Politik

Zerrissenes Moldau: Der zukünftige Weg ist unsicher geworden

Die Präsidentschaftswahl in Moldau und das gleichzeitige Referendum über eine EU-Mitgliedschaft haben für eine Überraschung gesorgt. Vor der Wahl galt ein gutes Ergebnis für die Amtsinhaberin Maia Sandu und eine deutliche Mehrheit für den EU-Beitritt als sicher. Doch es kam anders.
22.10.2024 18:30
Lesezeit: 4 min
Zerrissenes Moldau: Der zukünftige Weg ist unsicher geworden
Ein Plakat der moldawischen Präsidentin Maia Sandu mit der Aufschrift "Ich lade Sie zur Wahl ein" im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen und des Referendums über die Verankerung des Beitritts zur Europäischen Union in der moldawischen Verfassung (Foto: dpa). Foto: Vadim Ghirda

Nach dem äußerst knappen EU-Referendum in der Ex-Sowjetrepublik Moldau hat die Wahlkommission die Ergebnisse leicht zulasten der siegreichen proeuropäischen Befürworter korrigiert. Demnach fielen mehr als 1.000 Ja-Stimmen weg, die nun den Gegnern zugeschlagen wurden. Nach neuem Stand stimmten 50,38 Prozent der Teilnehmer dafür, einen proeuropäischen Kurs unabänderlich als strategisches Ziel in der Verfassung festzuschreiben. Das waren 750.075 Ja-Stimmen gegen 738.799 Nein-Stimmen (49,62 Prozent).

Laut moldauischen Medien stimmten die Menschen in der Mehrheit der Regionen im Land gegen die Verfassungsänderung. Den Ausschlag in die andere Richtung gaben die Hunderttausenden Moldauer, die im Ausland leben – vor allem in der EU.

Das Wahlergebnis der sehr prowestlichen Sandu ist mit etwas über 40 Prozent hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Zudem schnitt der Zweitplatzierte, der Russland eher zugeneigte frühere Generalstaatsanwalt Moldaus und Kandidat der Sozialistischen Partei, Alexandru Stoianoglo mit 26 Prozent besser als erwartet ab. Da viele der anderen neun Kandidaten eher prorussisch sind, gibt es für Stoianoglo eine gute Chance, dass diese Wähler für ihn in der kommenden Stichwahl stimmen. Damit könnte es für Sandu noch eng werden.

Eine noch größere Enttäuschung für Sandu und die Regierung war aber das Ergebnis des Referendums, mit dem über einen Zusatz im Grundgesetz Moldaus abgestimmt wurde, der den Beitritt zur EU zum Verfassungsziel erhebt. Hier gab es nur eine sehr knappe Mehrheit von 50,4 Prozent. Bei den innerhalb der eigenen Grenzen lebenden Wählern gab es sogar eine Mehrheit gegen das Ziel des EU-Beitritts. Nur bei den vielen in der EU wohnenden Moldauern gab es eine deutliche Mehrheit von über 70 Prozentfür die EU-Mitgliedschaft. Das Ergebnis zeigt, wie stark die Skepsis in Moldau gegenüber der EU ist. Die Nein-Sager sind dabei aber nicht immer erklärte Freunde Russlands. Vielmehr scheint bei einem Teil der Wähler die Angst zu überwiegen, durch eine Parteinahme für die EU in den Fokus des Kremls zu geraten. Innerhalb dieser Wählergruppe überwiegt zudem die Sympathie für eine neutrale Position des Landes.

Wirtschaftliche Probleme schwächen Sandu

Daneben hat ein Teil der Bürger auch aus Enttäuschung über die eher geringen wirtschaftlichen und sozialen Fortschritte in den letzten Jahren unter EU-freundlichen Regierungen mit „Nein“ gestimmt. Dies dürfte Sandu geschadet haben, wenngleich sie nach wie vor über Sympathien in der Bevölkerung verfügt. Doch Moldau ist weiter das Land mit dem niedrigsten Bruttosozialprodukt pro Kopf in Europa, abgesehen vom Kosovo und der Ukraine. Die Erwartung, durch eine Annäherung an die EU wohlhabender zu werden, hat sich bisher nicht erfüllt. Und da Maia Sandu das Aushängeschild der EU-Befürworter ist, fällt der Unmut vor allem auf sie zurück.

Auch deshalb machte Sandu aus ihrer Enttäuschung über das Ergebnis keinen Hehl. Die Schuld für das mäßige Ergebnis gab sie Russland. Die russische Regierung habe massiv versucht, die Wahlen zu beeinflussen. So habe diese angeblich 300.000 Stimmen mithilfe von „kriminellen Banden“ gekauft. Direkte Beweise für ihre Anschuldigungen legte Sandu nicht vor. Allerdings gibt es mehrere Videos von Investigativjournalisten, bei denen Personen zu sehen sind, die an Menschen auf dem Land Geld verteilen.

Auch Einmischung durch die EU

Für einen russischen Versuch der Einflussnahme sprechen auch manche Äußerungen aus der russischen Politik. Allerdings hat die EU ebenfalls vor den Wahlen versucht, die Stimmung in Moldau in ihrem Sinne zu beeinflussen. So war Kommissionspräsidentin von der Leyen wenige Tage vor der Wahl in der moldauischen Hauptstadt und versprach der moldauischen Regierung ein Wahlgeschenk von Höhe von 1,8 Milliarden Euro. Sehr viel Geld für ein so armes Land.

