Panorama

Fünf Jahre Corona - Impfungen, Long Covid und die Zukunft der Pandemie

Die Corona-Pandemie hat weltweit bleibende Spuren hinterlassen. Fünf Jahre nach dem ersten Fall in Deutschland werfen Experten einen Blick auf die aktuellen Auswirkungen: Von der Notwendigkeit von Auffrischungsimpfungen über die Entwicklung von Long Covid bis hin zu den langfristigen gesellschaftlichen Folgen der Krise.
27.01.2025 16:04
Lesezeit: 4 min

Bereits im November 2019 soll es in China Fälle einer rätselhaften Lungenerkrankung gegeben haben, die später als Covid-19 bekannt wurde. Die ersten Infektionen wurden Anfang Dezember offiziell in Wuhan erfasst, während der erste Fall in Deutschland am 27. Januar 2020 bekannt wurde. Damals ahnte wohl kaum jemand, was auf Deutschland zukam. Doch wie sieht die Situation fünf Jahre später aus?

Corona Pandemie Auswirkungen: Sollte man sich noch Sorgen machen?

„Covid ist nach wie vor keine normale Erkältung“, betont der Berliner Virologe Christian Drosten. „Viele Patienten fühlen sich sehr krank, wenn sie infiziert sind.“ Allerdings hat sich die Sterblichkeit dank der Immunität durch Impfungen und überstandene Infektionen deutlich verringert und liegt nun etwa auf dem Niveau der Grippe.

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind schwere Covid-19-Verläufe mittlerweile seltener als noch 2020 und 2021. Betroffen sind vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, etwa aufgrund von Vorerkrankungen oder einer Organtransplantation, so Carsten Watzl von der TU Dortmund.

Ist eine Corona-Impfung noch notwendig?

Wie bei der Grippe wird auch bei Corona vor allem bestimmten Risikogruppen zur Impfung geraten. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt allen Menschen ab 60 Jahren sowie Erwachsenen mit Vorerkrankungen, sich im Herbst eine Auffrischungsimpfung gegen Corona zu holen. Für Jüngere gilt, dass der Hausarzt einen großen Ermessensspielraum bei der Entscheidung über eine Impfung hat, erklärt Drosten.

Die Impfstoffe werden regelmäßig an neue Varianten des Virus angepasst – und diese tauchen bei Sars-CoV-2 noch häufiger auf als bei anderen Coronaviren, wie Watzl anmerkt. „Evolutionär ist das Virus noch ein Baby“, sagt der Immunologe. „Es hat seine optimale Anpassung noch nicht gefunden.“

Drosten kann sich vorstellen, dass sich der Erreger in den kommenden Jahren beruhigt, fügt jedoch hinzu: „Es könnten auch Jahrzehnte vergehen.“ Er hält es für unwahrscheinlich, dass eine neue Variante mit deutlich schwereren Krankheitsverläufen und höherem Sterberisiko entsteht. „Die Bevölkerungsimmunität, die wir durch Impfungen und überstandene Infektionen erreicht haben, ist stabil und wird sich weiter stärken.“

Wie hoch ist das Risiko für Long Covid?

Langzeitfolgen treten bei den aktuell zirkulierenden Omikron-Varianten deutlich seltener auf als bei den anfänglichen Virusvarianten, erklärt Watzl. Impfungen und überstandene Infektionen reduzieren das Risiko zusätzlich. Es ist möglich, dass solche Nachwirkungen in Zukunft ähnlich selten auftreten wie bei anderen Infektionen.

Viele Viruserkrankungen können langfristige Beschwerden wie Herzmuskelentzündungen, Erschöpfungszustände, Depressionen oder Nervenschäden auslösen. Nach einer Grippe beispielsweise können ähnliche Probleme wie bei Long Covid auftreten. Allerdings sind Langzeitfolgen bei Covid-19 laut Drosten derzeit noch deutlich häufiger.

Eine aktuelle Analyse zeigt, dass etwa sechs Prozent der symptomatisch an Covid-19 Erkrankten Long Covid entwickeln. Drei Monate nach der Infektion leiden sie weiterhin an mindestens einem von drei Symptomkomplexen: schmerzbedingter Erschöpfung, eingeschränkter geistiger Leistungsfähigkeit oder ausgeprägten Atemwegs- und Covid-Symptomen.

Long Covid wird in den deutschen Patientenleitlinien als Beschwerden definiert, die länger als vier Wochen nach einer Corona-Infektion bestehen. Dauern die Symptome über zwölf Wochen an, spricht man vom Post-Covid-Syndrom. Die genauen Ursachen dieser Beschwerden sind nach wie vor unklar.

Die Behandlung bleibt eine Herausforderung, da die Symptome von Patient zu Patient stark variieren. Zwar gibt es spezialisierte Long-Covid-Ambulanzen und Reha-Einrichtungen, jedoch keine standardisierte Therapie oder spezifischen Medikamente.

Häufiger erkältet als vor der Pandemie?

