Wirtschaft

Energieverbrauch in Deutschland sinkt auf Allzeit-Tiefstand

Der Primärenergieverbrauch in Deutschland wird 2023 auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen sinken - ein ominöses Zeichen.
21.11.2023 16:12
Aktualisiert: 21.11.2023 16:12
Lesezeit: 4 min
Energieverbrauch in Deutschland sinkt auf Allzeit-Tiefstand
Die Nachfrage nach Primärenergie wird dieses Jahr einen Allzeit-Tiefstand erreichen. (Grafik: istockphoto.com/wacomka) Foto: wacomka

Der Umfang der in Deutschland genutzten Primärenergie wird im laufenden Jahr voraussichtlich auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichen sinken. Dies geht aus Kalkulationen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen (AGEB) hervor.

Die unter dem Dach der AGEB versammelten drei Verbände aus der Energiewirtschaft und fünf Forschungsinstitute werten seit dem Jahr 1971 Daten aus dem Energiesektor aus.

Primärenergie bezeichnet den Energiegehalt aller im Inland eingesetzten Energieträger. Bei solchen Primärenergieträgern handelt es sich beispielsweise um Erdgas, Erdöl, Kernbrennelemente oder erneuerbare Energieformen. Die dem Konsumenten nach diversen Umwandlungs- und Übertragungsverlusten sowie nach Abzug der materiellen Verwertung schlussendlich zur Verfügung stehende Kombination aus Primär- und Sekundärenergie wird als Endenergie bezeichnet.

De-Industrialisierung in Deutschland

Den veröffentlichten Daten zufolge wird der Primärenergieverbrauch dieses Jahr im Vergleich zum Vorjahr um rund 8 Prozent abnehmen und sich auf 10.784 Petajoule, umgerechnet 2.995 Terawattstunden, belaufen. Damit läge der Verbrauch um knapp 28 Prozent unter dem bisherigen Höchststand im Jahre 1990, als 14.905 PJ erreicht wurden.

Der wichtigste Faktor für den Einbruch, so die Experten der AGEB, sei die Rezession, in welche die deutsche Volkswirtschaft im laufenden Jahr eingetreten ist. Bundesregierung und Bundesbank schätzen, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr nach Maßgabe des Bruttoinlandsprodukts rund 0,5 Prozent unter jener des (von einer Energiekrise geprägten) Vorjahres liegen wird.

Daneben schmälert die Abwanderung von energieintensiven Betrieben ins Ausland beziehungsweise die zunehmende Verlagerung von energieintensiven Produktionsprozessen ins Ausland die Nachfrage nach Energie.

Als Folge der Politik der Energiewende samt Ausstieg aus Nuklear- und Kohlekraft müssen deutsche Unternehmen seit vielen Jahren weitaus höhere Strompreise bezahlen als ihre Konkurrenten in Nordamerika, Europa oder Asien.

Medienberichten zufolge ist der durchschnittliche Strompreis, den industrielle Kunden hierzulande bezahlen müssen, mit etwa 42 Cent pro Kilowattstunde rund drei mal so hoch wie in den Vereinigten Staaten.

Erschwert wurde diese ungünstige Ausgangslage durch den Krieg in der Ukraine, nach dessen Beginn die Bundesregierung eine schrittweise Abkopplung von preiswerten russischen Energieträgern, insbesondere von Erdgas und Erdöl, eingeleitet hatte. Auch diese Entscheidung hat zum Anstieg der Energiekosten beigetragen, ist doch beispielsweise das aus den USA, Katar oder Australien importierte Flüssiggas (LNG) vier bis fünfmal teurer als russisches Erdgas.

Unternehmen aus energieintensiven Branchen wie Stahlherstellung, Autobau, Chemie oder Pharmazie haben deshalb damit begonnen, Produktionskapazitäten aus Deutschland abzuziehen und im günstigeren Ausland aufzubauen.

Genau diese De-Industrialisierung bildet zusammen mit der Rezession - welche ebenfalls maßgeblich von dem hohen Energiepreisniveau (mit)verursacht wurde, zum Einbruch bei der Primärenergienachfrage bei.

Sparsamkeit und mehr Eigenerzeugung

Daneben spielen einige schwächere Einflussfaktoren eine Rolle. So erzeugen inzwischen viele Haushalte und auch kleinere Betriebe Teile ihres Strombedrafs selbst mithilfe von Solaranlagen und speichern den Strom mit Batteriespeichern.

Die seit Kriegsbeginn in der Ukraine teilweise drastisch gestiegenen Energiekosten haben zudem viele Menschen veranlasst, im Alltag Energie einzusparen.

Auch das Wetter spielt eine Rolle. So soll 2023 im Vergleich zu 2022 bislang wärmer gewesen sein, was den Bedarf an Heizenergie schwächt. Der AGEB zufolge dürften von der gesamten prozentualen Verbrauchsminderung etwa ein Fünftel witterungsbedingt gewesen sein.

Auf der Seite der Nachfrage-treibenden Faktoren steht die nach wie vor starke und unkontrollierte Einwanderung nach Deutschland auf dem ersten Platz. Alle neu nach Deutschland gekommenen Menschen brauchen eine beheizte Unterkunft, beziehen Elektrizität und konsumieren darüber hinaus auf mannigfaltige Weise Energie. Glaubt man Äußerungen von Bundeskanzler Olaf Scholz, wird die Zuwanderung auf absehbare Zeit anhalten.

