Politik

Familienversicherung vor dem Aus: Koalition will Ehepartner blechen lassen

Kostenlose Mitversicherung für Familienangehörige - damit dürfte bald Schluss sein. Die Bundesregierung prüft das Ende der kostenlosen Familienversicherung für Ehepartner – für Millionen Versicherte könnte es deutlich teurer werden. Hinter den Kulissen laufen bereits Gespräche über neue Beiträge, die das Defizit der Krankenkassen schließen sollen.
24.03.2026 10:50
Aktualisiert: 24.03.2026 10:50
Lesezeit: 3 min
Familienversicherung vor dem Aus: Koalition will Ehepartner blechen lassen
Die Regierung prüft das Ende der kostenlosen Familienversicherung. Millionen Ehepartner könnten künftig Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung zahlen. (Foto: iStock / Wavebreakmedia) Foto: Wavebreakmedia

Kostenlose Mitversicherung Krankenkasse für Ehepartner könnte kippen

Die Regierung erwägt laut "Handelsblatt", die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner abzuschaffen. Bundesgesundheitsministerin Warken wollte sich zu dem Bericht jedoch nicht äußern.

Die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung könnte für viele Familien spürbar teurer werden. Wie das "Handelsblatt" unter Berufung auf Koalitionskreise meldete, laufen in der Bundesregierung Gespräche darüber, die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner zu streichen.

Selbst wer nichts oder nur wenig verdient – bis zu 500 oder 600 Euro im Monat –, müsste künftig mindestens 200 Euro im Monat in die GKV und 25 Euro in die Pflegeversicherung einzahlen. Wer also bisher kostenlos mitversichert war, soll demnach künftig insgesamt einen Mindestsatz von etwa 225 Euro im Monat zahlen, berichtete das "Handelsblatt" weiter. Ausnahmen soll es für Menschen mit Kindern unter sechs Jahren oder mit pflegebedürftigen Angehörigen geben.

Die Zeitung beruft sich auf Koalitionskreise, Warkens Haus wiegelte jedoch ab: Es gebe bislang keine festen Pläne in diese Richtung, zunächst gelte es, die Vorschläge der Kommission am Montag abzuwarten. Die Berichte seien lediglich "Mutmaßungen und verschiedene Berechnungen, die in den Raum gestellt werden".

Allerdings hatte Warken bereits schon in der "F.A.Z." angedeutet, sie könne sich ein Abspecken der Familienversicherung durchaus vorstellen. "Ich teile das Ziel, Anreize zu setzen, damit vor allem mehr Frauen einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit nachgehen, auch für die Altersvorsorge", hatte sie gesagt. "Die Familienversicherung zu reformieren, wäre ein Paradigmenwechsel, das müsste aber sozialverträglich passieren."

Die Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung werde voraussichtlich ein zentraler Baustein der Reformen bei Gesundheit und Pflege, hieß es weiter unter Berufung auf Angaben aus der Bundesregierung. Die Maßnahme solle das Milliardendefizit der Krankenkassen verringern und zugleich den Anreiz erhöhen, eine Arbeit aufzunehmen.

Kostenlose Mitversicherung: Warken reagiert nicht auf Bericht

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken wollte sich nicht zu dem Medienbericht äußern. Sie wolle die Ergebnisse der Finanzkommission Gesundheit abwarten, die in der kommenden Woche ihre Empfehlungen vorlegen werde, erklärte ihr Ministerium. "Einzelne Berichte werden bis dahin wie gehabt nicht kommentiert."

Dies beinhalte "auch Mutmaßungen und verschiedene Berechnungen, die in den Raum gestellt werden", hieß es aus Warkens Ressort weiter. Wie angekündigt werde "im Anschluss an die Vorstellung der Ergebnisse der Finanzkommission Gesundheit ein ausgewogenes Gesamtpaket präsentiert".

Ende März wird eine von Gesundheitsministerin Nina Warken eingesetzte Expertenkommission Vorschläge zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge vorlegen. In der Bundesregierung laufen jedoch bereits parallel Gespräche über mögliche Reformen. Dabei zeichne sich ab, dass man die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner abschaffen werde, hieß es laut "Handelsblatt" in Koalitionskreisen. Eine endgültige Entscheidung steht allerdings noch aus, zunächst soll der Kommissionsbericht abgewartet werden.

