Wirtschaft

Wie unsere Wirtschaft vom internationalen Flugverkehr abgekoppelt wird

Ryanair kappt Verbindungen und streicht Standorte in Deutschland. Easyjet dünnt die Frequenzen aus. Selbst Lufthansa-Chef Carsten Spohr rechnet mit tiefen Einschnitten bei den Flugplänen. Gut fürs Klima womöglich, aber ganz schlecht für den Standort Deutschland! Die Politik zuckt derweil nur mit den Achseln.
15.10.2024 06:02
Lesezeit: 4 min

Weltweit lässt sich der wirtschaftliche Erfolg von Staaten auch am Flugverkehr ermessen. Dass Deutschland in der Statistik mittlerweile zusehends auf dem absteigenden Ast abrutscht, lässt sich selbst inzwischen sogar allmählich an unseren Flughäfen beobachten. Die Provinzflughäfen werden allmählich alle abgehängt. Der Hauptstadt-Flughafen BER kommt einfach nicht auf Arbeitstemperatur - die einst erhofften Verbindungen in alle Welt bleiben bislang Wunschdenken. Und selbst unsere beiden Hubs in München und Frankfurt/Main verlieren langsam an Bedeutung und können nicht mehr mit Paris, London und gar Amsterdam konkurrieren, weil selbst unser stolzer Flaggschiff-Carrier die Flugpläne immer weiter zusammenstreicht. Wird Deutschland vom internationalen Flugverkehr abgehängt? Oder erkennt die Politik doch noch, dass da bereits das nächste große Problem auf die deutsche Wirtschaft zukommt?

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat am Wochenende eingeräumt, dass Deutschlands altehrwürdige Kranich-Linie nach den jüngst erst ausgedünnten Verbindungen in Richtung China bereits über weitere Einschnitte im Flugplan nachdenkt. "Ich mache mir große Sorgen um die Anbindung unseres Wirtschaftsstandorts", betonte Spohr in einem Interview am Sonntag. "Die extrem gestiegenen staatlichen Kosten im Luftverkehr führen zu einem weiter schrumpfenden Angebot. Immer mehr Airlines meiden deutsche Flughäfen oder streichen wichtige Verbindungen."

Das Problem ist schon länger virulent - und natürlich auch der Politik bestens bekannt. Bislang waren es jedoch überwiegend nur die so genannten Billigflieger, die lauthals über die Wettbewerbsverzerrungen gejammert hatten. Vielleicht hat der Gründer von Ryanair, Michael O'Leary, in der Vergangenheit einfach zu oft und zu laut geklagt, so dass ihm keiner mehr ernst genommen hat.

Doch nun hat der neue CEO der irischen Luftfahrtgesellschaft, Eddie Wilson, gleich den ganz großen Besen herausgeholt und 1,8 Millionen Sitzplätze aus dem Sortiment genommen. Ryanair wird zudem ihre Standorte in Dortmund, Dresden und Leipzig schließen und das Angebot in Hamburg um 60 Prozent reduzieren. Im Ergebnis werden damit insgesamt 22 Strecken ab Sommer 2025 wegfallen. Wilson rechtfertigt dies, wie folgt: „Deutschland hat erst 82 Prozent seines Verkehrsaufkommens von vor Covid wieder erreicht, was es zum bei weitem am schlechtesten abschneidenden Luftverkehrsmarkt in Europa macht. Aufgrund dieser hohen staatlichen Steuern und Gebühren (den höchsten in Europa) sowie dem Hochpreis-Monopol von Lufthansa zahlen deutsche Bürger und Besucher nun die höchsten Flugpreise in Europa."

Zu lange haben die Verantwortlichen in Verkehrs- und Wirtschaftsministerium das Gezeter als "Klagen auf hohem Niveau" abperlen lassen. Dass unterdessen aber auch Eurowings und die stolzen Lufthanseaten selbst einräumen mussten, dass einfach allen Carriern an Deutschlands Airports die Kosten davonlaufen, sollte eigentlich für rasches Handeln sorgen, möchte man meinen. Doch danach sieht es bislang nicht aus. Insbesondere die Grünen freuen sich stattdessen über niedriger werdende CO2.Belastungen - egal zu welchem Preis. So sah sich der Lufthansa-Boss offenkundig nun wohl persönlich berufen, sich endlich in Berlin Gehör zu verschaffen.

