Politik

Russland: Steigende Verteidigungsausgaben belasten den Staat

Der Krieg in der Ukraine hat den Kreml dazu gezwungen, die Verteidigungsausgaben in großem Umfang zu erhöhen. Diese bringen nun den Staatshaushalt durcheinander.
14.10.2022 14:00
Lesezeit: 4 min
Russland: Steigende Verteidigungsausgaben belasten den Staat
Russland musste im Zuge des Krieges in der Ukraine die Verteidigungsausgaben erhöhen. (Foto: dpa) Foto: Sergei Ilnitsky

Russlands Kriegsführung gegen die Ukraine und der Versuch mit einer Teilmobilisierung auf die Gegenoffensive der ukrainischen Armee zu reagieren und den Krieg in die Länge zu ziehen, werfen eine Frage auf: Wie beeinflussen diese Faktoren den russischen Verteidigungshaushalt?

Ausgaben können auf bis zu 90 Milliarden US-Dollar steigen

Seit Mai 2022 hat die russische Regierung aus den Daten zum Verteidigungshaushalt wenige Daten veröffentlicht. Trotzdem ist abzulesen, das sich die Verteidigungsausgaben von Januar bis April auf insgesamt fast 1,6 Billionen Rubel (26,4 Milliarden US-Dollar) beliefen, wobei im März und April monatlich etwa 500 Milliarden Rubel (8,3 Milliarden US-Dollar) ausgegeben wurden.

Angesichts dieser Dynamik im Vergleich zu den Verteidigungsausgaben Moskaus in den Vorjahren (etwa 300 Milliarden Rubel (fünf Milliarden US-Dollar) pro Monat) und der Tatsache, dass der ursprüngliche Verteidigungshaushalt für 2022 3,85 Billionen Rubel (63,6 Milliarden US-Dollar) betrug, könnte der tatsächliche Betrag für die russischen Verteidigungsausgaben im Jahr 2022 bis zum Ende des Jahres sogar 5,5 Billionen Rubel (90,9 Milliarden US-Dollar) erreichen.

Die Schätzung im Zusammenhang mit der Dynamik steht im Einklang mit zwei wichtigen Fakten. Erstens wurden im Juni 2022 die zusätzlich geplanten Ausgaben für die Rüstungsproduktion laut der russischen Nachrichtenagentur Interfax offiziell auf 600-700 Milliarden Rubel (9,9-11,6 Milliarden US-Dollar) geschätzt. Zweitens wurde die Schätzung für den gesamten russischen Verteidigungshaushalt im Jahr 2022 nach einer Überarbeitung im September 2022 auf 4,7 Billionen Rubel (77,7 Milliarden US-Dollar) angepasst, wie die russische Tageszeitung Wedomosti Ende September geschrieben hat und diese Änderung wird sicherlich nicht die letzte sein.

Russischer Staatshaushalt gerät aus dem Gleichgewicht

Diese Anhebungen bringen die Verteidigungsausgaben den russischen Staatshaushalts selbst aus dem Gleichgewicht. In diesen Ausgaben sind laut Wedomosti die Mittel für die Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden, wie die russische Nationalgarde (Rosgvardia) und der russische Föderale Sicherheitsdienst, die ebenfalls in den Krieg gegen die Ukraine verwickelt sind, nicht enthalten. Ursprünglich war das Budget 2022 für Sicherheits- und Strafverfolgungsorganisationen auf 2,8 Billionen Rubel (46,3 Milliarden Dollar) festgelegt worden, aber es gibt laut der russischen Nachrichtenagentur TASS Belege dafür, dass der Plan seitdem mehrmals erheblich geändert wurde.

Laut Wedomosti ist davon auszugehen, dass die Turbulenzen bei den russischen Verteidigungsausgaben im Jahr 2023 wahrscheinlich noch zunehmen werden. Der Haushaltsvorschlag für 2023 sieht fast 5 Billionen Rubel (82,6 Milliarden US-Dollar) für die Verteidigung und 4,2 Billionen Rubel (69,4 Milliarden US-Dollar) für Sicherheit und Strafverfolgung vor, gegenüber den zuvor von der Regierung geplanten 3,6 Billionen Rubel (59,5 Milliarden US-Dollar) bzw. 2,9 Billionen Rubel (47,9 US-Dollar). Die laufende Mobilisierung lässt jedoch von vornherein Zweifel an diesem Plan aufkommen, da keine klaren Parameter für diesen Prozess festgelegt wurden und er bereits jetzt recht chaotisch verläuft.

Verteilung auf regionale und lokale Haushalte

Der in die Höhe schießende Verteidigungshaushalt bedeutet vor allem eins: weniger Flexibilität und Effizienz für die russischen Staatsausgaben. Daher hat Moskau beschlossen, die Last der Verteidigungsausgaben auf die regionalen und lokalen Haushalte zu verteilen. So werden die regionalen und lokalen Verwaltungen nun Dual-Use-Ausrüstung, kommerzielle unbemannte Luftfahrzeuge, lasergesteuerte Systeme und andere Güter auf direktem Wege vom russischen Verteidigungsministerium erwerben. Dies gab das Ministerium Anfang Oktober bekannt.

Dieser Prozess steht in engem Zusammenhang mit der laufenden Mobilisierung. Diese sieht sich nicht nur mit einem Chaos durch flüchtende Kriegsdienstverweigerer und Demonstrationen gegen die Mobilmachung, wie etwa in Dagestan, konfrontiert, sondern auch mit einem Mangel an Grundausrüstung, Medizin und Kampfunterstützungssystemen für die neu mobilisierten Soldaten. So wurden laut der Neuen Zürcher Zeitung viele Videos und Bilder veröffentlicht, die auf eine desaströse Lage der neu einberufenen Soldaten hindeuten. Angesichts dieser Problematik könnte der russische Verteidigungshaushalt im Jahr 2023 zusätzliche Mittel erhalten, was jedoch vom Umfang und Erfolg der Mobilisierung abhängen wird.