Im August war Bundeskanzler Scholz in Moldau und versprach der Regierung ebenfalls finanzielle Hilfen. Scholz sprach von vier erfolgreichen Jahren unter der Präsidentschaft Sandus. Diese hätte „mit Mut, mit Geschick und mit Herz“ gehandelt.

Was bringt Moldau der EU und Deutschland?

Allerdings muss die Frage erlaubt sein, ob Moldau überhaupt ein Gewinn für die EU wäre. Bei einem EU-Beitritt würden milliardenschwere Subventionen nach Moldau fließen, finanziert von den europäischen und nicht zuletzt den deutschen Steuerzahlern. Auch für die deutsche Wirtschaft ist das Land im Südosten Europas kaum interessant. Meist wird der moldauische Markt nur von Standorten in Rumänien oder anderen osteuropäischen Ländern bedient, die wesentlich attraktiver als Moldau sind.

Wenn in Deutschland ein großer Teil der Presse (im Verein mit der Bundesregierung) die Annäherung Moldaus an die EU und den Reformkurs stets in rosaroten Farben gezeichnet hatte, so war vermutlich vielen Journalisten die problematische innenpolitische Lage des Landes wenig bekannt.

Die Defizite der moldauischen Politik

Präsidentin Sandu hat bei ihrem Amtsantritt versprochen, stärker gegen die Korruption vorzugehen. Passiert ist bisher wenig. Die deutsche Entwicklungsorganisation GIZ schätzte die Lage im März 2024 kritisch ein: „Korruptionsfälle auf höchster Ebene, verdeckte Interessen und Probleme mit einer unabhängigen Justiz beeinflussen die Fortschritte.“ Der Kampf gegen die Korruption sei schwierig, „weil die Antikorruptionseinrichtungen nicht zentral organisiert sind und ihre Zuständigkeiten nicht eindeutig geregelt sind.“ Deshalb unterstützt die GIZ im Auftrag des deutschen Wirtschaftsministeriums die Korruptionsbekämpfung in Moldau. Als besonders korruptionsanfällig gelten die Lebensmittel- und Agrarindustrie, das Gesundheitswesen, der Energiesektor und der Bildungsbereich.

Die mangelnden Erfolge bei der Bekämpfung der Korruption hemmen auch die weitere wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes. Außerhalb der Hauptstadt, in der Sandu bezeichnenderweise den größten Rückhalt besitzt, gelten viele Regionen des Landes als verarmt. Selbst die FAZ, die bisher Sandu und ihren politischen Kurs sehr positiv dargestellt hatte, konstatiert in einem aktuellen Kommentar :“ Wirtschaftlich geht es vielen Moldauern sogar schlechter als vor einigen Jahren.“

Unklare Zukunft

Auch wenn die EU-Kommission das Ergebnis als eine Bestätigung für Sandu wertet, sprechen Moldau-Experten eine ganz andere Sprache. Die CDU-Abgeordnete Andrea Wechsler, die Mitglied der EU-Moldau Delegation ist, wertet das Ergebnis als „sehr schwierig“ für die EU. Und der Moldau-Experte Felix Hett sieht ebenfalls keinen Erfolg für Sandu: „Russland will Moldau langfristig in seiner Einflusszone behalten. Das Ziel war, Sandu in einen zweiten Wahlgang zu zwingen und das Referendum zu torpedieren. Beides war teilweise erfolgreich.“

Es ist offensichtlich, dass es in einem nicht kleinen Teil der moldauischen Gesellschaft weiter Sympathien für Russland oder zumindest für einen eigenen Weg zwischen Ost und West gibt. Hier spielt nicht nur eine Rolle, dass Moldau bis 1990 Teil der Sowjetunion war. Ebenso wichtig ist die sehr lange Zugehörigkeit Moldaus zum russischen Zarenreich (bis 1918), die die Region kulturell stark geprägt hat.

Das Referendum hat die prowestliche Regierung in Moldau nicht gestärkt. Dazu war der Ausgang zu knapp. Sandu hat sich durch das besonders von ihr gewollte Referendum eher geschadet. Umso wichtiger werden daher für sie die Stichwahl um das Präsidentenamt im November und die Parlamentswahlen im nächsten Jahr. Die politische Zukunft Moldaus erscheint aktuell unklarer als noch vor einigen Wochen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt wegen schwacher Chip-Aktien nach
13.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Wall Street heute bewegt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland erzielt mit Europas Energiekäufen Einnahmen von rund 322 Milliarden Euro
13.10.2026

Europa will seine Energieabhängigkeit von Russland beenden. Doch trotz Sanktionen fließt weiterhin eine große Menge Kapital nach Moskau....

DWN
Finanzen
Finanzen Rente 2026: Fast 2.000 Euro? Für die meisten ein Traum – 5 Zahlen zeigen die Realität
13.10.2026

Die Politik verweist auf ein stabiles Rentenniveau und knapp 2.000 Euro Standardrente. Doch amtliche Zahlen zeigen: Das ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Präsentismus: Wenn Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten 
13.10.2026

Mit Halskratzen aufgewacht und dennoch zur Arbeit gegangen, „weil es ja nicht so schlimm ist“. Viele Beschäftigte neigen dazu, trotz...

DWN
Finanzen
Finanzen Nel ASA-Aktie hebt ab: Kooperation mit Rheinmetall bei E-Fuels treibt Pennystock nach oben
13.10.2026

Nel ASA und Rheinmetall wollen bei dezentraler Produktion synthetischer Kraftstoffe zusammenarbeiten. Die norwegische Wasserstoff-Aktie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
13.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...