Denn auch Easyjet und Eurowings verweisen unterdessen gleichfalls auf die hohe Kostenbelastung an deutschen Flughäfen und benennen dies klar als den zentralen Grund für ihren Rückzieher. Seit Jahren schon beklagt die Luftfahrtbranche zu hohe Kosten wie Fluggebühren und Gebühren für Sicherheitskontrollen sowie Flugsicherung. Im Vergleich etwa mit dem Flughafen Rom liegen die Abfertigungskosten an den gr0ßen deutschen Airports mit über 4.000 Euro pro Maschine mehr als doppelt so hoch - in Relation mit Madrid sogar um das Vierfache.

Dass im Mai zuletzt auch noch die Luftfahrtsteuer drastisch erhöht worden ist, hat das Fass nun wohl zum Überlaufen gebracht. Auch der Flughafenverband ADV verlangt deshalb von der Bundesregierung zügige Schritte zur Stärkung des Luftverkehrs. "Der Luftverkehrs-Standort Deutschland liegt in seiner Entwicklung unter dem Niveau von 2013", schlägt ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel Alarm. "Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig. Wann wacht Berlin auf?" Gute Frage, aber keine Meldungen!

Endlich greifen wenigstens CDU/CSU als Opposition der Ampel das Thema auf. "Das Regierungshandeln insbesondere der letzten Jahre hat den Bogen überspannt", sagte die Tourismussprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Anja Karliczek. Sie fordert - vor allem mit Blick auf Volker Wissing von der FDP und dessen Parteichef, Finanzminister Christian Lindner - die Rücknahme jener fatalen letzten Steuer-Erhöhung. "Wir dürfen nicht weiter zusehen, wie Deutschland als Luftverkehrs-Standort abgehängt wird, es immer weniger Flugverbindungen gibt und die verbleibenden sich übermäßig verteuern."

Doch während Anja Karliczek sich vordergründig um den Tourismus sorgt (und dabei auch die Interessen der Mitbürger in ihrer Rolle als Reiseweltmeister vertritt), geht es mittlerweile längst auch um die bange Frage, wie unsere Unternehmen eigentlich mit dem Ausland in Kontakt bleiben sollen. Denn: Nicht alles lässt sich per Zoom-Konferenz oder auf Teamviewer besprechen. Manchmal müssen Management und Experten auch einmal mit dem Flieger zum Kunden ins Ausland fliegen - und zwar nicht mit von langer Hand und Wochen im voraus geplanten Vorbuchungszeiten. Von den immer teurer werdenden Ticketpreisen bei uns im Lande mal ganz abgesehen. Die Zeiten für unbeschwerte Verbindungen innerhalb Europas scheinen für alle Zeit vorbei zu sein.

Lufthansa-CEO Spohr befürchtet im übrigen, dass bereits zusätzliche staatliche Regulierungen in der Planung seien: "Für die nächsten Jahre sind bereits weitere nationale Alleingänge beschlossen - zum Beispiel eine Beimischungsquote für E-Fuels, die es jedoch in ausreichender Menge noch gar nicht gibt. In der Folge sinkt im internationalen Vergleich die Anbindungsqualität vieler wichtiger Wirtschaftsregionen." E-Fuels sind synthetisch hergestellte Kraftstoffe auf Kohlenstoffbasis, die den klimaschädlichen CO2-Ausstoß der Flugzeuge reduzieren sollen. Der Branchenverband BDL macht sich deshalb dafür stark, dass Einnahmen aus der angehobenen Luftverkehrssteuer für die Förderung alternativer Flugkraftstoffe verwendet werden sollen. Dazu verweist er auf den Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung. Dort heißt es: "Einnahmen aus der Luftverkehrssteuer werden wir für die Förderung von Produktion und Einsatz von CO2-neutralen strombasierten Flugkraftstoffen sowie für Forschung, Entwicklung und Flottenmodernisierung im Luftverkehr einsetzen."

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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