Einordnung des IW

Arbeitsmarktpolitisch ist das laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sinnvoll. Denn von der bisherigen Regelung profitierten vor allem klassische Ein-Verdiener-Ehen. Für den zweiten Partner lohne sich der Einstieg in den Job oft nicht, wenn er von seinem Lohn auch eigene Krankenkassenbeiträge zahlen müsse. Das IW schreibt in einer Stellungnahme: "Die Neuregelung könnte einen Anreiz setzen, eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufzunehmen – angesichts der Überalterung ein richtiger Schritt. Voraussetzung ist allerdings, dass die Betreuung der Kinder gesichert ist, auch am Nachmittag. Insbesondere für Familien mit schulpflichtigen Kindern können zusätzliche Ausgaben entstehen, wenn mangelnde Betreuungsmöglichkeiten den Jobeinstieg verhindern."

Auf Dauer könne die Reform aber weder die Kranken- noch die Pflegeversicherung retten. Das IW weiter: "Zwar bringen zusätzliche Beiträge den Kassen zunächst Mehreinnahmen. Doch das Finanzierungsproblem der Kassen liegt nicht auf der Einnahmenseite: Die Ausgaben der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung steigen seit Jahren deutlich stärker als die Einnahmen aus sozialversicherungspflichtigen Einkommen. Während die Einnahmen seit dem Jahr 2000 um rund 90 Prozent gestiegen sind, haben sich die Ausgaben mit 136 Prozent mehr als verdoppelt. Mit der Abschaffung der beitragsfreien Mitversicherung kann die Bundesregierung lediglich etwas Zeit gewinnen, um das Ausgabenproblem zu lösen. Denn letztlich führt kein Weg daran vorbei, das Ausgabenwachstum zu bremsen, um eine nachhaltige Finanzierung zu sichern".

Millionen Mitversicherte im System

Nach Angaben des Kassenverbands gibt es in Deutschland 75,3 Millionen gesetzlich Versicherte. Darunter sind fast ein Fünftel oder 15,7 Millionen beitragsfrei mitversicherte Angehörige; die meisten sind Kinder. Rund 2,5 Millionen jedoch sind Ehegatten oder Lebenspartner. Müssten diese jeweils 200 Euro im Monat einzahlen, kämen rechnerisch sechs Milliarden Euro pro Jahr zusammen.

Das sind allerdings nicht einmal zwei Prozent aller Beitragseinnahmen in der GKV, zumal Partner mit kleinen Kindern und pflegebedürftigen Verwandten nicht zahlen sollen.Es scheint, als liefe der viel beschworene "Herbst der Reformen" nun, im Frühling, langsam an. Im Herbst 2026 könnte es vielleicht soweit sein! Ob die Regierung dann ein sinnvolles, stimmiges Gesamtpaket liefert oder einen Wirrwarr sich widersprechender neuer Regeln voller Ausnahmen, die noch mehr Verwaltungsaufwand nach sich ziehen - das wird sich zeigen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Erst Öl bei 200 Dollar erschüttert die Welt – ohne das bleibt der Iran-Krieg nur eine Korrektur
24.03.2026

Historische Erfahrungen zeigen, dass nicht Kriege selbst, sondern makroökonomische Fundamentaldaten die Finanzmärkte bestimmen.

DWN
Politik
Politik Familienversicherung vor dem Aus: Koalition will Ehepartner blechen lassen
24.03.2026

Kostenlose Mitversicherung für Familienangehörige - damit dürfte bald Schluss sein. Die Bundesregierung prüft das Ende der kostenlosen...

DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie fällt: Analystenoptimismus schwindet
24.03.2026

Die SAP-Aktie gerät immer stärker unter Druck, Analysten senken ihre Ziele massiv. Für Anleger könnten sich jetzt entscheidende Chancen...

DWN
Politik
Politik EU und Australien schließen Freihandelsabkommen
24.03.2026

US-Präsident Trump verärgert Verbündete mit Zöllen, die EU setzt hingegen auf freien Handel und eine engere Kooperation mit Partnern....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kik schließt 300 Filialen
24.03.2026

Der Discounter Kik schrumpft sein Filialnetz in Europa deutlich zusammen und streicht rund 300 Standorte. Hinter dem Rückzug steckt nicht...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Deutsche Reeder schlagen Alarm wegen akuter Risiken für Seeleute
24.03.2026

Mitten im Iran-Krieg wächst die Unsicherheit für Reeder und Besatzungen auf hoher See. Der VDR warnt vor realen Gefahren, während immer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölpreisschock und physikalische Grenzen am Ölmarkt: Iranisches und venezolanisches Öl sind nicht direkt austauschbar
24.03.2026

Die europäischen Staaten haben ihre Lieferquellen seit 2022 deutlich diversifiziert, weshalb Europa vor allem Preissteigerungen ausgesetzt...

DWN
Politik
Politik CDU und SPD vor Koalitionsgesprächen in Rheinland-Pfalz – Schweitzer und Schnieder starten Verhandlungen
23.03.2026

Nach der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz stehen CDU und SPD vor entscheidenden Gesprächen über eine mögliche Regierungsbildung. Doch...