Es scheint, als habe Covid-19 nicht nur seinen Platz unter den Atemwegsinfekten eingenommen, sondern insgesamt zu einer Zunahme solcher Erkrankungen geführt. Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) liegt die Zahl akuter Atemwegserkrankungen aktuell höher als vor der Pandemie. „Vor Covid-19 waren die Werte niedriger“, erklärt Watzl. Experten gehen davon aus, dass man künftig mit mehr Erkältungen im Herbst und Winter rechnen muss als früher.

Wie oft jemand von Sars-CoV-2 betroffen ist, variiert stark. „Manche hatten es erst einmal, andere schon fünfmal“, so Watzl. Daten zu anderen Coronaviren, die bereits länger unter Menschen kursieren, zeigen, dass der Abstand zwischen zwei Infektionen durchschnittlich zweieinhalb bis vier Jahre beträgt.

Welche Langzeitfolgen hinterlässt die Pandemie?

Die Pandemie hatte in Deutschland besonders gravierende Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche. Während der Lockdowns und Schulschließungen verbrachten viele Heranwachsende deutlich mehr Zeit in digitalen Welten. Auch nach der Corona-Krise bleibt die problematisch hohe Nutzung von Social Media bestehen, wie eine Studie im Februar zeigte: Knapp ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen (24,5 Prozent) nutzt Plattformen wie TikTok, Instagram oder WhatsApp in einem riskanten Ausmaß – das entspricht hochgerechnet 1,3 Millionen Jungen und Mädchen, dreimal so vielen wie noch 2019.

Auch die Gesundheit junger Menschen hat gelitten. Eine Umfrage, die im Fachblatt Journal of Health Monitoring veröffentlicht wurde, zeigt, dass psychosomatische Beschwerden wie Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen bei Schulkindern spürbar zugenommen haben. Gleichzeitig ging die körperliche Aktivität stark zurück und hat bis heute nicht wieder das Niveau vor der Pandemie erreicht, so das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). „Es besteht die Gefahr, dass einige der während der Pandemie geprägten Verhaltensweisen dauerhaft bestehen bleiben“, warnt BiB-Forschungsdirektor Martin Bujard.

Besonders problematisch ist auch die Ernährungsumstellung vieler Kinder. Der vermehrte Konsum von Süßigkeiten und Knabbereien führte dazu, dass insbesondere übergewichtige Jungen und Mädchen, vor allem aus sozioökonomisch benachteiligten Familien, weiter an Gewicht zulegten. Fachleute befürchten langfristige gesundheitliche Folgen wie Bluthochdruck, Fettleber und Diabetes.

Hat Covid-19 die Welt verändert?

Seuchen stellten die Politik in europäischen Staaten schon in früheren Jahrhunderten vor große Herausforderungen, erklärt Karl-Heinz Leven von der Universität Erlangen-Nürnberg. Maßnahmen wie Kontaktsperren und die Isolation von Kranken mussten stets behördlich durchgesetzt werden – teils mit Strafen bei Zuwiderhandlung.

„Es liegt in der menschlichen Natur, dass Krisen ungünstige Entwicklungen begünstigen“, schrieb Leven im Fachblatt Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. Dazu gehörten auch Gerüchte, die in der Vergangenheit dramatische Folgen hatten. Während Pest-Ausbrüchen führten diese sogar zu Lynchmorden. „Im 19. Jahrhundert wurden während der Cholera-Epidemien Ärzte und Apotheker in einigen europäischen Städten gelyncht, weil Gerüchte kursierten, sie hätten die Armen vergiftet.“

Ähnliche Muster waren auch während der Corona-Pandemie zu beobachten. Das Stichwort „Corona-Verschwörung“ liefert bei einer Google-Suche zig Millionen Treffer, so Leven. Gleichzeitig habe sich eine gegenläufige Entwicklung gezeigt: Kritische Positionen Andersdenkender würden oft reflexartig als Verschwörungserzählungen abgestempelt – eine Art „allergische Reaktion“ auf die Verbreitung von Gerüchten und Desinformation.

Lehren aus der Pandemie gezogen? Zweifelhaft.

Zwar wurden in vielen Ländern Pandemiepläne überarbeitet oder neu erstellt, doch ein aktuelles Beispiel zeigt, dass es in der Praxis oft an konsequentem Handeln mangelt, um die Ausbreitung gefährlicher Erreger frühzeitig einzudämmen. So breitet sich die Vogelgrippe H5N1 derzeit in US-amerikanischen Milchviehbetrieben unkontrolliert aus. Seit den ersten Nachweisen im März hat das US-Landwirtschaftsministerium H5N1-Fälle in hunderten Betrieben in verschiedenen Bundesstaaten registriert.

Martin Beer, Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald, sieht keine Anzeichen dafür, dass effektive Maßnahmen ergriffen werden, um das Geschehen schnell zu stoppen. Auch Virologe Christian Drosten zeigt sich besorgt: „Es ist schon frappierend, wie wenig Dateneinsicht und gezielte Infektionsüberwachung sowohl bei Tieren als auch beim Menschen stattfindet.“ Der Eindruck, dass in den USA kurzfristige wirtschaftliche Interessen Vorrang vor der Verhinderung einer möglichen weiteren Zoonose haben, bestätigt sich zunehmend.

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