„Ein migrationsbedingter Zuzug von 1,35 Millionen Menschen führte zu einem Anstieg des Energieverbrauchs in einer Größenordnung von etwa 200 PJ“, schreibt AGEB.

Strom-Importe wegen Atom-Ausstieg

Die Abschaltung der letzten drei aktiven Kernkraftwerksblöcke im April schlägt sich deutlich in der Statistik nieder. So ging die Nutzung von Atomstrom in den ersten drei Quartalen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Auch Strom aus Stein- und Braunkohle trug mit Rückgängen von 19,1 Prozent und 23,4 Prozent zum Gesamtrückgang der Primärenergie bei. Bemerkenswert ist, dass die Nachfrage nach beiden Energieformen politisch unterdrückt wird.

Um die durch den Atom- und Kohleausstieg erzwungene Angebotsreduzierung auszugleichen, musste Deutschland in den ersten neun Monaten des Jahres mehr Elektrizität importieren als zuletzt. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 9,7 Terawattstunden mehr Strom aus dem Ausland importiert als exportiert. Berechnungen zufolge decken sich die Importe weitgehend mit den Produktionsausfällen der Kernkraftwerke.

„Bis zum Mai des laufenden Jahres verzeichnete der Stromaustauschsaldo einen deutlichen Exportüberschuss, seither wird im Saldo mehr importiert. Die AG Energiebilanzen sieht in der Entwicklung ein Indiz für einen gut funktionierenden europäischen Strommarkt: Im Ausland standen im Berichtszeitraum teilweise günstigere Erzeugungsoptionen zur Verfügung als in Deutschland“, heißt es dazu im AGEB-Pressebericht.

Erneuerbare mit Fragenzeichen

Interessant sind die Statistiken zu den erneuerbaren Energieformen Biomasse, Windkraft, Wasserkraft und Solarenergie. Die Planungen der Bundesregierung sehen vor, dass Wind- und Solarenergie zu den beiden wichtigsten Primärenergieerzeugern in Deutschland aufsteigen sollen. Vor diesem Hintergrund werfen die Daten von AGEB Fragen auf.

So schreibt die Arbeitsgemeinschaft: „Der Beitrag der erneuerbaren Energien verringerte sich in den ersten neun Monaten leicht um 0,3 Prozent auf 1.516 PJ (51,7 Mio. t SKE). Die Stromerzeugung aus Wind konnte um 3 Prozent zulegen. Bei der Solarenergie gab es ein leichtes Minus von 1 Prozent. Die Stromerzeugung aus Wasserkraft erhöhte sich um 14 Prozent. Die Biomasse, auf die knapp 55 Prozent des gesamten Primärenergieverbrauchs der erneuerbaren Energien entfällt, blieb um 3 Prozent hinter dem Vorjahreswert zurück.“

Bemerkenswert sind dabei zwei Umstände: Zum Einen, dass der Beitrag der Erneuerbaren zum Energieangebot trotz des von der Politik gefördertern Ausbaus in den ersten drei Quartalen sank. Und zum Zweiten, dass auf Biomasse mehr als die Hälfte der von den Erneuerbaren angebotenen Energie entfiel.

Zu den energietechnisch nutzbaren Biomasse gehören Holzpellets, Holz-Hackschnitzel, Stroh, Getreide, Altholz, pflanzliches Treibgut, Biodiesel und Biogas. Insbesondere die Verbrennung von Holz und Bio-Kraftstoff verursacht jedoch Schadstoffemissionen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutscher Mittelstand verzweifelt an Regierung: Warum Unternehmer frustriert sind
14.06.2026

Deutschlands mittelständische Unternehmen verlieren zunehmend das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Bundesregierung. Wie eine falsche...

DWN
Technologie
Technologie Megatrends zeigen Europas gefährliche Zukunftslücke
14.06.2026

Technologie, Schulden, Demografie und Energie verändern die Weltwirtschaft schneller, als die Politik reagieren kann. Die Analyse der...

DWN
Politik
Politik Fünf politische Dauerbaustellen: Was aus großen Reformversprechen wurde
14.06.2026

Von Ehegattensplitting bis Familienstartzeit: Diese fünf Reformprojekte sollten Deutschland verändern. Heute prägen sie vor allem eines...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Er ist dabei, Maersk zu überholen – nun gibt CMA-Chef Saadé eine aufsehenerregende Prognose ab
14.06.2026

CMA-Chef Rodolphe Saadé sieht eine Weltwirtschaft auf Speed und warnt vor neuen Schocks im Welthandel. Seine Botschaft trifft auch Maersk,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Startups suchen Geldgeber: Wer finanziert Deutschlands Zukunft?
14.06.2026

Deutschland hat kein Startup-Problem, sondern ein Kapitalproblem. Während innovative Gründer neue Technologien entwickeln, fehlt häufig...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rebecca Harding im Interview: Konflikte haben die Funktionsweise der Weltwirtschaft unwiderruflich verändert
14.06.2026

Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran im Nahen Osten hat gezeigt, was ein Wirtschaftskrieg ist und wie er funktioniert, erklärt Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wandert die Industrie ab? Fakten statt Ideologie
13.06.2026

Die Industrie verschwindet nicht über Nacht. Gefährlicher ist, was leiser passiert: Investitionen entstehen anderswo, Produktlinien...

DWN
Finanzen
Finanzen Rechenzentren: Warum Energieaktien zur Nebenwette auf künstliche Intelligenz werden
13.06.2026

Der Energiesektor könnte zu einem der Gewinner beim Bau der Rechenzentren werden, die für künstliche Intelligenz benötigt werden.