Unternehmen

Welche Folgen der Fachkräftemangel in der Wirtschaft hat

Die deutsche Wirtschaft klagt seit langem über Personalengpässe. Das hat viele Auswirkungen. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht. Der DGB sieht auch strukturelle Probleme wie schlechte Bezahlung.
09.12.2023 09:51
Aktualisiert: 09.12.2023 09:51
Lesezeit: 3 min

Das Stammrestaurant hat weniger Tage in der Woche geöffnet, Firmen müssen Aufträge ablehnen, Roboter übernehmen mehr Aufgaben: das sind konkrete Folgen des Fachkräftemangels in Deutschland. Dieser erfasst nach einer Firmenumfrage längst die Breite der deutschen Wirtschaft. Jeder zweite Betrieb kann offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen, weil er keine passenden Arbeitskräfte findet. Das ergab der am Mittwoch vorgestellte neue Fachkräftereport der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK).

Die Fachkräftesituation bleibe trotz wirtschaftlicher Stagnation sehr kritisch, sagte der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Die Personalengpässe zögen sich mittlerweile durch nahezu alle Branchen und Berufe. Für den Report wurden laut DIHK Angaben von mehr als 22 000 Unternehmen ausgewertet.

Viele offene Stellen bleiben unbesetzt

Am häufigsten fehlen laut DIHK beruflich Qualifizierte mit dualer Ausbildung. Am größten seien Stellenbesetzungsprobleme in Industriebetrieben, etwa im Werkzeugmaschinenbau, im Maschinenbau oder bei Herstellern elektrischer Ausrüstungen. Personalengpässe gibt es auch aber am Bau, in der Sicherheitswirtschaft, bei Reinigungsdiensten, Gesundheits- und Sozialdienstleistern.

Branchen, in denen vergleichsweise selten von Stellenbesetzungsproblemen berichtet werde, seien etwa Werbung und Marktforschung, die Immobilienwirtschaft und das Druckgewerbe. Allerdings resultiere das nicht in erster Linie daraus, dass Personal leicht zu finden sei, sondern aus dem im Vergleich eher geringen Personalbedarf.

Insgesamt bleiben laut DIHK nach einer aktuellen Schätzung 1,8 Millionen Stellen unbesetzt. Rechnerisch gingen dadurch mehr 90 Milliarden Euro an Wertschöpfung in diesem Jahr verloren. Das entspreche mehr als 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Die Arbeits- und Fachkräfteengpässe dürften wegen der demografischen Entwicklungen weiter zunehmen, so der DIHK. Es rücken weniger Jugendliche in den Arbeitsmarkt nach als ihn Ältere verlassen - rund 400 000 weniger pro Jahr.

Die Folgen des Fachkräftemangels

82 Prozent der Unternehmen erwarten laut Umfrage negative Folgen des Fachkräfte- und Arbeitskräftemangels. Diese kämen zu ohnehin aktuell erheblichen Herausforderungen und Unsicherheiten hinzu, wie etwa hohe Energiekosten. Konkrete Folgen sind: 16 Prozent der Unternehmen investieren laut Umfrage weniger in Deutschland. Der DIHK nannte das alarmierende Werte. Die Engpässe gefährdeten den Erfolg in wichtigen Schlüsseltechnologien.

Sechs von zehn Unternehmen sehen eine Mehrbelastung der vorhandenen Belegschaft. Knapp 60 Prozent der Firmen sagten, sie erwarteten steigende Arbeitskosten. Dercks sprach von einem «Arbeitnehmermarkt»: Im Zuge von Personalknappheiten steigen Gehälter, um Arbeits- und Fachkräfte zu gewinnen und zu halten - aus Sicht der Beschäftigen also eigentlich eine positive Entwicklung.

Vier von zehn Unternehmen erwarten laut DIHK, dass sie Aufträge ablehnen müssen und diese verlieren, weil dafür das nötige Personal fehlt - und dass sie ihr Angebot einschränken müssen. Das bedeutet also zum Beispiel verringerte Öffnungs- und Servicezeiten und längere Wartezeiten. Um den Fachkräftemangel zu verringern, erwartet fast jede vierte Firma eine verstärkte Digitalisierung, den Einsatz Künstlicher Intelligenz und von Robotern.

