Deutschland

Anleger-Umfrage: „Der Niedergang ist beispiellos“

Eine breit angelegte Umfrage zeigt, dass Deutschland in einer massiven Wirtschaftskrise angekommen ist.
10.10.2022 11:00
Aktualisiert: 10.10.2022 11:01
Lesezeit: 2 min

Die Furcht vor einer tiefen Rezession in der Euro-Zone und in Deutschland greift unter Anlegern um sich. Das zeigt das von der Investment-Beratungsfirma Sentix am Montag veröffentlichte Barometer für Oktober. Der Gesamtindex zur Euro-Zone sackte von minus 31,8 Zählern im September auf minus 38,3 Punkte im laufenden Monat ab und damit den niedrigsten Wert seit Mai 2020. Damals rauschte die Wirtschaft im Sog der Corona-Krise talwärts.

„Die Konjunktur in der Eurozone befindet sich weiter im Absturz“, kommentierte Sentix das Ergebnis. „Die anhaltenden Unsicherheiten über die Gas- und Energielage im Winter sind durch den Anschlag auf die Nordstream-Pipelines nicht kleiner geworden“, erklärte Sentix-Geschäftsführer Manfred Hübner die aktuelle Skepsis der 1331 befragten Anleger. Auch global gebe es nur wenig Grund zur Hoffnung. „Einzig in China scheint es sich aktuell etwas zu stabilisieren.“

Die Lagewerte des Barometers signalisierten ganz klar, dass sich die Wirtschaft in einer Rezession befinde. Und der Rückgang der Erwartungen um vier Punkte auf minus 41,0 Zähler markiere den tiefsten Wert seit Ende 2008: „Dies ist eine deutliche Warnung vor einer sehr tiefen ökonomischen Verwerfung“, betonte Hübner.

Zu den konjunkturellen Sorgen komme nun auch noch eine steigende Wahrscheinlichkeit einer Ausweitung des militärischen Konfliktes in der Ukraine hinzu. Und die Umfragedaten für Deutschland signalisieren laut Sentix einen „katastrophalen Zustand der wirtschaftlichen Verfassung.“ Der Gesamtindex fiel zum vierten Mal in Folge - und zwar um 7,5 Zähler auf minus 37,4 Punkte. Dies ist der tiefste Wert seit März 2009, als Deutschland in den Nachwirren der Weltfinanzkrise steckte. „Der Niedergang, wie er sich in den Sentix-Indizes darstellt, ist jedenfalls beispiellos“, erklärte Hübner.

Der Sentix-Indikator basiert auf einer Umfrage unter Finanzmarktteilnehmern und ist damit in etwa vergleichbar mit den ZEW-Konjunkturerwartungen. Analysten messen der Umfrage Bedeutung zu, weil sie früh im jeweiligen Berichtsmonat veröffentlicht wird und damit Hinweise auf andere Indikatoren wie das Ifo-Geschäftsklima liefern kann. Die Umfrage wurde vom 6. bis 8. Oktober unter 1331 Investoren durchgeführt, davon 249 institutionelle Anleger.

Rezession und Geopolitik drücken Aktienmärkte

Der Dax notierte am Montagvormittag kaum verändert bei 12.282 Punkten, während der EuroStoxx50 0,6 Prozent auf 3356 Zähler nachgab.

Der Arbeitsmarktbericht für die USA bestätige die Erwartung, dass die US-Notenbank Fed an ihrem strammen Zinserhöhungstempo festhalten werde, sagte Neil Wilson, Chef-Analyst des Online-Brokers Markets.com. „Der Arbeitsmarkt expandiert zwar so langsam wie seit vielen Monaten nicht mehr, ist aber nach wie vor außerordentlich angespannt.“ Zudem deuteten die jüngsten Aussagen führender US-Notenbanker darauf hin, dass eine Trendwende in der Geldpolitik nicht in Sicht sei. Vor diesem Hintergrund nahm der Dollar-Index, der den Kurs zu wichtigen Währungen widerspiegelt, wieder Kurs auf sein jüngstes 20-Jahres-Hoch und stieg um 0,2 Prozent auf 113,08 Punkte.

Abwärts ging es für den Ölpreis. Die Sorte Brent aus der Nordsee verbilligte sich um 0,6 Prozent auf 97,34 Dollar je Barrel (159 Liter). Sie leide unter enttäuschenden Konjunkturdaten des Top-Abnehmers China, den wachstumshemmenden US-Zinserhöhungen und der möglichen Freigabe weiterer strategischer Ölreserven durch die USA, sagte Stephen Innes, Geschäftsführer beim Vermögensverwalter SPI.

Am Aktienmarkt gehörten Technologiewerte zu den Verlierern. Ihr Branchenindex fiel um 1,2 Prozent, nachdem die USA bestimmte Technologie-Exporte nach China weiter eingeschränkt hatten. So dürfen Firmen keine Anlagen zur Produktion hochwertiger Computerchips mehr liefern. „Die Maßnahmen werden den chinesischen Chipsektor behindern, Wachstumspläne zunichte machen und möglicherweise Innovationen in Ost und West bremsen“, warnte Analystin Danni Hewson vom Brokerhaus AJ Bell.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

DWN
Technologie
Technologie Arbeitsmarkt: Top-Berufe, die es vor 20 Jahren noch nicht gab
31.03.2025

Eine Studie von LinkedIn zeigt, wie Künstliche Intelligenz (KI) neue Jobs und Fähigkeiten schafft, Karrieren und Arbeitswelt verändert:...

DWN
Finanzen
Finanzen Commerzbank-Aktie: Kurs knickt nach Orcel-Aussage deutlich ein
31.03.2025

Die Commerzbank-Aktie muss nach einer starken Rallye einen Rückschlag hinnehmen. Unicredit-Chef Andrea Orcel hatte zuvor einen möglichen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU vor Herausforderungen: Handelskriege könnten die Wirtschaft belasten – der Ausweg heißt Binnenmarkt
31.03.2025

Die protektionistischen Maßnahmen der USA und mögliche Handelskonflikte belasten die EU-Wirtschaft. Experten wie Mario Draghi fordern...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Betonblock: Lego verklagt Hersteller von Anti-Terror-Betonklötzen
31.03.2025

Lego verklagt das niederländische Unternehmen Betonblock. Die Anti-Terror-Blöcke des Herstellers erinnerten zu sehr an die...

DWN
Technologie
Technologie Neue EU-Vorschriften: Plug-in-Hybriden drohen deutlich höhere CO2-Emissionen
31.03.2025

Mit der Einführung neuer, verschärfter Emissionsmessungen für Plug-in-Hybride (PHEVs) wird die Umweltbilanz dieser Fahrzeuge erheblich...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen wegen Veruntreuung zu Fußfesseln verurteilt - FN-Chef Bardella: "Hinrichtung der französischen Demokratie"
31.03.2025

Marine Le Pen wurde in Paris wegen der mutmaßlichen Scheinbeschäftigung von Mitarbeitern im Europaparlament schuldig gesprochen - das...

DWN
Technologie
Technologie Balkonkraftwerk mit Speicher: Für wen sich die Investition wirklich lohnt
31.03.2025

Balkonkraftwerk mit Speicher: eigenen Strom gewinnen, speichern und so Geld sparen. Doch so einfach ist es leider nicht, zumindest nicht...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: Der Handelskrieg gefährdet die US-Ausnahmestellung
31.03.2025

Da Investitionen nach neuen Möglichkeiten abseits der zuletzt florierenden US-Finanzmärkte suchen, wird an der Wall Street diskutiert, ob...