Das Problem dabei ist jedoch, dass kein regionaler Haushalt in Russland mehr unabhängig von den Launen der Zentralregierung in Moskau ist und folglich ist auch kein lokaler Haushalt unabhängig von regionalen Weisungen. Das bedeutet, dass die Entscheidung des russischen Finanzministeriums im März, die regionalen und lokalen Haushalte für Verteidigungszwecke zu nutzen, zu weiteren Ungleichgewichten und Instabilitäten innerhalb des russischen politisch-wirtschaftlichen Systems geführt hat. Dies gilt umso mehr, als der Kreml mit einem internationalen Embargo für die Lieferung von Technologien und Industrieausrüstungen zu kämpfen hat.

Arbeitskräftedefizit schon vor Kriegsbeginn ein Problem

Obwohl die Hauptursachen für die Erhöhung der russischen Verteidigungsausgaben die massiven Verluste an Arbeitskräften und Waffen waren, wird dieser Anstieg höchstwahrscheinlich nur die Kosten für die Herstellung und den Kauf von Waffen und militärischer Ausrüstung in die Höhe treiben, anstatt die Menge und Qualität der Lieferungen zu verbessern.

Das Defizit an Arbeitskräften in der russischen Wirtschaft, einschließlich der Rüstungsindustrie, war wie Berichte der Nachrichtenzeitung Nezavisimaya Gazeta und der russischen Handels- und Industriekammer zeigen, schon vor dem Krieg ein ernstes Problem. Der Entschluss für einen Angriffskrieg Ende Februar, in Verbindung mit der am 20. September verkündeten Teil-Mobilisierung wird dieses Problem eher verschärft haben, anstatt es zu beheben.

Die Zahlen und Belege deuten auf einen Schluss hin: Der Ansatz der russischen Regierung, Probleme mit Geld zu lösen, verspricht im Bezug auf die Verteidigungsausgaben keine positiven und nachhaltigen Ergebnisse. Trotz des Mangels an greifbaren Ergebnissen besteht jedoch ein kurzfristiger Nebeneffekt dieser ausufernden Ausgaben darin, dass die Loyalität der Streitkräfte und der Rüstungsindustrie gegenüber dem Kreml aufrechterhalten wird.

Dennoch sind weitere Ungleichgewichte im russischen Verteidigungssektor unvermeidlich, selbst wenn die Intensität des Krieges in der Ukraine in den kommenden Monaten nachlässt. Angesichts der Tatsache, dass der Rubel nicht mehr frei konvertierbar ist und in absehbarer Zukunft auch unerwartet abwerten könnte, besteht die Möglichkeit, dass Russlands explodierende Verteidigungsausgaben ohne eine weitere Wiederherstellung der Zentralverwaltungswirtschaft ihren Nutzen für den Kreml verlieren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Der wachsende Trend zu digitalen Zusatzeinkommen im deutschen Mittelstand

Wirtschaftliche Unsicherheit und steigende Lebenshaltungskosten verändern das Verhältnis vieler Beschäftigter und Selbstständiger zu...

DWN
Finanzen
Finanzen Schuldenweltmeister Deutschland: Regierung plant noch mehr Schulden - wird die Defizitgrenze gekillt?
10.07.2026

Die Staatsverschuldung wächst unter Bundesfinanzminister Klingbeil rasant und die Regierung hat bisher keinen Plan gegen steigende...

DWN
Politik
Politik Mammutsitzung vor der Sommerpause: Bundesrat beschließt zahlreiche Gesetze nach turbulenten Debatten
10.07.2026

Die Länderkammer hat sich mit einer außergewöhnlich dynamischen und dicht gedrängten Sitzung in die parlamentarische Sommerpause...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt 22 Euro pro Kasten: Wie eine Allgäuer Familienbrauerei die Branche aufmischt
10.07.2026

Der Bierabsatz in Deutschland stürzt auf ein historisches Rekordtief. Doch statt die Preise zu senken, verlangt die Meckatzer Löwenbräu...

DWN
Panorama
Panorama USA-Dynastien: Amerikas heimliche Herrscher
10.07.2026

Amerika feiert sich als Republik ohne Könige und ererbte Macht. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt: Familien wie Adams, Rockefeller,...

DWN
Politik
Politik Die russische Kraftstoffkrise greift auf die Nachbarländer über
10.07.2026

Der Kreml warnt, dass er den Export von Kraftstoffen verbieten könnte. Einige Nachbarländer haben jedoch keine andere Alternative als...

DWN
Politik
Politik Ein Donnerschlag im Paradies: Trumps „Vertrauensfrau“ Giorgia Meloni macht Platz für einen Anderen
10.07.2026

Trouble in paradise. So könnte man das Verhältnis zwischen der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und US-Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik Endgültiges Aus für das Heizungsgesetz der Ampel: Bundestag beschließt Kehrtwende beim Heizen
10.07.2026

Das hochumstrittene Gebäudeenergiegesetz der ehemaligen Ampel-Koalition steht vor dem endgültigen Aus. Der Bundestag stimmt am heutigen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin unter Druck: Warum die nächste Rally auf sich warten lässt
10.07.2026

Der Bitcoin steckt in der Krise: Der Kurs fällt, Anleger ziehen Kapital ab und setzen lieber auf KI-Aktien. Gleichzeitig wird Mining durch...