Politik

Untersee-Internetkabel als Schwachstelle: Wie der Iran-Krieg globale Datenströme gefährdet

Die Spannungen im Nahen Osten rücken die Verwundbarkeit zentraler Untersee-Internetkabel und globaler Datenströme in den Fokus. Welche Risiken entstehen für Wirtschaft und Infrastruktur, wenn diese kritischen Verbindungen gleichzeitig gestört werden?
07.04.2026 11:22
Lesezeit: 3 min
Untersee-Internetkabel als Schwachstelle: Wie der Iran-Krieg globale Datenströme gefährdet
Der Konflikt im Nahen Osten gefährdet zentrale Untersee-Internetkabel in strategischen Engstellen und erhöht das Risiko für Störungen im globalen Datenverkehr (Foto: iStock.com, Sybille Reuter) Foto: Sybille Reuter

Zentrale Datenrouten für Untersee-Internetkabel geraten ins Visier

Die Eskalation der Spannungen im Nahen Osten entwickelt sich zu einer ernsthaften Bedrohung für die digitale Infrastruktur. Betroffen sind vor allem das Rote Meer und die Straße von Hormus, zwei strategische Engstellen, über die ein großer Teil der Untersee-Internetkabel zwischen Europa und Asien verläuft.

Dabei handelt es sich nicht um abstrakte Cloud-Systeme, sondern um physische Leitungen auf dem Meeresboden. Rund 15 bis 20 Prozent des globalen Internetverkehrs werden über Untersee-Internetkabel im Roten Meer abgewickelt. Die Stabilität dieser Infrastruktur gerät durch den Konflikt zunehmend unter Druck.

Untersee-Internetkabel in zwei Schlüsselregionen gleichzeitig bedroht

Nach Angaben der Plattform Capacity Global hat der Angriff der USA und Israels auf den Iran nicht nur die Energiemärkte beeinflusst. Er hat zugleich eine neue Dimension der Gefährdung geschaffen, da erstmals zwei zentrale Korridore für Untersee-Internetkabel gleichzeitig betroffen sind.

Sowohl das Rote Meer als auch die Straße von Hormus bilden kritische Verbindungen zwischen Europa, Asien und Afrika. Kommt es in beiden Regionen zu schweren Störungen, drohen globale Ausfälle der Internetverbindungen. Reparaturen an Untersee-Internetkabeln sind unter Kriegsbedingungen kaum möglich.

Frühere Vorfälle haben die Verwundbarkeit dieser Infrastruktur bereits gezeigt. Beschädigte Untersee-Internetkabel im Roten Meer im Jahr 2025 sowie Zwischenfälle in der Ostsee im Jahr 2024 führten zu spürbaren Einschränkungen. Die aktuelle Lage erhöht das Risiko deutlich.

Konkrete Auswirkungen auf die digitale Versorgung

Der Angriff auf iranische Infrastruktur hat Anfang dieses Jahres zu einem Internetausfall von rund 96 Prozent im Iran geführt. Dies zeigt, welche Rolle digitale Systeme in modernen Konflikten spielen. Die Auswirkungen können sich jedoch weit über einzelne Länder hinaus ausbreiten.

Beschädigungen von Untersee-Internetkabeln durch militärische Aktivitäten oder durch Schiffsanker führen unmittelbar zu höheren Latenzen. Gleichzeitig steigt das Risiko von Ausfällen zentraler Internetdienste. Diese Effekte betreffen nicht nur Asien, sondern auch Afrika und Europa.

Andrej Boštjančič, Geschäftsführer des Telekommunikationsunternehmens Softnet, weist darauf hin, dass der Datenverkehr stark wächst. Die vorhandenen Kapazitäten reichen bereits heute kaum aus. Der zunehmende Einsatz von KI-Anwendungen verschärft die Belastung zusätzlich.

Netze stoßen an ihre Belastungsgrenzen

Fallen Verbindungen zwischen Europa und Asien aus, wird der Datenverkehr über den Pazifik und Nordamerika umgeleitet. Dadurch verlängern sich die Übertragungswege erheblich. Gleichzeitig steigt die Gefahr von Überlastungen in bestehenden Netzen.

Bereits bei einer Auslastung von 95 Prozent arbeiten Netzwerke stabil. Wird diese Grenze jedoch erreicht oder überschritten, kommt es zu Paketverlusten. Die Qualität der Verbindungen verschlechtert sich spürbar und kann im Extremfall zusammenbrechen.

