Deutsche Industrie rutscht nach dem Einbruch in eine Phase der Stagnation
Die deutsche Industrie wird in den kommenden Monaten keine spürbare Erholung zeigen. Selbst im Frühjahr dürfte die Produktion auf einem Niveau verharren, das nahe an den Tiefständen während des Höhepunkts der COVID-19-Lockdowns liegt. Ökonomen sehen den Übergang von der Rezession in eine Phase der Stagnation. Nach Einschätzung von Aleksandras Izgorodinas, Ökonom bei der Citadele Bank, bleibt die Lage bis mindestens April angespannt. Zwar sei ab Februar ein leichter Anstieg der Produktion zu erwarten, dieser habe jedoch überwiegend statistischen Charakter. Von einer nachhaltigen Erholung könne weiterhin keine Rede sein.
Auch im Frühjahr werde die Industrieproduktion nur geringfügig über dem Niveau liegen, das während des pandemiebedingten Stillstands erreicht wurde. Damals war die wirtschaftliche Aktivität in weiten Teilen zum Erliegen gekommen, was die aktuelle Schwäche besonders deutlich macht.
Rückgang läuft aus, Normalisierung bleibt fern
Izgorodinas rechnet damit, dass der jährliche Rückgang der deutschen Industrieproduktion zwischen November 2025 und Januar 2026 monatlich rund ein Prozent betragen wird. Ab Februar 2026 dürfte sich dieser Trend abschwächen, die jährliche Veränderung werde dann um die Nulllinie schwanken. Damit endet zwar der tarifbedingte Abschwung, doch der Weg zu einer normalen Erholung ist weiterhin lang.
Die Industrie verlässt den negativen Bereich, ohne jedoch in eine echte Wachstumsphase einzutreten. Ein wesentlicher Belastungsfaktor bleibt der hohe Lagerbestand. Vor Inkrafttreten der US-Zölle hatten deutsche Exporteure ihre Warenlager in den Vereinigten Staaten stark aufgestockt. Nachdem diese Lager gefüllt waren, ging die Produktion deutlich zurück, da zunächst vorhandene Bestände abgebaut werden mussten.
Lagerbestände und schwacher Zyklus bremsen die Industrie
Nach Einschätzung des Ökonomen bleiben die Lagerbestände in Europa insgesamt hoch. Grund dafür ist der schleppende Konjunkturzyklus, der eine rasche Nachfragebelebung verhindert. In den USA hingegen wurden die Lagerbestände bereits weitgehend abgebaut. Diese Entwicklung belastet die deutsche Industrie zusätzlich, da eine Normalisierung der Produktion erst einsetzen kann, wenn sich Angebot und Nachfrage wieder angleichen. Solange Unternehmen auf hohen Beständen sitzen, bleiben Produktionsausweitungen unwahrscheinlich.
Die Prognosen der Citadele Bank basieren auf dem Economic Sentiment Indicator der Europäischen Kommission. Dabei werden monatlich Tausende Indikatoren ausgewertet und jene herausgefiltert, die besonders stark mit der Entwicklung der Industrieproduktion korrelieren.
Indikatoren deuten auf Stabilisierung hin
Auf Basis dieser Daten entstehen sowohl rückblickende Analysen als auch vorausschauende Prognosen. Sie ermöglichen eine Einschätzung, ob sich die Industrie in Richtung Stabilisierung bewegt oder ob neue Rückschläge drohen. Zuletzt haben sich mehrere Stimmungsindikatoren leicht verbessert. Insbesondere bei europäischen Partnerländern zeigen sich vorsichtig optimistischere Erwartungen in Bezug auf Beschäftigung und Auftragseingänge. Diese Signale gelten als indirekter Hinweis auf eine bevorstehende Stabilisierung der deutschen Industrie.
Der Mechanismus dahinter ist klar: Zunächst müssen Vorprodukte bei Zulieferern gefertigt werden, bevor deutsche Unternehmen die Endproduktion hochfahren. Verbesserte Erwartungen entlang der Lieferketten wirken daher verzögert auf die Industrie in Deutschland.
Deutsche Wirtschaft weiter im Stagnationsmodus
Die strukturelle Schwäche der Industrie spiegelt sich in der Gesamtwirtschaft wider. Die deutsche Wirtschaft stagniert seit mehreren Jahren. In den Jahren 2023 und 2024 schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt, für 2025 wird lediglich ein Wachstum von 0,2 Prozent erwartet.
Ein BIP-Wachstum unterhalb von 0,8 Prozent gilt ökonomisch als stagnationsgefährdet. Ohne wirksame politische Impulse steigt in diesem Bereich das Risiko, erneut in eine Rezession zu rutschen. Erst für 2026 wird mit einer leichten Verbesserung gerechnet. Prognosen gehen von einem Wachstum von rund 1,2 Prozent aus, womit die deutsche Wirtschaft den kritischen Bereich langsam verlassen könnte.
Strukturwandel belastet zentrale Industriezweige
Besonders stark betroffen ist weiterhin die Automobilindustrie. Zwar erlaubt die Europäische Union den Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor auch nach 2035, dennoch setzen deutsche Hersteller strategisch verstärkt auf Elektromobilität. Dieser Umbau verändert die industrielle Wertschöpfung.
Elektrofahrzeuge sind technisch einfacher aufgebaut, wodurch der Bedarf an bestimmten Komponenten sinkt oder ganz entfällt. Für Teile der Industrie bedeutet dies einen dauerhaften Anpassungsdruck. Der Strukturwandel wirkt damit unabhängig von der konjunkturellen Lage und verstärkt die Unsicherheit vieler Unternehmen, die bislang auf etablierte Produktionsmodelle ausgerichtet waren.
Wirtschaftspolitische Impulse aus Berlin
Zur Belebung der Wirtschaft hat die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz ein umfangreiches Maßnahmenpaket angekündigt. Geplant sind Investitionen von 500 Milliarden Euro in die Infrastruktur über zwölf Jahre sowie 600 Milliarden Euro für Verteidigung innerhalb von zehn Jahren. Hinzu kommen eine Senkung der Körperschaftsteuer ab 2028, stärkere Anreize für Forschung und Entwicklung sowie Strompreissubventionen für die Industrie. Ziel ist es, Investitionen anzuregen und die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu stärken.
Nach Einschätzung von Experten könnten diese Maßnahmen das Wirtschaftswachstum um zusätzlich 0,3 bis 1,2 Prozentpunkte erhöhen. Der tatsächliche Effekt bleibt jedoch ungewiss, da sich die Programme noch in der frühen Umsetzungsphase befinden.
Verzögerungen und Umsetzungsrisiken
Kurzfristig ist daher kein wirtschaftlicher Durchbruch zu erwarten. Die angekündigten Maßnahmen entfalten ihre Wirkung nicht sofort, sondern mit erheblicher Verzögerung. Zudem fehlt bislang Klarheit darüber, wie die Mittel konkret eingesetzt werden sollen.
Ambitionierte Zahlen allein reichen nicht aus, solange operative Details offenbleiben und Genehmigungsprozesse Zeit kosten. Hinzu kommt die Trägheit wirtschaftlicher Prozesse. Selbst bei sofortiger Mittelbereitstellung dauert es Monate, bis Investitionen realwirtschaftlich wirksam werden und sich in Produktionsdaten niederschlagen.
Ausblick für den Industriestandort Deutschland
Erste positivere Signale könnten frühestens in der zweiten Jahreshälfte sichtbar werden. Denkbar ist ein Szenario, in dem sich ab Sommer die Erwartungen verbessern, die Industrieproduktion langsam anzieht und sich eine vorsichtige Erholung abzeichnet.
Für Deutschland bedeutet dies, dass Industrie und Politik einen langen Atem benötigen. Die Phase der Stagnation dürfte noch anhalten, während strukturelle Anpassungen parallel zur konjunkturellen Stabilisierung bewältigt werden müssen. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, Investitionen, Bürokratieabbau und industrielle Transformation so zu verbinden, dass der Standort Deutschland wieder an Dynamik gewinnt, ohne neue Ungleichgewichte zu erzeugen.


