Wirtschaft

Schlüsselindustrien im Umbruch: Deutschlands Rolle am europäischen Markt

Deutschland steht vor neuen wirtschaftlichen Weichenstellungen in einem sich wandelnden europäischen Umfeld. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen langfristige Wettbewerbsfähigkeit sichern?
15.02.2026 11:00
Lesezeit: 4 min

Deutschlands wirtschaftlicher Umbruch im europäischen Kontext

„Wir brauchen eine völlig neue Pragmatik in der Politik, insbesondere bei der Regulierung. Nur so kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen“, sagte der bayerische Staatssekretär für Wirtschaft, Tobias Gotthardt, bei seinem Besuch in Ljubljana kurz nach dem Jahreswechsel. Dort traf er Vertreter des Wirtschaftsministeriums, des slowenischen Staatsfonds sowie Führungskräfte mehrerer Unternehmen.

Im Zentrum standen Investitionsmöglichkeiten in Verteidigung und Energie. Konkrete neue Projekte wurden nicht vorgestellt, doch Gotthardt erläuterte seine Sicht auf die wirtschaftliche Lage Deutschlands, auf Slowenien als Partner und auf die strukturellen Herausforderungen der europäischen Industrie.

Bayern und Slowenien als integrierter Wirtschaftsraum

Gotthardt sagte, der Hauptzweck seines Besuchs sei die Vertiefung der langjährigen Beziehungen zwischen Bayern und Slowenien. Man blicke auf 50 Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit zurück und wolle neue Kooperationsfelder identifizieren sowie zusätzliche Kontakte zwischen Unternehmen und Institutionen aufbauen.

Zugleich gehe es darum, den gemeinsamen europäischen Markt im Zentrum Europas neu zu verstehen. Betrachtet man Slowenien und Bayern im Alpenraum, entstehe faktisch ein eng verflochtener Wirtschafts- und Industrieraum. Wenn Europa funktionieren solle, brauche es nach seiner Darstellung deutlich mehr Zusammenarbeit.

Technologische Zukunftsfelder mit Kooperationspotenzial

Als mögliche Kooperationsfelder nannte Gotthardt unter anderem Raumfahrt, Verteidigung, Quantentechnologien, Pharmazie und moderne Biotechnologie. Bayern sei in vielen dieser Bereiche stark aufgestellt, ebenso Slowenien, das gezielt auf technologieintensive Nischen setze.

Durch die Bündelung der jeweiligen Kompetenzen ließen sich größere industrielle und wirtschaftliche Effekte erzielen. Gerade in Zukunftsfeldern entscheidet die europäische Vernetzung darüber, ob Forschung, Entwicklung und industrielle Umsetzung international wettbewerbsfähig bleiben.

Verteidigung als strategischer Innovationstreiber

Die Verteidigung habe in Europa in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen, sagte Gotthardt. Die erhöhten NATO-Vorgaben für Verteidigungsausgaben erforderten umfangreiche Investitionen und erhöhten den Druck, technologische Innovationen innerhalb Europas zu entwickeln.

Alle nationalen Streitkräfte definierten ihre Fähigkeiten derzeit neu. Bayern zähle zu den wichtigsten Standorten der europäischen Verteidigungsindustrie, mehr als ein Drittel der deutschen Unternehmen des Sektors sei dort angesiedelt. Diese Firmen seien auf leistungsfähige europäische Partner in ihren Lieferketten angewiesen.

Startups und neue Strukturen in der Rüstungsindustrie

Zunehmend wichtig werde auch die Zusammenarbeit mit jungen Unternehmen, sagte Gotthardt. Für den Verteidigungssektor sei dies ein vergleichsweise neues Feld, das jedoch an Relevanz gewinne, weil Innovationszyklen kürzer würden und technologische Entwicklung schneller voranschreite.

Zugleich betonte er, die strukturellen Grenzen seien klar. Die Verteidigungsindustrie könne das Produktionsvolumen und die Beschäftigungseffekte der Automobilindustrie nicht ersetzen. In der aktuellen Lage wirke sie jedoch als Katalysator für Technologien mit ziviler und militärischer Nutzung.

Industrie im Wandel zwischen Automobil und Hightech

Gotthardt verwies darauf, dass der Verteidigungssektor eng mit anderen Innovationsfeldern verknüpft sei. Viele technologische Entwicklungen wirkten weit über klassische Branchengrenzen hinaus und stärkten die industrielle Basis insgesamt.

Europa werde dabei nicht von einzelnen Ländern getragen werden, sagte er. Nachhaltiger Erfolg setze Kooperation voraus, wobei Verteidigung als Impulsgeber für eine breitere industrielle Erneuerung dienen könne, ohne andere Schlüsselindustrien zu verdrängen.

Rüstungsunternehmen und neue Marktakteure

Dass Unternehmen wie Rheinmetall heute einer breiten Öffentlichkeit bekannt seien, sei Ausdruck dieser Entwicklung, sagte Gotthardt. Auffälliger sei jedoch der rasche Aufstieg verteidigungsnaher Start-ups, die vor wenigen Jahren kaum eine Rolle gespielt hätten.

Als Beispiele nannte er Helsing und Quantum Systems, die es in Bayern vor kurzer Zeit noch nicht gegeben habe und die inzwischen zu den wertvollsten jungen Firmen zählten. Das zeige, wie stark sich das industrielle Innovationsumfeld in kurzer Zeit verändert habe.

Investitionsgespräche und Partnersuche in Slowenien

Bei den Gesprächen in Ljubljana habe die Suche nach konkreten Kooperationsmöglichkeiten im Vordergrund gestanden, sagte Gotthardt. Viele slowenische Unternehmen sondierten aktiv Partnerschaften mit bayerischen Firmen.

Diskutiert worden seien technologische Fragen, Finanzierungsmodelle und private Investitionen. Aus seiner Sicht seien die Gespräche zielgerichtet, konstruktiv und von klar erkennbarem gegenseitigem Interesse geprägt gewesen.

Slowenien als innovationsorientierter Wirtschaftsstandort

Aus bayerischer Perspektive werde Slowenien als attraktives und verlässliches Geschäftsumfeld wahrgenommen, sagte Gotthardt. Enge Kontakte bestünden über das slowenische Generalkonsulat in München sowie über die Zusammenarbeit auf Ministeriumsebene.

Die bilaterale Kommission, die ihr 50-jähriges Bestehen erreicht habe, stehe sinnbildlich für diese Beziehungen. Slowenien habe sich zudem als innovationsorientierter Standort etabliert, unter anderem durch Aktivitäten im Bereich der Fusionsforschung. Diese Entwicklung zeige, dass Deutschland und Slowenien in zentralen Zukunftsfragen auf vergleichbarem Niveau agierten, sagte Gotthardt.

Beide Länder verfügten über leistungsfähige Industriekerne und funktionierende Innovationsökosysteme. Gerade diese strukturellen Gemeinsamkeiten erleichterten eine vertiefte Zusammenarbeit in technologiegetriebenen Branchen. Damit könne zugleich die europäische industrielle Basis insgesamt gestärkt werden.

Deutschlands wirtschaftlicher Strukturwandel

Deutschland befinde sich in einer Phase tiefgreifender Neuorientierung, sagte Gotthardt. Dieser Prozess betreffe jedoch nicht nur Deutschland, sondern Europa insgesamt, weil sich das wirtschaftliche und geopolitische Umfeld schneller verändere als in früheren Jahrzehnten.

Als exportorientierte Volkswirtschaft sei Deutschland besonders betroffen. Entsprechend setze man auf einen regelbasierten Welthandel ohne Zölle und künstliche Handelshemmnisse, um internationale Verlässlichkeit zu sichern und Märkte offen zu halten.

Europäische Belastungsfaktoren und Standortnachteile

Viele lange stabile Märkte hätten sich strukturell verändert, sagte Gotthardt. Politik, Unternehmen und Gesellschaft müssten darauf reagieren, wobei Deutschland den Wandel wegen seiner Rolle in europäischen Lieferketten besonders deutlich spüre.

Zugleich belasteten hohe Energiepreise, Arbeitskräftemangel, regulatorische Vorgaben und Bürokratie die europäische Wirtschaft. Die Herausforderungen seien daher weniger national als vielmehr strukturell europäisch geprägt.

Eine neue politische Pragmatik im Umgang mit Regulierung sei unverzichtbar, sagte Gotthardt. In Bayern habe man die regionale Regulierung in den vergangenen zwei Jahren um zehn bis fünfzehn Prozent reduziert.

Ein erheblicher Teil der Bürokratie entstehe jedoch auf nationaler und europäischer Ebene. Vereinfachungen müssten substanziell sein, betonte er, weil kosmetische Korrekturen nicht ausreichten, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Automobilindustrie und technologische Offenheit

Die Stimmung in der Automobilbranche habe sich zuletzt stabilisiert, sagte Gotthardt. Der Vergleich der letzten beiden Automobilmessen in München zeige eine Rückkehr des Vertrauens nach einer Phase erheblicher Unsicherheit.

Entscheidend bleibe technologische Offenheit. Elektromobilität, effiziente Verbrennungsmotoren und synthetische Kraftstoffe würden parallel benötigt, um die industrielle Stärke Europas langfristig zu erhalten und Spielräume im Umbau zu bewahren.

Antriebskonzepte zwischen Hybrid und Diesel im Alltag

Gotthardt sagte, er lebe in einem kleinen Dorf, wo Mobilität im Alltag eine praktische Notwendigkeit sei. Sein Dienstwagen sei ein Hybrid von BMW, der unterschiedliche Antriebskonzepte verbinde und flexibel nutzbar mache. Privat fährt er einen zwölf Jahre alten Mercedes mit Dieselmotor. Das verdeutliche, dass technologische Offenheit nicht nur eine industriepolitische Forderung sei, sondern sich auch im Mobilitätsalltag vieler Menschen niederschlage.

Deutschlands Standortfrage im europäischen Verbund

Für Deutschland ergebe sich daraus eine klare strategische Aufgabe, sagte Gotthardt. Die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts hänge davon ab, wie konsequent Bürokratie abgebaut, Innovationen gefördert und europäische Industriepartnerschaften vertieft würden.

Gerade in Schlüsselindustrien wie Automobilbau, Energie und Verteidigung entscheide sich, ob Deutschland seine wirtschaftliche Rolle innerhalb Europas langfristig sichern und erneuern könne. Für deutsche Unternehmen wird damit auch die Fähigkeit zentral, in europäischen Wertschöpfungsnetzen wieder schneller zu investieren, zu skalieren und neue Technologien in die Produktion zu bringen.

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