Was tun gegen Personalengpässe

«Bei großen Fachkräftelücken bestehen oft auch strukturelle Probleme wie schlechte Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen», sagte Anja Piel, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds. «Für die Unternehmen heißt das: Wer Fachkräfte sucht, muss zuallererst für bessere Bedingungen und tarifliche Bezahlung sorgen. Auch für Aus- und Weiterbildung, mehr Beschäftigung von Frauen und Älteren, Integration von Arbeitslosen und attraktive Arbeitszeitmodelle können kluge Unternehmen etwas tun.»

Für die Ampel-Koalition gelte, politisch alles zu tun, um vorhandene Potenziale am Arbeitsmarkt besser auszuschöpfen. «Für Menschen, die es nicht auf den Arbeitsmarkt schaffen oder gerne arbeiten würden, aber nicht können, weil Familienangehörige gepflegt oder Kinder betreut werden oder das Aufenthaltsrecht Schwierigkeiten macht, müssen Hürden abgeräumt werden», so Piel. Auch eine Fachkräfteeinwanderung zu fairen und guten Bedingungen könne einen nachhaltigen Beitrag leisten.

Laut DIHK-Umfrage kommt es für 55 Prozent der Firmen in Betracht, Menschen aus sogenannten Drittstaaten einzustellen. Die Bundesregierung will die Zuwanderung aus Nicht-EU-Staaten mit dem neuen Gesetz zur Fachkräfteeinwanderung erleichtern. «Es kommt entscheidend auf die Umsetzung an», sagte Dercks. So müssten Visaverfahren beschleunigt werden, es gebe monatelange Wartezeiten. Das gesamte Verwaltungsverfahren der Zuwanderung müsse digitalisiert werden.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldgedeckte Digitalwährungen als Brücke zwischen Sachwerten und Finanztechnologie

Steigende Inflation, geopolitische Unsicherheiten und die fortschreitende Digitalisierung verändern die Anforderungen an moderne Formen...

 

DWN
Politik
Politik Rotstift beim Wohngeld: Bundesregierung plant Sparhammer für Wohngeldempfänger
19.06.2026

Das Spardiktat der Bundesregierung trifft Haushalte mit geringem Einkommen hart: Bauministerin Verena Hubertz plant drastische Kürzungen...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Preis Sevnica: 60 Tonnen Stahl für die Elektrifizierung Europas
19.06.2026

Das Unternehmen Preis Sevnica aus Slowenien fertigt hochkomplexe Transformatorgehäuse, baut im Zuge der Elektrifizierung Europas seine...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinesische Elektroautos greifen Deutschlands Autoelite an
19.06.2026

Wer Chinas Autobauer noch für Nachahmer hält, unterschätzt den eigentlichen Umbruch der Branche. Chinesische Elektroautos setzen längst...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
19.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...

DWN
Politik
Politik Druck aus Berlin: Kanzler Merz will EU-Haushalt eindampfen und Tempo machen
19.06.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz erhöht beim EU-Gipfel in Brüssel den Druck auf die europäischen Partner. Er wies den aktuellen Entwurf für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Revolte bei den Jusos: Philipp Türmer droht SPD-Spitze mit Personaldebatte
19.06.2026

Die anhaltende Umfragekrise der SPD sorgt für heftigen parteiinternen Zoff. Juso-Chef Philipp Türmer geht die Parteispitze frontal an und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Werksumbau in Sachsen: BMW macht Leipzig fit für die nächste E-Generation
19.06.2026

BMW schaltet am Standort Leipzig auf Zukunft: In den kommenden Sommermonaten wird das sächsische Werk für mehrere Wochen umfassend...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gemeinsame Ziele in Krisenzeiten: Deutschland und Türkei planen engere Kooperation
19.06.2026

Deutschland und die Türkei wollen ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit massiv ausbauen und vertiefen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina...