Dänischer Milliardär warnt vor gesellschaftlichem Umbruch
Einerseits habe er eigentlich keine große Lust auf dieses Interview, sagt Lars Seier Christensen zu Beginn des Gesprächs. Die Menschen hätten ohnehin schon vor vielem Angst, und er wolle nicht zusätzlich zur Verunsicherung beitragen. Andererseits sei er so überzeugt davon, dass sich eine fundamentale Veränderung anbahne, dass er sich zur öffentlichen Debatte verpflichtet fühle. Die Welt befinde sich in einer außergewöhnlichen Lage, deren Folgen derzeit niemand seriös abschätzen könne. So unsicher wie jetzt sei er in seinem Leben noch nie gewesen, berichten die DWN-Kollegen vom dänischen Finanzportal Borsen.
Als wir uns in der Royal Suite des Hotels d’Angleterre treffen, laufen im Hintergrund Eilmeldungen zu geopolitischen Spannungen über den Bildschirm. Doch darauf will er nicht hinaus. Seine Sorge gilt nicht den aktuellen Krisenherden, sondern der Dynamik im Bereich der künstlichen Intelligenz. Der 63-jährige Unternehmer und Milliardär, heute als aktiver Investor tätig, ist überzeugt, dass in Dänemark viel zu wenig über KI gesprochen wird. Angesichts der tiefgreifenden Folgen, die internationale Spitzenvertreter für Wirtschaft und Arbeitsmarkt prognostizieren, hält er diese Zurückhaltung für gefährlich.
Künstliche Intelligenz: Größer als das Internet
Schon bei der letzten technologischen Revolution spielte Seier eine zentrale Rolle. Als Mitgründer der Saxo Bank baute er eines der erfolgreichsten dänischen Finanzunternehmen der vergangenen Jahrzehnte auf und stieg in die Liste der reichsten Dänen auf. Er ist überzeugt, dass künstliche Intelligenz in ihrer Tragweite noch über das Internet hinausgeht. Bei der Einführung des Internets sei zumindest in groben Zügen erkennbar gewesen, welche Anwendungen und Geschäftsmodelle entstehen könnten. Bei KI hingegen sei die Entwicklung offen und kaum kalkulierbar.
Auch in seinem aktuellen Portfolio mit Beteiligungen an rund 50 Unternehmen aus Bereichen wie Blockchain, Lifestyle und Medien steht KI im Zentrum strategischer Überlegungen. In allen Firmen wird geprüft, wie sich die Technologie einsetzen lässt. Gleichzeitig trieb ihn die Frage um, wie viele dieser Unternehmen langfristig vom Markt verdrängt werden könnten. Diese Überlegungen seien mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Es gehe nicht nur um Effizienzgewinne, sondern um die Möglichkeit, dass ganze Geschäftsmodelle innerhalb kurzer Zeit obsolet werden.
Massenarbeitslosigkeit durch KI ist reale Gefahr
Nicht seine eigenen wirtschaftlichen Interessen bereiten ihm die größten Sorgen, sondern die gesellschaftlichen Folgen. Seier hält es für möglich, dass eine Welle von Massenarbeitslosigkeit bevorsteht, die viele Menschen in eine existenzielle Sinnkrise stürzen könnte. Im optimistischen Szenario entstehe eine technologische Überflussgesellschaft, in der Krankheiten selten und materielle Güter für alle verfügbar seien. Im negativen Szenario drohten jedoch gravierende soziale Verwerfungen bis hin zu extremen Entwicklungen, deren Ausgang niemand garantieren könne.
Entscheidend sei aus seiner Sicht, dass diese Risiken kaum Teil der politischen Debatte seien. Angesichts der bevorstehenden Wahlperiode sei es bemerkenswert, wie wenig ernsthaft über die strukturellen Folgen von KI gesprochen werde. Er hält es für denkbar, dass sich bereits in der nächsten Legislaturperiode grundlegende Veränderungen zeigen. Sollten in großem Umfang Arbeitsplätze wegfallen, stünden Fragen der Einkommensverteilung und sozialen Stabilität im Zentrum politischer Auseinandersetzungen.
Das Bild vom herannahenden Raumschiff
Um die Dramatik seiner Einschätzung zu verdeutlichen, greift Seier zu einem Vergleich. Man stelle sich vor, die Menschheit entdecke ein Raumschiff auf dem Weg zur Erde, dessen Insassen über eine weit überlegene Intelligenz verfügen und in wenigen Jahren eintreffen. In einem solchen Szenario würde die Weltöffentlichkeit in Alarmbereitschaft versetzt, Regierungen würden koordiniert handeln, und die Medien würden kaum ein anderes Thema kennen. Die Menschheit sähe sich gezwungen, geschlossen zu reagieren.
Der entscheidende Punkt sei jedoch, dass dieses Raumschiff bereits existiere. Es werde nur nicht von außen gesteuert, sondern von uns selbst gebaut. Genau darin liege das Paradox der aktuellen Entwicklung. Internationale Stimmen stützen diese Einschätzung. IWF-Chefin Kristalina Georgieva sprach von einem Tsunami für den Arbeitsmarkt. Der KI-Unternehmer Dario Amodei prognostizierte, dass künstliche Intelligenz innerhalb weniger Jahre technisch in der Lage sein werde, die meisten oder sogar alle Tätigkeiten zu übernehmen.
Karriere und Leistung verlieren wegen KI an Bedeutung
Mit Blick auf seine Enkelkinder im Alter von drei bis sieben Jahren fällt es Seier schwer, sich klassische Karrierewege vorzustellen. Wenn Maschinen eine dem Menschen weit überlegene Intelligenz erreichen, verliere die individuelle Leistungsfähigkeit an wirtschaftlicher Relevanz.
Hochqualifizierte und gut bezahlte Tätigkeiten könnten in großem Umfang verschwinden. Anders als bei früheren Strukturwandelprozessen sei es diesmal fraglich, ob neue Tätigkeitsfelder in vergleichbarem Umfang entstehen. Kurzfristig erwartet er eine Phase erheblicher gesellschaftlicher Spannungen. Für viele Menschen sei Arbeit identitätsstiftend und zentraler Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Fällt dieser Anker weg, droht eine tiefgreifende Sinnkrise. Langfristig könne sich das Werteverständnis verändern. Jüngere Generationen würden womöglich anders auf eine Welt reagieren, in der menschliche Leistung nicht mehr der entscheidende Erfolgsfaktor ist.
Wohlstandsabfluss und fiskalische Risiken durch Künstliche Intelligenz
Selbst in einem positiven Szenario mit staatlicher Grundsicherung sieht Seier erhebliche Risiken für kleinere Volkswirtschaften. Wenn Wertschöpfung zunehmend bei großen US-Konzernen konzentriert wird, drohe ein erheblicher Abfluss von Kapital. Gleichzeitig könnten gut bezahlte Arbeitsplätze wegfallen. Das würde die Finanzierung sozialer Sicherungssysteme unter Druck setzen und neue Formen der Besteuerung, etwa von KI-Anwendungen, erforderlich machen.
Noch gravierender erscheint ihm jedoch die systemische Dimension. Führende Wissenschaftler wie Geoffrey Hinton und Yoshua Bengio warnen vor der Möglichkeit, dass hochentwickelte KI eigene Zielsetzungen entwickelt, die nicht mit menschlichen Interessen übereinstimmen. Diese Risiken würden durch den globalen Wettbewerb weiter verschärft. Staaten und Konzerne stünden unter enormem Druck, im KI-Wettlauf die Führungsrolle zu übernehmen. In einem solchen Umfeld bleibt wenig Raum für Selbstbeschränkung.
Deutschland vor strukturellen Weichenstellungen
Für Deutschland als exportorientierte Industrienation mit starkem Mittelstand und hoher Industriequote stellen sich ähnliche Herausforderungen. Sollte ein erheblicher Teil der Wertschöpfung in globale KI-Plattformen abwandern, gerieten Arbeitsmärkte, Steuereinnahmen und Sozialversicherungen unter Druck. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen für Produktivitätsgewinne und neue Geschäftsmodelle.
Entscheidend wird sein, ob es gelingt, technologische Kompetenz, Regulierung und wirtschaftliche Resilienz in Einklang zu bringen. Die Debatte über künstliche Intelligenz ist damit keine Randfrage der Technologiepolitik, sondern eine Kernfrage der künftigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung.


