Politik

Trump-Doktrin: Weshalb die USA plötzlich Russlands Linie bedienen

Mit provokanten Aussagen über Putin, Selenskyj und die Zukunft Europas treibt Donald Trump eine neue US-Außenpolitik voran, die immer deutlicher an Russlands Interessen erinnert. Die zunehmend konfrontative Trump-Doktrin verschiebt alte Bündnisse, stellt europäische Sicherheitsgarantien infrage und öffnet eine politische Flanke, die den gesamten Kontinent verunsichert. Wer verstehen will, wie sich die Machtbalance zwischen Washington, Moskau und Brüssel verschiebt, muss diesen Kurswechsel in seiner ganzen Tragweite betrachten.
10.12.2025 08:19
Lesezeit: 2 min

Washingtons Kurswechsel: Die neue Trump-Doktrin formt US-Außenpolitik neu

Nach Einschätzung von Donald Trump will der russische Präsident Wladimir Putin Frieden, während der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj selbst der entscheidende Hinderungsgrund sei. Diese Behauptung markiert eine weitere Eskalation im außenpolitischen Kurs der Vereinigten Staaten, so unsere Kollegen von Äripäev. In dem Moment, in dem der von Washington unterstützte russische Friedensplan für die Ukraine bereits zu versanden drohte, eröffnete der euroskeptische Flügel im Weißen Haus überraschend eine neue Front. Trump erklärte, der Entwurf sei sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für Russland akzeptabel. Selenskyj habe sich jedoch gar nicht erst die Mühe gemacht, den Text zu lesen. Gleichzeitig forderten J. D. Vance sowie der libertäre Tech-Unternehmer Elon Musk offen eine Schwächung der Europäischen Union. Zum Jahreswechsel formiert sich zunehmend eine außenpolitische Leitlinie der trumpistischen Regierung. Ihren programmatischen Ausdruck fand sie in einem über Nacht veröffentlichten Strategiedokument zur nationalen Sicherheit. Darin warnt Washington Europa vor einer vermeintlichen "zivilisatorischen Auslöschung" und suggeriert ein Weltbild, in dem europäische Staaten einerseits vollständig eigenständig handeln müssten und zugleich in entscheidenden Fragen von den Vereinigten Staaten abhängig blieben.

Europa im Fadenkreuz

Bundeskanzler Friedrich Merz fand deutliche Worte: "Sie spielen mit uns Spiele – sowohl mit euch als auch mit uns." Diese Bemerkung fiel in einem vertraulichen Treffen mit Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron. Notizen der Gesprächsteilnehmer, die dem Magazin "Der Spiegel" vorlagen, zeigen, dass Macron eine reale Gefahr sieht, wonach die Vereinigten Staaten die Ukraine zu territorialen Zugeständnissen drängen könnten, ohne klare Sicherheitsgarantien zu geben. Obwohl öffentlich niemand diese Einschätzung zugibt, teilen nahezu alle europäischen Regierungschefs die Sorge, so Äripäev weiter. Die Vereinigten Staaten agieren nicht mehr im Gleichklang mit Europa. Im besten Fall bewegen sie sich zwischen den Interessen beider Seiten. Im schlechteren Fall unterstützen sie offen Positionen, die Moskaus geopolitischen Vorstellungen entsprechen. Das jüngst veröffentlichte US-Strategiedokument – von Russland ausdrücklich gelobt – verstärkt diesen Eindruck.

Die Haltung deckt sich weitgehend mit Positionen von J. D. Vance, der bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz gefordert hatte, europäische Regierungen sollten radikale Kräfte in Regierungsverantwortung holen und angebliche Zensurmaßnahmen beenden. Außenminister Marco Rubio griff ähnliche Argumente auf, als er die Europäische Union dafür kritisierte, dass sie Elon Musks Plattform Twitter wegen fehlender Transparenz sanktionierte. Obwohl diese Sanktionen EU-Gesetzen entsprachen, forderten amerikanische Stimmen teils unverblümt eine Schwächung der Union. Der stellvertretende Außenminister Chris Landau erhöhte am vergangenen Wochenende erneut den Druck. Er schrieb, Europa könne nicht damit rechnen, dass die Vereinigten Staaten den Westen verteidigen, wenn "nicht gewählte Bürokraten in Brüssel eine Politik des zivilisatorischen Selbstmords" betrieben. Zugleich warf er Europa vor, weiterhin Energie aus Russland zu importieren, erwähnte dabei jedoch nicht, dass genau dies in Ungarn und der Slowakei geschieht – beides enge Verbündete Trumps, die zudem Ausnahmen von Sanktionen gegen russische Energiekonzerne erhielten.

Europa steht nun vor zwei grundlegenden Entscheidungen der kommenden Tage. Erstens müssen die EU-Staaten über die Nutzung eingefrorener Vermögenswerte der russischen Zentralbank zugunsten der Ukraine entscheiden. Zweitens muss die Union prüfen, ob sie langfristig fähig ist, ihre eigene Sicherheit militärisch zu garantieren – selbst für den Fall, dass Artikel fünf der NATO, der Kern der kollektiven Verteidigung, künftig nicht mehr uneingeschränkt gilt. Für Deutschland steigt damit der Druck, sicherheitspolitisch unabhängiger zu werden und zugleich den Zusammenhalt der Europäischen Union zu wahren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen XRP-Ledger-Transaktionsvolumen überschreitet die Marke von 1 Million

Analysten erwarten ein Aufwärtspotenzial von 100%. XRP Wie können Inhaber neue passive Einkommensquellen schaffen?

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Batterie-Boom treibt Deutschland in neue China-Abhängigkeit
16.06.2026

Deutschlands Batterieproduktion erreicht einen Rekordwert – doch mit dem Boom wächst zugleich die Abhängigkeit von China. Die Branche...

DWN
Politik
Politik Der EU-Waffenchef warnt eindringlich: "Wir produzieren die falschen Waffen!"
16.06.2026

Der EU-Verteidigungskommissar warnt vor einem gefährlichen Missverhältnis in Europas Rüstungsstrategie. Während Donald Trumps...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bund lehnt Unicredit-Angebot für Commerzbank ab
16.06.2026

Der Bund stellt sich offen gegen die Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit und verschärft damit den Machtkampf um Deutschlands...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tankrabatt verpufft: Millionen bleiben bei den Konzernen
16.06.2026

Der Tankrabatt sollte Autofahrer entlasten – doch nach Einschätzung von Experten kam ein Teil der Milliarden gar nicht bei ihnen an.

DWN
Politik
Politik EU stimmt US-Zolldeal zu – und droht mit Gegenzöllen
16.06.2026

Die EU macht den Weg für das Zollabkommen mit den USA frei, baut aber ein Sicherheitsnetz gegen neue Alleingänge aus Washington ein....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kostenfalle Deutschland: Was Betriebe heute wirklich zahlen
16.06.2026

Energie doppelt so teuer wie in den USA, Lohnstückkosten 22 Prozent über globalem Schnitt, Bürokratie bindet 7 Prozent der Arbeitszeit,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Autokrise in China setzt VW und Mercedes unter Druck
16.06.2026

China galt jahrelang als Wachstumsmotor der Autoindustrie – doch nun brechen die Verkäufe massiv ein und setzen auch deutsche Hersteller...

DWN
Finanzen
Finanzen Rheinmetall-Aktie kaufen? Der Superzyklus steht erst am Anfang
16.06.2026

Der Wert der Rheinmetall-Aktie hat sich seit 2022 bereits vervielfacht. Russlands Krieg gegen die Ukraine, Europas Aufrüstung und...