst am Ende des aktuellen Finanzsystems angekommen

Der IWF hatte im vergangenen Jahr einen neuen „Bretton Woods-Moment“ angekündigt, weil wir am Ende des aktuellen internationalen Finanz- und Währungssystems angekommen sind. Das aktuelle Geldsystem ist nicht mehr tragbar, doch wie wird das neue Finanz- und Währungssystem aussehen?
17.02.2021 20:02
Aktualisiert: 17.02.2021 20:02
Lesezeit: 3 min
Neuer „Bretton Woods-Moment“: Die Welt ist längst am Ende des aktuellen Finanzsystems angekommen
Das „Bretton Woods Committee“ sucht nach Auswegen aus der Krise. (Screenshot)

Es ist nicht das erste Mal, dass globale Krisen globale Maßnahmen erfordern, aber in der Vergangenheit gab es verschiedene Ergebnisse. Nach dem Ersten Weltkrieg spielte Großbritannien eine entscheidende Rolle bei der Bildung des Völkerbundes auf internationaler Ebene. Dies gelang jedoch letztendlich nicht, da Großbritannien auf Nachkriegsreparaturen bestand und die wirtschaftliche Erholung und politische Stabilität Deutschlands untergrub. Als die Welt als nächstes versuchte, zukünftige Konflikte gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu verhindern, wurde versucht, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Die Alliierten trafen sich 1944 in Bretton Woods (USA), um Strategien für die wirtschaftliche Stabilität zu entwickeln.

Mehr zum Thema: Goldstandard und digitaler Dollar: Der „Great Reset“ wird ein neues Geldsystem schaffen

Dies führte zu einem neuen System miteinander verbundener Wechselkurse, die um einen goldgedeckten US-Dollar herum organisiert waren, sowie zu neuen Institutionen, die bei dessen Verwaltung behilflich waren, einschließlich des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der späteren Weltbank. In den nächsten Jahren folgten die Vereinten Nationen und der Vorläufer der Welthandelsorganisation. Das Bretton Woods-System hielt bis in die frühen 1970er Jahre an, als die USA vom Goldstandard abkamen, aber ein Großteil des in den 1940er Jahren geschaffenen Systems ist heute in der einen oder anderen Form erhalten.

Die Finanzkrise 2007/09, die die erste globale Rezession seit den 1930er Jahren gewesen ist, führte zu zahlreichen Handlungsaufforderungen, um ähnliche Krisen in Zukunft zu verhindern. Die Regulierung wurde etwas verschärft, aber die Gefahr einer Instabilität bleibt aufgrund übermäßiger Schulden und zu vieler Spekulationsgeschäfte bestehen. Die Vision des Weltwirtschaftsforums (WEF) von einem „Great Reset“ erkennt an, dass das, was zur Bewältigung dieser Krisen erforderlich ist, weit über Wirtschaftsreformen oder Klimaschutzmaßnahmen oder die Bekämpfung einer Pandemie hinausgeht. Das WEF bemüht sich nach eigenen Angaben um Maßnahmen zu sieben Schlüsselthemen: ökologische Nachhaltigkeit; gerechtere Volkswirtschaften; „Tech for good“; die Zukunft der Arbeit und die Notwendigkeit einer Umschulung; besseres Business; gesunde Zukunft mit fairem Zugang zum Gesundheitssystem für alle; und „jenseits der Geopolitik“ - nationale Regierungen, die global zusammenarbeiten.

Das WEF sagt, der Schlüssel sei die Wiederherstellung des öffentlichen Vertrauens, das „teilweise aufgrund des wahrgenommenen Missbrauchs der Coronavirus-Pandemie untergraben wird“. Dies kann sich jedoch als schwierig erweisen, da sich die Unternehmens- oder Regierungsführung kaum ändert. Die große Hoffnung ist der 78-jährige Joe Biden, der acht Jahre lang US-Vizepräsident. Unter ihm als Vize-Präsident der USA hatten die Probleme in der Welt und in den USA eher zu- als abgenommen.

Eine zentrale Frage für die diesjährige WEF-Konferenz, auf die im Mai 2021 eine zweite Phase in Singapur folgen soll , ist, ob eine neue Form der Globalisierung entwickelt werden soll. Es gab eine marktwirtschaftliche Form der Globalisierung, die zum Ersten Weltkrieg führte, dann zu einem Rückzug in der Zwischenkriegszeit. Bretton Woods führte von 1945 bis in die 1980er Jahre zu einer Ära regulierter Globalisierung. Seitdem hat die „globale Elite“ die regulatorischen Beschränkungen für alles, von spekulativen grenzüberschreitenden Finanzströmen bis hin zu Fusionen und Übernahmen, zurückgedrängt, so Jonathan Michie in einem Beitrag von „Cryptonews“.