Die Folgen eines größeren Ausfalls wären weitreichend. Homeoffice, Onlinebanking, E-Commerce oder Streamingdienste wären massiv eingeschränkt. Auch Telefongespräche laufen heute überwiegend über internetbasierte Verbindungen und wären betroffen.

Reparaturen bleiben im Konfliktfall aus

Ein zentrales Problem liegt in der Instandsetzung beschädigter Untersee-Internetkabel. Dafür sind spezialisierte Schiffe erforderlich, deren Einsatz in Kriegsgebieten kaum möglich ist. Ausfälle könnten sich dadurch über Wochen oder sogar Monate hinziehen.

Alternativen wie satellitengestützte Systeme stoßen schnell an ihre Grenzen. Während moderne Untersee-Internetkabel Kapazitäten von über 100 Terabit pro Sekunde erreichen, liegt die Gesamtleistung solcher Systeme deutlich darunter. Ein vollständiger Ersatz ist damit nicht realistisch.

Internet entwickelt sich in getrennte Räume

Die aktuellen Konflikte beschleunigen einen Trend hin zu einer Fragmentierung des Internets. Staaten versuchen zunehmend, ihre digitale Infrastruktur zu kontrollieren und unabhängiger zu gestalten. Die Isolation des Irans ist ein Beispiel für diese Entwicklung.

Auch die EU und die USA investieren verstärkt in alternative Datenrouten. Dazu zählen neue Untersee-Internetkabel abseits des Nahen Ostens sowie Projekte in der Arktis. Ergänzend wird der Ausbau von Satellitennetzen vorangetrieben.

Diese Lösungen sind jedoch mit hohen Kosten verbunden und benötigen lange Umsetzungszeiten. Kurzfristig lassen sich die bestehenden Risiken daher nur begrenzt kompensieren.

Umleitungen treiben Kosten und Verzögerungen

Telekommunikationsanbieter bereiten sich bereits auf alternative Routen vor, etwa entlang der westafrikanischen Küste. Dadurch verlängern sich die Datenwege um mehrere tausend Kilometer. Die zusätzliche Latenz kann bis zu 50 Millisekunden betragen.

Für alltägliche Anwendungen ist dies kaum spürbar. Für Finanzmärkte oder industrielle Steuerungssysteme kann die Verzögerung jedoch erhebliche Auswirkungen haben. Gerade im algorithmischen Handel sind solche Zeitverluste kritisch.

Viele Betreiber sichern sich daher zusätzliche Kapazitäten auf alternativen Untersee-Internetkabeln wie Googles Equiano oder Metas 2Africa. Dies treibt die Kosten für Bandbreite nach oben und verschärft den Wettbewerb um verfügbare Ressourcen.

Unternehmen müssen ihre Abhängigkeit reduzieren

Für Unternehmen bedeutet die Entwicklung ein grundlegendes Umdenken. Der Internetzugang kann nicht länger als jederzeit verfügbar vorausgesetzt werden. Redundante Anbindungen über verschiedene Untersee-Internetkabel gewinnen an Bedeutung.

Experten empfehlen, mehrere Anbieter mit unterschiedlichen Leitungswegen zu nutzen. Zudem sollten kritische Daten möglichst nahe an den Nutzern gespeichert werden, etwa innerhalb der Europäischen Union.

Auch Notfallpläne werden wichtiger. Unternehmen müssen definieren, welche Prozesse im Fall eines Ausfalls zwingend aufrechterhalten werden müssen und welche vorübergehend eingeschränkt werden können.

Digitale Stabilität wird zur strategischen Frage

Die geopolitische Lage zeigt, dass digitale Infrastruktur längst ein zentraler Bestandteil nationaler Sicherheit ist. Staaten müssen ihre Datenverbindungen diversifizieren und ihre Abhängigkeit von einzelnen Regionen reduzieren.

Für Deutschland als exportorientierte Volkswirtschaft hat diese Entwicklung besondere Relevanz. Industrie, Finanzsektor und digitale Geschäftsmodelle sind auf stabile Verbindungen angewiesen, die zu großen Teilen über Untersee-Internetkabel verlaufen.

Der Ausbau redundanter Netze und die Sicherung alternativer Datenrouten dürften daher zunehmend in den Fokus rücken. Die Stabilität der Untersee-Internetkabel wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die wirtschaftliche Resilienz.

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