Mehr zum Thema: Großer Börsen-Crash im April 2021: Die EZB muss vorbereitet sein

Neben den Mitgliedern des WEF ist der IWF der wichtigste Antreiber des „Great Reset“. Kritiker meinen, dass der „Great Reset“ kleine Unternehmen zerstören werde. Der IWF spricht hingegen von einem neuen „Bretton Woods-Moment“. Die IWF-Chefin Kristalina Georgieva führt am Ende einer Mitteilung über den „Great Reset“ aus: „Ich möchte mit einem Beispiel aus der Vergangenheit schließen. William Beveridge legte mitten im Zweiten Weltkrieg 1942 seinen berühmten Bericht vor, in dem er projizierte, wie Großbritannien das angehen sollte, was er die ,fünf riesigen Übel‘ nannte. Dieser berühmte ,Beveridge Report‘ führte nach dem Krieg zu einem besseren Land - einschließlich der Schaffung des National Health Service, der heute in Großbritannien so viele Menschenleben rettet. Zu dieser Zeit wurde auch meine Institution, der IWF, gegründet - auf der Bretton Woods-Konferenz. Jetzt ist also der Moment gekommen, um die Seite umzublättern - und alle Kraft zu nutzen, die wir haben. Im Falle des IWF verfügen wir über eine finanzielle Kapazität von einer Billion Dollar und ein enormes politisches Engagement. Das ist der Moment, um zu entscheiden, dass die Geschichte darauf als ,Great Reset‘ und nicht als ,Great Reversal‘ zurückblicken wird. Und ich möchte sagen - laut und deutlich -, dass das beste Denkmal, das wir für diejenigen errichten können, die bei der Pandemie ihr Leben verloren haben, darin besteht, eine Welt zu schaffen, die grüner, intelligenter und gerechter ist.“

In einer weiteren Erklärung teilt Georgieva mit: „Heute stehen wir vor einem neuen Bretton Woods-Moment. Eine Pandemie, die bereits mehr als eine Million Menschenleben gekostet hat. Eine wirtschaftliche Katastrophe, die die Weltwirtschaft in diesem Jahr um 4,4 Prozent verkleinern und bis zum nächsten Jahr eine geschätzte Produktion von 11 Billionen US-Dollar abbauen wird. Und unbeschreibliche menschliche Verzweiflung angesichts großer Störungen und zunehmender Armut zum ersten Mal seit Jahrzehnten.“

Einige Tage später, am 18. Oktober, teilte der Makro-Stratege Raoul Pal, über Twitter mit, Georgievas Artikel spiele auf eine „große“ Veränderung des globalen Finanzsystems an. „Wenn Sie nicht glauben, dass die digitalen Währungen der Zentralbank kommen, verpassen Sie das große und wichtige Bild. Dies wird die größte Überarbeitung des globalen Finanzsystems seit Bretton Woods nach sich ziehen. Dieser IWF-Artikel spielt auf eine große Veränderung an, aber es fehlt ihm an wirklicher Klarheit, außer dass er weniger monetäre Mechanismen und viel mehr fiskalische Anreize zulässt. Und morgen veranstaltet der IWF eine Konferenz über digitale Währungen und grenzüberschreitende Zahlungssysteme“, so Pal.

Es ist durchaus möglich, dass im Rahmen eines neuen „Bretton Woods-Moments“ beispielsweise der „IMF Coin“ als neue globale Leitwährung eingeführt wird. Die restlichen Notenbanken würden dann ihre eigenen digitalen Notenbankwährungen (CBDCs) einführen, die an den „IMF Coin“ gekoppelt wären (HIER).

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Merz: Treibstoffversorgung in Deutschland trotz Krise stabil
21.04.2026

Deutschland sieht sich bei der Treibstoffversorgung gut aufgestellt, selbst in Krisenzeiten. Dennoch steigen die Ölpreise wieder deutlich,...

DWN
Politik
Politik Bürokratieabbau unter Bundeskanzler Merz: Realität oder Rhetorik?
21.04.2026

Ein Jahr nach Amtsantritt der Merz-Regierung ist die Euphorie verflogen. Was als „Entfesselungspaket“ für die Wirtschaft angekündigt...

DWN
Politik
Politik Rente: Merz kündigt tiefgreifende Änderungen an - Rentenreform zwingt Bürger zum Umdenken
21.04.2026

Die Rentenreform rückt immer stärker in den Mittelpunkt der politischen Agenda. Bundeskanzler Friedrich Merz kündigt tiefgreifende...

DWN
Panorama
Panorama Rundfunkbeitrag: VGH-Urteil weist Kritik von Klägern zurück
21.04.2026

Immer wieder sorgt der Rundfunkbeitrag für Diskussionen über Fairness und Inhalte im ÖRR. Sieben Kläger zogen vor Gericht, um die...

DWN
Politik
Politik USA-Iran-Konflikt: Seeblockade bremst Verhandlungen
21.04.2026

Die fragile Waffenruhe zwischen Washington und Teheran wankt. Hinter den Kulissen laufen Gespräche, doch Misstrauen und harte Bedingungen...

DWN
Politik
Politik Kritik am Tankrabatt: Verbraucherschützer fordern Direktzahlungen
21.04.2026

Die Diskussion um Entlastungen bei hohen Energiepreisen spitzt sich zu: Während die Bundesregierung auf Tankrabatte setzt, sehen...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs aktuell über wichtiger Trendlinie - positive Signale stabilisieren die Börsen
21.04.2026

Der DAX-Kurs zeigt sich nach einem schwachem Wochenstart wieder stabiler. Hoffnung auf diplomatische Fortschritte im Nahost-Konflikt treibt...

DWN
Technologie
Technologie Umfrage: Atomausstieg wird kritisch bewertet - Mehrheit dennoch gegen Rückkehr zur Kernenergie
21.04.2026

Drei Jahre nach dem Ende der Kernenergie wächst die Kritik in der Bevölkerung. Viele Deutsche zweifeln am damaligen Beschluss, doch ein...